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Lotty Camerman: Leben in Palästina

Am Ende der Straße taucht ein weißer Pkw auf und fährt direkt auf uns zu. Einige Hundert Meter vor der Straßensperre stoppt er. Der Fahrer wendet und winkt uns zu. Hanan lässt den Motor an und versichert sich über das Mobiltelefon, dass das Handzeichen uns gilt…

Alexandra Senfft
in [Fremder Feind, so nah. Begegnungen mit Palästinensern und Israelis]

Wir sprechen nicht viel, während er dem Wagen folgt – entlang der Mauer, diesem grauen Monstrum, das einem das Gefühl vermittelt, sich auf dem Ausgangsgelände eines Gefängnisses zu bewegen; durch enge Schottergassen, Hügel hinauf und hinunter. Unser Führer nutzt die Nebenstraßen jenseits der Hauptader in den Norden der Westbank, um Hanan sicher ins Büro zu geleiten. Monate später wird er mir gestehen, wie aufgeregt er war, denn es war sein erster Besuch bei seinem palästinensischen Gesprächspartner; und hundertprozentig sicher ist es nicht, mit einem israelischen Nummernschild ins »Feindesland« zu fahren.

Noch eine Anhöhe hinauf, und nun fährt der Geleitwagen auf den kleinen Vorplatz eines zweistöckigen Hauses und hält. Ein gut aussehender Mann mittleren Alters in einem weißen Hemd steigt aus und bedeutet Hanan, neben seinem Wagen einzuparken. Der Mann kommt auf mich zu – »Hallo, ich bin Khaled« – und bittet uns dann zum Eingang.

Khaled Abu Awwad ist Direktor von »Al-Tariq« (Arabisch für »Der Weg«), einer Institution, die sich für Entwicklung und Demokratie in der palästinensischen Gesellschaft einsetzt. Es ist nicht das einzige Institut dieser Art, schon während der ersten Intifada entstanden »Muwatin – The Palestinian Institute for the Study of Democracy« und »Miftah – The Palestinian Initiative for the Promotion of Global Dialogue and Democracy«. Khaled führt uns die Treppen hinauf, und oben erwartet uns eine Frau mit dunkelblonden Haaren in schwarzer Kleidung. Es ist Lotty Camerman, die bei »Al-Tariq« die internationalen Kontakte pflegt. Lotty ist Israelin und spricht fließend Deutsch, weil sie als Kind acht Jahre und zum Studieren nochmals fünf Jahre in Deutschland gelebt hat. Als Jüdin hat sie in Israel die übliche Sozialisierung und den Militärdienst durchlaufen. Später arbeitete sie in der Tourismusbranche, bis diese durch den Nahostkonflikt zum Erliegen kam. 2006 war sie dabei, als Khaled die Institution »Al-Tariq« gründete.

Sie selbst will eine Vermittlerin zwischen den verfeindeten Seiten sein, ein diskretes Bindeglied; ihre israelischen Freunde, darunter Berufssoldaten, haben sich mittlerweile damit abgefunden, dass sie in der Westbank lebt und arbeitet. Früher, vor der Ersten Intifada, kauften Israelis noch regelmäßig zum Wochenende in den besetzten palästinensischen Gebieten ein. Nahrungsmittel waren billig, und man konnte für wenig Geld seinen Wagen reparieren lassen. Doch die Intifada, der Aufstand der Palästinenser gegen die israelischen Besatzer, veränderte die Kontakte zwischen den Nachbarn. Die Palästinenser wollten von den Israelis nicht mehr wie Menschen aus der »Dritten Welt« behandelt werden – und waren doch ökonomisch vollkommen abhängig von ihnen. Nach der Ersten Intifada und dem Golfkrieg 1991 schienen alltägliche, rein wirtschaftlich motivierte Begegnungen nicht mehr möglich zu sein: Diejenigen Israelis, die sich noch in die palästinensischen Gebiete wagten, waren entweder Soldaten, Friedensaktivisten oder Anwälte, die Palästinenser vor israelischen Gerichten vertraten. Paradoxerweise verschärften die Vereinbarungen des Osloer Friedensprozesses die Trennung der beiden Bevölkerungsgruppen.

(…)

Sie und Khaled wollen durch ihre gemeinsame Arbeit mit palästinensischen und israelischen Kindern und Jugendlichen in Sommerlagern erreichen, dass beide Seiten sich besser kennenlernen und die Klischees, mit denen sie aufgewachsen sind, abbauen. Wir trinken starken arabischen Kaffee und setzen uns auf die Veranda – größere arabische Häuser in den Ortschaften (nicht den Flüchtlingslagern) verfügen des heißen Wetters wegen fast alle über Veranden oder Wintergärten. Khaled spricht derweil nebenan am Handy und wirkt geschäftig. Zu uns gesellt sich ein freundlicher Herr namens Rashad, der ebenfalls bei »Al-Tariq« arbeitet.

Rashad erzählt, dass sie in der palästinensischen Ortschaft direkt neben der jüdischen Siedlung bereits eine Gruppe von sechs Personen zusammengestellt hätten – Menschen, die in ihrer Gemeinde eine Rolle spielten, die beiden Frauen beispielsweise seien Lehrerinnen. Die Gruppenmitglieder hätten sich bis dato mehrfach insgeheim getroffen und sich ihre Lebensgeschichten erzählt. Sie seien auch über die Entwicklung und Ideologie der Siedlungen aufgeklärt worden, ebenso wie über einige Prinzipien des Dialogs, was vor allem Zuhören, Vertraulichkeit und Vertrauen bedeutet.

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Unsere Gastgeber betonen, wie wichtig es sei, dieses Dialogprojekt einstweilen vollkommen anonym und im Verborgenen durchzuführen. Ihnen ist bewusst, dass die Bewohner der palästinensischen Ortschaft die Gespräche mit den Siedlern überwiegend ablehnen, weil sie diese Kontakte als Normalisierung der Beziehungen zum Besatzer betrachten. Es gelte, die Gruppenteilnehmer zu schützen. Lotty weiß um die Asymmetrie zwischen den beiden Seiten – sie und Khaled haben über dieses Thema immer wieder Meinungsverschiedenheiten. Khaled erkennt zwar, dass die Palästinenser in einer sehr viel schwächeren Ausgangsposition sind, doch er glaubt, dass die Dynamik des Prozesses daran mit der Zeit etwas ändern könnte. Transparenz, fügt er hinzu, sei ein wichtiges langfristiges Ziel. »Die Vereinbarungen zwischen den politischen Verhandlungsführern werden für die Öffentlichkeit nie sichtbar gemacht, doch genau das ist eine Voraussetzung, um Politik an der Basis greifbar zu machen und umzusetzen.«

Die Sonne sinkt bereits, und ich werde unruhig, weil ich noch weiter nach Ramallah reisen will. Hanan und Khaled brauchen außerdem noch ein paar Stunden allein miteinander: Sie wollen sich gegenseitig ihre Lebensgeschichten erzählen – eine Voraussetzung für ihre gemeinsame Dialogarbeit. Hanan wird mir später erzählen, dass die beiden sich gut verstanden haben und eine konstruktive Storytelling-Sitzung miteinander hatten, es aber noch weiterer Treffen bedarf. (…)

Ein Sammeltaxi – Modell Minibus – kommt uns entgegen, und Khaled winkt es an den Rand. »Ja, ich fahre ins Zentrum von Ramallah «, sagt der Fahrer. Khaled und ich schütteln uns die Hand, und schon sitze ich im Bus. Fünf israelische Shekel kostet die Fahrt, das ist etwa ein Euro – ich reiche das Geld mithilfe der anderen Fahrgäste zum Fahrer vorne durch. Während ich aus dem Fenster sehe, geht mir Hanans Dialogprojekt noch einmal durch den Kopf, und ich zweifele zunehmend an seiner Durchführbarkeit.

Was kann das gemeinsame Ziel dieser Gesprächsgruppe sein? Es ist gewiss nicht die Einsicht der jüdischen Siedler zu erwarten, dass ihr Wohnort doch nicht rechtens ist, weil er den Palästinensern den Lebensraum und die Ressourcen nimmt. Ebenso wenig ist anzunehmen, die Palästinenser könnten die Rechtmäßigkeit der Siedlung akzeptieren und somit gerade jene Nachbarn, die ihnen aus ihrer Sicht das Land geraubt haben und für ihre geminderte Lebensqualität verantwortlich sind. Die Siedlerin Yudit glaubt zwar an die Zweistaatenlösung, aber ist sie bereit, einen Preis zu zahlen, um dieser Vision näher zu kommen? Schon die eklatant unterschiedlichen Grundvoraussetzungen der Gesprächspartner sprechen gegen einen Erfolg. Ja, die Asymmetrie beginnt bereits damit, dass Khaled von den israelischen Behörden keine Erlaubnis hat, nach Jerusalem zu reisen, während Hanan sich frei bewegen kann. Khaled muss zudem bei den eingeschränkten Möglichkeiten unter einer Besatzung seine Familie ernähren, weshalb er sich eine ehrenamtliche Arbeit für »Al-Tariq« trotz seiner Überzeugung für Frieden und Versöhnung kaum leisten kann.

(…)

Gekürzter Auszug aus: Fremder Feind, so nah. Begegnungen mit Palästinensern und Israelis
Im Fokus ihrer Berichte steht das, was Bar-On als das „Spannungsdreieck“ – Palästinenser, Juden/Israelis, Deutsche – bezeichnet hatte. Mit ihrem intellektuellen und beruflichen Hintergrund begab sich Alexandra Senfft auf den Weg nach Israel, in die Besetzten Gebiete, nach London und Berlin, um mit Menschen zu sprechen, die sich für eine Verständigung mit dem feindlichen Gegenüber einsetzen…

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