- haGalil - https://www.hagalil.com -

Alles Sieger!

Ein außergewöhnlicher Heidelberger Stückemarkt geht zu Ende: alle Autoren gewinnen, inhaltliche Kontroversen, mehr Zuschauer und Veranstaltungen denn je…

Dieser HEIDELBERGER STÜCKEMARKT wird in die Geschichte eingehen und voraussichtlich eine Debatte zur Autorenförderung auslösen: Nach der längsten Jurysitzung, die das Autorenfestival je sah (neun Stunden), entschied die Jury den Hauptpreis, den Innovationspreis und den Preis für das Gastland Israel zusammenzulegen und auf alle neun Wettbewerbsteilnehmer zu verteilen. Das sind die israelischen Autoren Yaron Edelstein, Roni Kuban und Oded Liphshitz sowie die deutschsprachigen Autoren Markus Bauer, Johan Heß, Ursina Höhn, Azar Mortazavi, Eva Rottmann und Juri Sternburg. Diese erhalten demnach neun Förderpreise zu gleichen Teilen. Manfred Lautenschläger hob das Preisgeld spontan von 2333,- € auf 2500,- € pro Wettbewerbsteilnehmer an.

Die Jury, bestehend aus Christine Dössel, Kritikerin der Süddeutschen Zeitung, dem Künstlerischen Leiter des Dramenprozessors Zürich, Erik Altorfer und Vorjahressieger Nis-Momme Stockmann, erklärte Ihre Entscheidung wie folgt:

„Die Jury ist nach sehr langer Diskussion zu dem Schluss gekommen, dass aus den zur Auswahl stehenden Stücken keine derartig heraus ragen, dass wir eindeutig und konsensfähig die zu vergebenden Preise – den Autorenpreis, den Innovationspreis und den Europäischen Preis – verleihen können. Wir haben daher beschlossen, um dem fördernden Sinn des Wettbewerbs zu entsprechen, die Preissumme zwischen allen Autoren zu teilen, sie „Förderpreis“ zu nennen und in diesem Sinne zu vergeben.“

So kam dem Preis des Freundeskreises als Preis des Publikums besondere Bedeutung zu. Er zeichnete die junge deutsche Autorin Eva Rottmann und ihr Stück „Unter jedem Dach (ein ach)“ unter den Preisträgern noch einmal besonders aus. Der Publikumspreis wird aufgrund eines Votums der Zuschauer nach strengen statistischen Kriterien vergeben. Alle neun Stücke wurden in szenischen Lesungen vorgestellt.


Oded Liphshitz, Roni Kuban, Jan Linders, Eva Rottmann, Markus Bauer, Juri Sternburg, Bernhard Carl, Manfred Lautenschläger, Ursina Höhn, Romani Rose, Peter Spuhler, Azar Mortazavi, Christine Dössel, Erik Altorfer, Nis-Momme Stockmann, Yaron Edelstein. Foto: Valentin Sorko

Den Ehrenpreis des HEIDELBERGER STÜCKEMARKTS 10 erhielt Volkmar Clauß, ehemaliger Intendant des Heidelberger Theaters, der 1996 den Autorenwettbewerb als Herzstück des HEIDELBERGER STÜCKEMARKTS eingeführt hatte. Zuvor hatte das Festival nur Gastspiele von Uraufführungen eingeladen. Volkmar Clauß setzt sich zudem beispielhaft für die Theaterarbeit in Israel und Palästina ein.

Dieser STÜCKEMARKT war inhaltlicher als alle seine Vorgänger: Im Fokus standen das Gastland Israel und das Thema Shoah. Damit griff das Festivalteam eine Tradition des STÜCKEMARKTS auf, der 1984 als Gastspiel-Festival zu einem Schwerpunktthema begann. Sowohl das Teatron Beit Lessin – Partnertheater in der von der Kulturstiftung des Bundes im Fonds „Wanderlust“ geförderten Kooperation – als auch das renommierte Cameri Theater und das für innovative Regiearbeiten bekannte Herzliya Ensemble waren mit gefeierten Inszenierungen zu Gast. Kritische Stimmen hatten gefordert, auch Künstler aus Palästina ins Festival einzubeziehen. Doch Festivalleiter Jan Linders, der in der Region intensiv recherchiert hatte, konnte darstellen, dass gemeinsame Auftritte von Palästinensern und Israelis zurzeit politisch nicht möglich und von den Betroffenen selbst ausdrücklich nicht gewollt sind. Der Konflikt war aber in den meisten eingeladenen Gastspielen und neuen Stücken künstlerisch durchaus vielfach präsent.

Rund 5400 Zuschauer besuchten die 60 Veranstaltungen des 27. HEIDELBERGER STÜCKEMARKTS. Das ist mit Abstand die höchste Besucherzahl in der Geschichte des wichtigsten Festivals für neue Dramatik (Vorjahr: 4500 Zuschauer). Die meisten Vorstellungen – vor allem die Uraufführungs-Gastspiele der Theaterhäuser aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz – waren ausverkauft. Um der hohen Nachfrage gerecht zu werden, mussten an allen Spielorten sogar zusätzliche Sitzreihen aufgestellt werden.

Das vom Team um Schauspieldirektor und Künstlerischen Leiter des STÜCKEMARKTS Jan Linders aufgestellte Programm, die hohen Publikumszahlen, die rege Teilnahme an den Gesprächen und die von den eingeladenen Gästen wie von den Besuchern immer wieder gelobte, ausgezeichnete Stimmung unterstreichen, dass der HEIDELBERGER STÜCKEMARKT das wichtigste Förderfestival für junge Dramatik in Deutschland ist. Dies zeigt sich auch an den Preisgeldern – nirgends sonst wird eine so hohe Gesamtfördersumme vergeben, die von der Manfred Lautenschläger Stiftung, der H+G Bank und vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg zur Verfügung gestellt wird.

Eines der Siegerstücke wird das Heidelberger Theater in der kommenden Saison uraufführen. Gastland beim HEIDELBERGER STÜCKEMARKT 2011 wird die Türkei sein.