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Esriel Carlebach: Stolze Spanier – Saloniki (1932)

Die Juden von Saloniki erschienen dem Mann, der eineinhalb Jahrzehnte später zum Begründer der Zeitung „Ma’ariv“ werden sollte,  Esriel Carlebach, einst als so bedeutsam, dass er ihnen in seinem Buch „Exotische Juden“ das erste Kapitel einräumte. Den regelmäßigen haGalil-Lesern ist der Name dieses gebürtigen Leipzigers kein unbekannter – vor nicht allzu langer Zeit veröffentlichten wir an dieser Stelle sein Jemen-Kapitel aus dem gleichen Band…

Von Robert Schlickewitz

Während in vorangegangenen Beiträgen die Geschichte der, und die Geschichtsschreibung zu der von Deutschen ausgelöschten jüdischen Minderheit auf dem Balkan einer ersten Würdigung unterzogen wurden, folgt heute der Originaltext eines sehr jungen aschkenasischen Juden, der an Ort und Stelle, in Saloniki, mit dessen sefardischen Bewohnern zusammengetroffen ist, der diese über ihr Leben und ihre Befindlichkeiten befragte und der kritisch und doch wohlwollend, Gehörtes, Erlebtes und nötiges Hintergrundwissen in einem gut lesbaren Aufsatz vereinte. „Der Heine-Bund, eine jüdische Buchgemeinde, Berlin W 57, Pallasstraße 10/11“ verlegte 1932 dieses sich auf Reisen und Recherchen stützende Bändchen zu ‚nicht üblichen‘, jüdischen Lebensformen im Mittelmeerraum, in Nordafrika und im Orient.

Esriel (auch: Ezriel) Carlebach, der 1908 in Leipzig zur Welt kam, war Angehöriger einer Familie, die zahlreiche herausragende Rabbiner hervorgebracht hat. Zu nennen wäre besonders sein Onkel, Joseph Carlebach (1882-1942), der lange Jahre in Lübeck wirkte und möglicherweise sogar die Vorlage für den Rabbi in Thomas Manns „Dr. Faustus“ abgab. Joseph Carlebach war zunächst Lehrer, leitete dann eine Thora-Schule in Hamburg und trat vielfach als Verfasser von religionswissenschaftlichen Kommentaren und Artikeln in deutsch-jüdischen Zeitschriften und Zeitungen hervor. Sein ebenso kreatives wie produktives Leben beendeten die Deutschen in einem nahe der lettischen Hauptstadt Riga gelegenen Konzentrationslager. Zurück zu seinem uns hier interessierenden Neffen Esriel.  Dieser verließ seine sächsische Heimat bereits mit 15 Jahren, um an einer litauischen Jeschiwa zu studieren. Später setzte er seine Ausbildung in Jerusalem fort. Wieder zurück in Deutschland war er am Aufbau einer internationalen Sabbath-Liga beteiligt und arbeitet er an mehreren jüdischen Periodika, die in Deutschland, Polen aber auch in Palästina erschienen mit. Seine Beiträge erschienen u.a. in den Tel Aviver Blättern „Haaretz“ und „Ha-Zofeh“. Carlebachs allzu aufrichtige Reportagen über die schlimmen Lebensbedingungen der Juden in der Sowjet Union unter Stalin machten ihm die Kommunisten zu Feind. Ein von einem Fanatiker auf ihn verübtes Attentat überlebte er nur knapp und mit schweren Verletzungen. Carlebach unternahm häufig ausgedehnte Reisen und er galt als ein Journalist, der gründlich recherchierte. 1939 machte man ihn zum Herausgeber der Tel Aviver Nachmittagszeitung „Yedi’ot Aharonot“. Einige Jahre später, genauer im Geburtsjahr des Staates Israel, 1948, rief Carlebach das Konkurrenzblatt „Ma’ariv“, das lange Jahre über die einflussreichste Zeitung im Lande bleiben sollte, ins Leben und fungierte als deren Chefredakteur. Hoch angesehen verstarb er, viel zu früh, im Jahre 1956.

Rosa Eskenasi, Film mit alten Aufnahmen, u.a. vom Brand in Saloniki:

Carlebach gibt allein für das unten wiedergegebene Kapitel mehr als dreißig Literaturstellen an, darunter Aufsätze und Bücher von hohem inhaltlichen bzw. bibliophilen Wert.

So manche moderne Leser wird möglicherweise befremden, dass die ersten beiden Drittel seines Textes aus Kritik, Zweifel, Skepsis, ja sogar Spott an den, bzw. gegenüber den, bzw. für die Sefarden von Saloniki bestehen. Dennoch möge sie dies nicht davon abhalten, weiterzulesen, denn im letzten Drittel drückt Carlebach dann seine besondere Zuneigung für diese nur scheinbar ‚ganz anderen‘ Juden aus, wobei er nicht nur nicht an euphorischem Lob und Worten ehrlicher Anerkennung spart, sondern mehr noch, aus dem bis dahin von ihm verwendeten, von Distanz zeugenden ‚sie‘ schließlich ein versöhnlichendes und einbindendes ‚wir‘ macht. Gleichzeitig werden just hier, im Schlussdrittel, die didaktischen Intentionen des überzeugten Zionisten Carlebach erkennbar: am Beispiel der Sefarden von Saloniki möchte er denjenigen seiner aschkenasischen Leser, die noch nicht von der Eignung der eigenen Leute für alle Berufe und Erwerbszweige überzeugt sind, den Zauderern und ‚Zögerern‘ also, Mut machen: Juden und Jüdinnen taugen neben den traditionellen Berufen eben doch auch zum Schornsteinfeger, zum Feuerwehrmann, zum Dienstmädchen oder zur Wäscherin. Mit anderen Worten, einer Verwirklichung des Judenstaates stehen keinesfalls die Juden selbst im Wege.

STOLZE SPANIER – Saloniki

1.

Es sitzen in hundert Städten rings um das Mittelmeer, in tausend Gassen, in zehntausend Hinterhöfen Juden, von denen man bei uns gar nichts weiß. Man kennt nur ihren Namen: Sfardim.

Geschäftsreisende, Journalisten, Ferientouristen kommen manchmal in die Judenstädte von Saloniki, Rhodos, Konstantinopel, Algier, Alexandria, Tunis und Tetuan. Sie schlendern dann durch die Basarstraßen, versuchen von unschuldigen Kolonialwarenhändlern historisches Material zu bekommen, lassen sich für einen kleinen Bakschisch in alte Synagogenhöfe führen, sonderbar widerstrebend angefaßt von Gefühlen der Vertrautheit und der inneren Ferne zu jenen Bethäusern zugleich. Sie sagen „Israel!“ und „Allemania!“, begegnen einem glücklich verstehenden Lächeln des alten Bethausdieners und hasten dann mit ein paar Ansichtskarten zurück; an Bord zum five o’clock, ins Hotel zu einer Konferenz.

Es kommt den Juden, die solche Stippvisiten in Mittelmeerhäfen machen, nur dunkel zu Bewußtsein, daß sie hier in Zonen eindringen, in denen der vierte Teil der Gesamtjudenheit aufgewachsen ist, aufgewachsen unter eigenen, in allem originellen Lebensbedingungen und, – was das wesentlichste ist, – mit einer ganz, ganz anderen jüdischen Vergangenheit als der unseren.

Sfardim wissen nichts von Chmelnicki und vom schwarzen Tod, von der Aufklärung, vom Liberalismus. Ihre Bräuche sind anders als die unseren, unsere Frommen würden in ihren Häusern nicht essen. Was wir jüdischen Witz, jüdischen Kopf, jüdisches Herz nennen, – das sind dort unbekannte, wenn nicht gar als unjüdisch empfunden Dinge. Und doch sind die Menschen dieser Mentalität und dieser Einstellung, sind die Sfardim bis vor etwa zweihundert Jahren die Majorität des jüdischen Volkes gewesen.

Was sind das eigentlich für Juden, die sich an ihre Umwelt nicht assimiliert haben und doch anders sind, als was wir „jüdisch“ nennen? Was ist das für ein jüdisches Eigenleben, das sie führen, – deutlich jüdisch und doch uns vollkommen fremd?

Es sind Menschen und Lebensformen, die wir nicht umsonst sfardisch nennen. Sfardisch, das heißt spanisch. Sfardim, das sind die Nachkommen all der Juden, die seit 1492 in größeren und kleineren Zügen aus Spanien flohen und nicht reich genug waren, nach Amerika, Holland, Deutschland und Frankreich auszuwandern. Das sind jene Juden, die als kompakte Gruppen rings um das Mittelmeer sitzen blieben.

Sie kamen als spanische Kleinbürger, entjudet bis ins letzte hinein. Schon hundert Jahre vor der Vertreibung konnte in Saragossa kein Jude mehr hebräisch lesen, man hielt den Hauptgottesdienst der Stadt auf spanisch ab. Sie waren religiös-liberal; bestenfalls: spanische Staatsbürger jüdischen Glaubens. Und wenn man sie nicht vertrieben hätte, – Mischehen und Indifferentismus hätten sie aufgezehrt wie alle assimilierten Judensiedlungen sonst.

Aber man vertrieb sie, vertrieb sie in geschlossenen Gruppen. Nie vorher und nie nachher ist je wieder eine so große Zahl von Juden an einem Tag auf die Wanderschaft geschickt worden wie am 9. Aw 1492, als uns die katholischen Könige auswiesen. Nie wieder sind in den gleichen Wochen an soviel verschiedenen Stellen der Welt ganze Schiffsladungen Juden mit fertigem Eigenleben ans Land gestiegen. Das war eine vollkommen andere Einwanderung als jene, die wir aus eigener Erfahrung vom Deutschland, Frankreich und Belgien unserer Tage her kennen. Da hatten sich nicht einzelne Menschen eine Existenz zu gründen, hier war die Frage: Kann sich diese sfardische Siedlung behaupten oder nicht. Und weil die Existenzfrage nicht für den Einzelnen zu entscheiden war, weil jeder sich mit der Gemeinschaft verbunden wußte auf Leben und Tod, deshalb assimilierten sie sich nicht an die neue Heimat.

Im Gegenteil: Wo zwei Sfardim einander begegneten, sprachen sie spanisch, wo zwei ihrer Familien untereinander heirateten, geschah es mit den Gebräuchen von Sevilla und Cordova, wo sie sich ein Haus bauten, lag in der Mitte der Patio und ringsherum eine kleine Zahl kühler Zimmer mit Mosaikfußböden, Gitterfenstern und maurischen Malereien. Sie übertrugen so spanische Lebensformen ins Ghetto, für das es ja unwesentlich ist, ob sein Habitus dem Boden, auf dem er steht, verwandt ist oder nicht.

Vielleicht, wenn das Ghetto nicht gewesen wäre, hätten sie schon fünfzig Jahre nach der Vertreibung, – wie die am gleichen Tage ausgewiesenen Mauren, – keine blasse Erinnerung mehr an Spanien gehabt. Vielleicht, wenn man sie in Spanien hätte ruhig leben lassen, würden sie bald keine blasse Erinnerung mehr an ihr Judesein gehabt haben. Aber man verfolgte ihr Judentum in Spanien und festigte so das Jüdische in ihnen, man wies sie in der Türkei ins Ghetto, und sie mußten ihr Spaniertum konservieren. So sind sie bis auf den heutigen Tag Spanier jüdischen Glaubens geblieben, ein seltsam anachronistischer Volksstamm.

2.

Es ist grotesk: Da leben in Adrianopel und Sofia, in Bukarest und in Smyrna Tausende von Juden, die kochen, wie man in Spanien gekocht hat, die essen, ungeachtet des anderen Klimas und der Marktverhältnisse, – was man in Cordova und Sevilla zu essen pflegte. Sie backen ihr Pan d’Espania, ihr spanisches Brot, obwohl die Fabriken ihrer Städte viel schmackhafteres gesünder und billiger herstellen. Sie haben ihre Pastel und ihre Albondiga als Fleischgericht, ihre Agraestada und Caldo zur Suppe, ihre Ques adilla zum Nachtisch und das Pan de Leon zum Abendbrot.

Sie heißen Joya, Valle, Tilla und Alegre (zu deutsch: Diamant, Tal, Holz und Freud). Sie lieben es, statt etwas zu fragen, ein spanisches Sprichwort anzuwenden und statt zu antworten, ein spanisches Sprichwort zu gebrauchen. Sie singen nur spanische Romanzen.

Wenn es ganz früh am Morgen ist in Saloniki, – die Fensterläden noch geschlossen und kaum hell genug, daß man überhaupt sehen kann, – dann geht der Limonadenverkäufer schon durch die Straßen. Er lehnt sich, den Fez halb in die Stirn geschoben, den Wasserkrug groß vor die Brust gebunden, an eine Ecke und singt, schmachtend, durch die Nase, langgezogen:

„Sitzt die Königin Isilia, sitzt und webt, goldene Nadeln in der Hand, näht sie ein Liebesbanner. Manchmal fällt die Nadel ihr, manchmal der Fingerhut zur Erde. Kommt dann der schöne Pariser vorbei, spricht sie zu ihm: „Welche Arbeit hast, Pariser, deinem edlen Körper ausgewählt?“ – „Kaufmann bin ich, meine Königin, ein Kaufmann und ein Schreiber. Drei Schiffe ankern mir im Hafen, gold- und teppichbeladen.“ – „Wenn das wahr ist, Pariser, und wenn du willst, Pariser, dann komm‘ ich dich besuchen.“ – „Gesegnet seist bei deinem Kommen, Königin, du mir.“ – Kaum daß sie auf das Schiff gegangen, hob den Anker er und breitete die Segel und trug die Königin nach Frankreich.“

Während der Limonadenverkäufer das singt, wacht die Judengasse auf. Man stößt die Fensterläden zurück, Köpfe zeigen sich, Arme, Becher, Schalen. Der Limonadenmann geht an den Fenstern entlang und gießt ein.

Nicht wahr, das ist ganz anders, als man ein Ghetto sich vorstellt, ganz anders, als in polnischen Städtchen die Schulklopfer die Häuser entlanggehen, mit einem Hammer an die Türen schlagen und dumpf mahnend sagen: Juden, steht auf, steht auf zum Dienst des Schöpfers!

Säße ein ostjüdischer Rabbiner bei einer ihrer Hochzeiten und hörte den folgenden Vers, – er würde aufstehen und hinausgehen; hier aber singen die Rabbiner selbst: „Alle gehen, alle gehen in die Schul, ich aber geh‘ zu dir, Esterica, meine Seele. Alle küssen, alle küssen die Mesusa, ich aber küsse deinen Mund, Esterica, meine Seele.“

Selbst die spanische, dem Ghetto so fremde Bewunderung für den starken Mann, hat die sfardische Masse sich zu eigen gemacht. Kein Kind ist da rings ums Mittelmeer, daß nicht einem „Makkabiverein“ angehört. Und Saloniki selbst hat eine Variante der alten jüdischen Legende von den sehsunddreißig Gerechten, auf denen die Welt ruht, geschaffen, wie ich sie merkwürdiger nirgends gefunden habe. Die Überlieferung will bekanntlich, daß sechsunddreißig Zaddikim, einfache Menschen, die Säulen der Welt sind, um deretwillen Gott mit ihr nicht nach unser aller Sünden verfährt und sie zerstört; Saloniki aber nennt die sechsunddreißig Zaddikim, seine, Salonikis, … 36 Räuber. Das sind junge, verwegene, abenteuerlustige Lastträger, Spürhunde, die unerkannt um die jüdischen Höfe der Vorstadt herumstreifen und vorwitzige Armenier und Türken mörderlich verprügeln.

Mehr als all das: Juden, Kinder des Volkes, daß den Glauben an die Seelenwanderung nach Europa gebracht hat, haben Bilder von Toreros in ihren Wohnungen hängen. Juden sprechen nach, was die Spanier sagen und was allein sie rechtfertigt, daß nämlich die Stierkämpfe keine Grausamkeit seien, weil Tiere ja keinen Schmerz empfinden, keine Seele haben.

Unnötig, nun noch hinzuzufügen, daß ihre Wohnungen, wo sie überhaupt möbliert sind, kleinbürgerlich-spanischen Geschmack verraten, daß sie sich am liebsten mit kitschigem Laubenhintergrund und als Andalusier verkleidet photographieren lassen, daß sie noch im Hungertod ihre altkastilianischen Broschen und Truhen nicht verkaufen würden.

Wichtig oder nicht, bezeichnend ist es allenfalls: Hunderttausende jüdischer Frauen tragen rings um das Mittelmeer statt der haarverdeckenden Perücke die Kofia. Das ist ein Tuchstück, zusammengesetzt aus den Farben der Königsfahne von Isabella der Katholischen, der allzu Katholischen. Derselben, die schrieb: „Wir befehlen, daß unsere Königreiche alle Juden austreiben und daß sie niemals zurückkommen sollen.“

3.

Und das Jüdische dieser Spanier?

Es ist ganz und gar verbannt in den Bezirk des Religiösen. Jene einzigartige, uns vom Osten her bekannte Verschwisterung des Religiösen mit dem Volkhaften, die Gestaltung des Gotteshauses zum Volkshaus und des Schanktischgesprächs zur ekstatischen Konfession ist dem Sfardi unbekannt. Kein Sfardi hat je mit dem lieben Gott auf Duzfuß gestanden. Entweder er ist mit ihm böse oder er hat richtig kindliche Angst vor ihm. Im Osten hat es geschehen können, daß eine Schneidersfrau abgehetzt und noch schwer keuchend in die Synagoge kam und dem lieben Gott ankündigte: „Guten Abend, lieber Gott, ich bin schon da und von meinem Mann Schmuel soll ich dir sagen, er wird auch gleich kommen, er schneidet sich nur noch die Nägel.“ Eine sfardische Frau aber geht überhaupt nicht in die Synagoge. Aus Gottesfurcht. Das heißt, aus Angst vor dem lieben Gott.

Das Religiöse ist nicht in den Alltag eingebrochen, distanziert, würdevoll geblieben. Es wurde ganz im christlichen Sinn „Glaube“, letzter, höchster Zufluchtswinkel des schwachen Menschen, nicht: vitales Volksgut. Durch die Ghettostraßen am Mittelmeer schreiten die Rabbiner wie Mönche durch Spaniens Gassen. Im Kielwasser der scheuen Bewunderung, das hinter ihnen herrauscht, bleiben Kinder schüchtern und erregt stehen, legen Frauen sich die Hand aufs Herz und wünschen sich Söhne, die sind wie diese da. Die Grenzmauer zwischen Synagoge und Haus ist noch nicht geschleift.

Die Sfardim sind eben schon als liberale Juden aus Spanien gekommen. Sie haben nicht nur äußerlich am spanischen Leben unvorstellbar großen Anteil gehabt, sie stellten nicht zufällig siebzig Prozent all seiner Universitätslehrer, sie waren auch innerlich Spanier jüdischer Konfession. Das Spanische war ihnen nicht Verständigungsmittel schlechtweg, sondern Muttersprache, und jüdische Begriffe in ihr – Fremdworte.

Man muß sich das schon an einem Beispiel aus der Gegenwart deutlich machen, wenn man es genau erkennen will: die deutschen Juden sprechen deutsch, ein Begriff des religiösen Lebens ist ihnen ein Fremdwort innerhalb der deutschen Sprache und wird als solches gebraucht. Es gibt deshalb kein Wort, für das der deutsche Jude nicht auch eine rein und absolut deutsche sprachliche Bezeichnung hätte, selbst wenn es sich um Sabbath und Jom-Kippur handelt. Das Jiddische dagegen hat für all diese Dinge keine anderen Bezeichnungen als die nurjüdischen. Wenn ein polnischer Jude ein Synonym suchen sollte für das Wort „Emess“, – das bei uns mit Wahrheit übertragen würde, – er könnte jahrelang auf Wasser und Brot gesetzt werden, ohne es zu finden.

Jiddisch ist zwar ein mittelhochdeutscher Dialekt, – richtig; aber die Juden haben daraus eine jüdische Sprache gemacht.

Anders Ladino, die Zunge der Sfardim, ein altkastilianischer Dialekt, den sie wie selbstverständlich aus der Heimat mitgebracht und bis heute bewahrt haben. Wenn wir es heute sprechen hören, dann redet da im Grunde ein kastilianischer Nichtjude, ein Sevillaner katholischer Bürger zu uns. Er kennt natürlich die jüdischen Institutionen und ihre Bezeichnungen. Aber er sagt doch für Aron-Hakodesch – „Heilige Lade“, denn das jüdische Synonym steht ihm von vornherein nicht näher als das nichtjüdiche. Er nennt für gewöhnlich seine Bethausvereinigung „Comindad“, genau so wie der deutsche Jude „Gemeinde“ sagt und nicht – Kehilla. Ein Kinderlehrer im Osten könnte noch heute kein sinngemäßes Wort für die Übersetzung von Kohen (Priester) und Korban (Opfer) finden, wenn er mit seinen Schülern den Pentateuch lernt. Für den Sfardi aber gibt es die Begriffe Opfermahl und Allerheiligstes auch außerhalb des Jüdisch-Religiösen, als Besitzteil seiner spanischen Vorstellungswelt, er kann deshalb seinen Kindern für Kohen die Übertragung „Sacerdoti“ beibringen. Und das, ohne zu merken, wie er sie so dem eigentlich jüdischen Sinn des Wortes entfremdet.

In solcher Distanz dann wird das Jüdische Kasten-, Klassengut, ja Besitztum allein der … Männer. Die reden so ein anderes Ladino als die Frauen, und das nicht etwa als Zufallsgeschehen, sondern als Gesetz. Zum Beispiel: Nur Männer sagen: chenioso (bechejnt, reizend), maseldigo (glücklich). Männer begrüßen einander mit dem hebräischen „Baruch Habba“ und bekommen zur Antwort „Baruch hanimza“ – gesegnet der da kommt und gesegnet der da ist. Niemals aber würden Frauen so sagen; sondern: Sias vein venera und Sias vein aniada. Was zwar genau dasselbe heißt, aber doch spanisch ist. Männer rufen einander am Sabbath zu: Schabbat Schalom; Frauen sagen nur: Buenos sabbat.

Der Tagelöhner, der Schuster, der Lastträger in Saloniki, Rhodos oder Konstantinopel wird, – weil so das Jüdische eine Standessache ist, – wenn er eine gute Tat tun will, abends ins Bethaus gehen, sich scheu in eine Ecke hocken und ehrfürchtig zuhören, wie an der gegenüberliegenden Wand ein paar Gelehrte, mehr oder weniger leise, aber immer gleich hochnäsig, etwas Unverständliches murmeln. Der Lastträger kommt wohlverstanden, den Klang des Lernens hören, nicht: profitieren, verstehen. Es ist Guttat, Mizwa genug, eine Stunde dem Schall der Tora zu opfern, der Himmel verlangt nicht mehr. Im Osten dagegen würde, wer selbst nicht mehr als Psalmen lesen kann, im Leben nicht daran denken, dem Talmuddisput anderer zuzuhören. Sondern er würde seinen eigenen Psalmenleser-Verein in der Vorstube der Synagoge gründen…

Weil das Jüdische so vom Bereich der denkerischen Betätigung in den des Glaubens verwiesen wurde, ist beim Sfardi auch viel einfacher Kinderglaube zuhause. Es haben sich da Engel und Geister, naiv-lächerliche Bilder in die Vorstellungswelt einer Masse hineingestohlen, die sich mit Gott selbst nicht zu beschäftigen wagt, weil das ja ein Reservat der Gelehrten ist. Sagen entstehen dort, wie man sie bei Wanderderwischen, aber nie auf öffentlichen jüdischen Feiern vermutet hätte. So diese, hier bei allen Beschneidungen mit großem Pomp gesungene: „Und die Frau des Mannes Terach ward schwanger zu gebären. Schmerzen und Krämpfe plagten sie, nicht wußte sie, wie ihr geschah. Als sie einmal, um vom Wege auszuruhen, in einer Höhle niedersaß, sieh, da gebar sie dort Abraham, unseren Vater. Der, eben ihrem Leibe entsprungen, sprach zu ihr: Geh‘ nur, Mutter, geh‘ fort von hier, Gott wird seine Hand schon über mich halten. Die Mutter hört es und geht. Wie sie nach acht Tagen wiederkommt, findet sie einen jungen Mann in der Höhle auf- und abgehen „in sa manu una gemara“ – in der Hand einen Talmudband. Wo ist mein Sohn, mein Kleinod? Weint sie. Und der junge Mann sagt: Weine nicht, Mutter, weine nicht, sieh, ich bin es doch, dein Sohn Abraham, geh‘ ruhig zurück in deine Wohnung, „malachim del cielo“, die Engel des Himmels werden mich schon schützen.“

Der eben geborene Urvater Abraham, der mit einem Talmudband, – zweifellos Edition Saloniki, – herumspaziert und sich im übrigen auf die Engel im Himmel verläßt, – das ist eine für die Gläubigkeit des Sfardi bezeichnende Vorstellung. Aber nicht nur die Masse bevölkert den Himmel mit solch skurrilen Heiligen, auch die sogenannten „Gelehrten“ verbreiteten diese Vorstellungen. Wo die Führerqualitäten des einzelnen sich der Kontrolle der Masse entziehen, weil die zu wenig von der Tora versteht, werden eben immer auch Charlatans und unwissende Schnorrer als „Gelehrte“ verehrt werden können.

Das natürlich vor allem bei den Frauen. Ihnen ist der „Chacham“ das ist der Weise, alles: Rabbiner, Seelsorger, Mittler zwischen den Familien, zwischen Himmel und Erde. Er kuppelt ihre Partien zurecht, er trägt ihre Streitigkeiten aus und liest ihnen an Sommernachmittagen die Grabsteininschriften ihrer Verwandten vor, um sie zum Weinen zu animieren. Im Winter dann hat er bei je einem kleinen Kreis Frauen seinen jour fix, einen bestimmten Tag in der Woche, an dem er sie „religiös belehrt“.

Da sitzen die Frauen abends im Zimmerwinkel rings um ein offen loderndes Feuer. Dann und wann streckt eine von ihnen die Hände in den rötlich blassen Schein, wärmt die klamm gewordenen Finger, legt sie wieder zurück in den Schoß und wartet geduldig auf „ihren“ Chacham. Wenn er endlich kommt, schwarzes Tuch um den Fez zum Zeichen seiner Würde, dann hockt er sich in ihren Kreis, schlägt die Enden seines Rockes in den Schoß zusammen, streicht sich durch den weißen Bart, macht ein todernstes Gesicht, seufzt tief auf und erzählt:

„Es war einmal ein König, der hatte einen großen, starken, tapferen Sohn. Als der mannbar geworden war, zog er aus, sein Glück zu suchen und kam in ein fernes rätselhaftes Land. Da wohnte eine schöne Prinzessin in einem großen Schloß. Der Prinz liebte sie, stand alle Tage  unten vor ihrem Fenster und sang hinauf … und warf ihr einen goldenen Ring durchs Gitter … Da erschien aber ein riesenhafter Held und wollte ihn vertreiben … und sagte: geh‘ fort von meiner Prinzessin, sonst fresse ich dich auf … Der Prinz aber antwortete: nie, nie kannst du mich fressen und mich töten, denn diese Prinzessin da ist mi masal, – mein mir bestimmtes Glück … Da wich der Held vor dem Prinzen … der aber stieg hinauf zu seiner Prinzessin und raubte sie … und sie waren 101 Jahre verheiratet und sehr glücklich, … mögen auch wir glücklich sein.“

Das ist so sfardisch-rabbinische Seelsorge.

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