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Emmy Noether – Würdigung und Anmerkungen zur Gedenkkultur

Am 14. April jährte sich der Todestag einer der größten Mathematikerinnen aller Zeiten. Niemand geringerer als Albert Einstein verfasste für die angesehene „New York Times“ den Nachruf auf dieses „schöpferischste mathematische Genie, das hervorgebracht wurde, seit das Hochschulstudium der Frauen existiert“…

Von Robert Schlickewitz

Just mit jenen gesellschaftlichen Veränderungen wie der Einführung des Frauenstudiums oder der Akzeptanz von Frauen als akademischen Lehrern ist die Biografie der hier zu Würdigenden aufs Engste verknüpft. Eines nicht weniger tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels bedurfte es mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Tode der Wissenschaftlerin, bis ihr Geburtsland Deutschland sich endlich in der Lage befand, deren Persönlichkeit und Bedeutung angemessen anzuerkennen.

Emmy Noether kam am 23. März 1882 im, nicht weit von der Frankenmetropole Nürnberg gelegenen, Erlangen, zur Welt. Beide ihre Eltern entstammten jüdischen Familien. Emmys Vater war, wie später auch ihr Bruder Fritz, ein namhafter Mathematiker.

Während fortschrittlichere europäische Länder wie Frankreich, die Schweiz oder England bereits in den 1860er Jahren die Notwendigkeit erkannt hatten, ihren Frauen ein Studium an Universitäten und Hochschulen zu ermöglichen, beharrte man in Deutschland noch zwei Generationen länger auf männlichen Privilegien. So blieb Emmy Noether, ebenso wie deren Zeitgenossinnen auch, zunächst nur übrig, sich für den Lehrerinnenberuf als höchste im Kaiserreich für Frauen erlangbare Stellung zu entscheiden. Im Jahr 1900 legte sie die Staatsprüfung für Französisch- sowie Englischlehrerinnen ab, ohne jedoch jemals ernsthaft damit liebäugelt zu haben, in diesem Beruf tätig zu werden. Vielmehr besuchte sie in den sich anschließenden Jahren Vorlesungen für Mathematik, Romanistik und Geschichte. 1903, als endlich auch bayerische Hochschulen Frauen den Zugang zum Studium gestatteten, legte sie ihr Externenabitur ab und begab sich, zunächst als Gasthörerin, an die Hochschule von Göttingen, wo sie 1907 summa cum laude promovierte.

Die Jahre bis 1915 verbrachte die Hochbegabte mit privaten wissenschaftlichen Arbeiten, mit unbezahlten akademischen Aushilfstätigkeiten aber auch mit der Unterstützung ihres Vaters sowie der zweier weiterer Mathematikprofessoren in Göttingen und vorübergehend wieder in Erlangen, während sie gleichzeitig begann sich mit abstrakter Algebra zu beschäftigen. Allmählich wurde man auf sie aufmerksam, auch im Ausland, und lud sie zu Tagungen und Vorträgen ein bzw. bot ihr die Mitgliedschaft in Mathematikervereinigungen an.

Eine Wendung in ihrem Leben stellte sich ein, als sie der bedeutende Mathematiker David Hilbert nach Göttingen berief. Als, inzwischen, Expertin auf dem Gebiet der Invariantentheorie arbeitete sie sowohl mit Hilbert als auch mit Felix Klein, beides Juden und herausragenden Wissenschaftlern, zusammen. Göttingen genoss damals unter Mathematikern Weltruf.

Weil Emmy Noether an ihre Fähigkeiten glaubte und auf einen noch weitergehenden Wandel in der Gesellschaft – hin zu vollständiger Gleichberechtigung der Geschlechter – setzte, begann sie mit ihrer Habilitation. Jedoch überschätzte sie die Reformbereitschaft bzw. –fähigkeit Deutschlands gehörig und erntete mit ihrem Anliegen lediglich Ablehnung und Zurückweisung, trotz der teilweise illustren Persönlichkeiten, die sich für sie verwendeten. Es blieb ihr lediglich übrig, die Übungen und Seminare unter dem Namen eines männlichen Kollegen abzuhalten und weiter zu forschen.

Erst 1919 konnte sie sich habilitieren und später auch ihre Professur erhalten. Mit einer Arbeit über die „Idealtheorie in Ringbereichen“ legte sie eine der wichtigsten Theorien der modernen Algebra vor, was dazu beitrug, dass sie 1922 eine außerordentliche Professur erhielt. Jedoch bekam sie, anders als ihre männlichen Kollegen, für ihre forschende und unterrichtende Tätigkeit keine Bezahlung. Nur dank einer kleinen Erbschaft und ihres anspruchslosen Lebensstils wegen war ihr ein derart karges Dasein über mehrere Jahre hinweg überhaupt möglich.

Eine Reihe von später international berühmten Mathematikern wurde von Emmy Noether als Doktoranden betreut.

Zu ihren wichtigsten eigenen wissenschaftlichen Arbeiten jener Jahre in Göttingen zählen „Abstrakter Aufbau der Idealtheorie in algebraischen Zahl- und Funktionskörpern“, Hyperkomplexe Größen und Darstellungstheorie in arithmetischer Auffassung“ sowie „Hyperkomplexe Systeme in ihren Beziehungen zur kommutativen Algebra und zur Zahlentheorie“. Emmy Noethers Biografen stimmen darin überein, dass sie ihr keine besondere didaktische Begabung zugestehen wollen, während sie gleichzeitig der Mathematikerin eine ganz besonders fruchtbare Kommunikation und Zusammenarbeit mit den Talentiertesten unter ihren Studenten nachsagen.

Obwohl Emmy Noether zum festen Bestand der Göttinger Mathematikerkreise gehörte und von ihren Kollegen hoch geschätzt wurde, stellte sie für so manchen Walter eines höheren Amtes einen nur schwer zu tolerierenden Fremdkörper dar. Denn sie legte auf äußere Form keinen besonderen Wert, sie wirkte alles Andere als ‚damenhaft‘ und sie engagierte sich pazifistisch bzw. politisch (USPD, dann SPD). Während sie bereits allein damit, ohne es zu wollen, gewachsene christlich-deutsche akademische Traditionen verletzte, kam noch hinzu, was in jenen Zeiten zunehmender Intoleranz immer schwerer wog, dass sie Jüdin war. Auch und vor allem im akademischen Leben der ihrem Ende entgegengehenden Weimarer Republik stellten christlicher Neid auf jüdische Erfolge, christlich-deutsche Minderwertigkeitskomplexe, christlich-deutsche Ängste davor, von als nicht zum Kernbestand des ‚eigenen‘ Volkes gerechneten Personen beruflich überholt zu werden – beständig wachsende zwischenmenschliche Barrieren dar. Für Emmy Noether waren die Konsequenzen aus all dem, dass ihr auch weiterhin in Deutschland eine ordentliche Professur ebenso wie die Mitgliedschaft in der Akademie verwehrt blieben.

Ihre unwürdige und zutiefst ungerechte Behandlung blieb den Kollegen und Freunden im In- wie im Ausland nicht verborgen. Deren Solidarität war es, neben den überragenden Leistungen der Wissenschaftlerin selbstverständlich, zu danken, dass man sie zu Kongressen einlud, ihr Stipendien gewährte, ihr die Mitgliedschaft in akademischen Organisationen ermöglichte. So konnte Emmy Noether Gastprofessuren in Moskau sowie in Frankfurt am Main antreten und gemeinsam mit einem Kollegen eine hohe Auszeichnung für Mathematiker in Empfang nehmen.

Der immer weitere Bereiche der deutschen Gesellschaft, somit auch des deutschen akademischen Lebens durchdringende und vergiftende Nationalsozialismus schuf für Juden ein bedrückendes Klima. Mobbing, Ausgrenzung, Rufmord und Intrigen belasteten die Einzelnen zunächst ‚nur‘, ehe die Verbannung aller Juden aus deutschen Universitäten „aus rassischen Gründen“ zum völligen Bruch führte. Noch unter Hitler sollten einige unter den Deutschen erkennen, dass sie mit diesen inhumanen und beschämenden Maßnahmen ihrer eigenen Wissenschaft den größtmöglichen Schaden zugefügt hatten.

Emmy Noether erhielt 1933 ihre Entlassung, vorgeblich wegen politischer Unzuverlässigkeit, tatsächlich, weil sie trotz bereits 1920 erfolgter Konversion zum protestantischen Glauben, als Rasse-Jüdin galt.

Nachdem bereits früher Kollegen in die USA emigriert waren und nachdem einer von ihnen ihr eine Gastprofessur verschafft hatte, entschloss sie sich ebenfalls dorthin auszuwandern. Auch wenn die Vorlesungen, die sie zunächst am Womens’s College Bryn Mawr in Pennsylvania hielt, einer Zurückstufung entsprachen, war Emmy Noether dankbar. Mit der Zeit konnte sie auch ihre Forschungstätigkeit wieder aufnehmen, noch dazu an einem besonderen Ort, nämlich am Flexner Institut der Princeton Universität, bald umgeben von vertrauten Gesichtern aus ihrer Göttinger Zeit.

Ein letztes Mal, im Jahre 1934, um sich von ihrem Bruder Fritz zu verabschieden, der in die UDSSR gehen wollte, kam die Mathematikerin nach Deutschland. In die Vereinigten Staaten zurückgekehrt, musste sie sich kurz darauf einer Tumoroperation unterziehen. Nur 53 Jahre alt geworden, starb Emmy Noether am 14. April 1935 an den Komplikationen eines zweiten operativen Eingriffs.

Gedenkkultur

Nachschlagewerke geben gewöhnlich einen guten Eindruck davon wieder, welchen Stellenwert eine prominente Persönlichkeit in einer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt einnahm. Ebenso Denkmäler, Straßenbenennungen, aber auch Stiftungen oder Auszeichnungen, die mit dem Namen des zu Ehrenden verbunden werden.

Der Grosse Brockhaus, 15. Aufl., Leipzig 1932 enthält die knappe Angabe: „Noether, 1) Emmi, Mathematikerin, Tochter von 2), …, ist seit 1922 a.o. Prof. der Mathematik in Göttingen, arbeitet über höhere Algebra, insbesondere Idealtheorie.

Der Grosse Brockhaus, 16. Aufl., Wiesbaden 1955 führt unter „Noether, Max“ den kurzen Hinweis auf: „Seine Tochter Emmi N. (…, seit 1922 Prof. in Göttingen) hat die Idealtheorie, eine der wichtigsten Grundlagen der modernen Algebra, bahnbrechend gefördert.“ Außerdem zwei Literaturangaben zum Werk der Mathematikerin.

Der Grosse Herder, 5. Aufl, Freiburg 1955 beschränkt sich auf einen Eintrag zu Vater Max Noether.

Meyers Enzyklopädisches Lexikon, 9. Aufl., Mannheim u.a. 1976/1978:

Noether, Emmi… dt. Mathematikerin… 1922-1933 Professor in Göttingen, emigrierte 1933 in die USA; bed. Arbeiten zur höheren Algebra (insbes. zur Theorie der Ringe und ihrer Ideale, Darstellungen und Moduln) sowie zur Theorie der Invarianten und Differentialvarianten.“

Es folgen zwei ausführliche weitere Einträge: „Noetherscher Ring“ und „Noethersches Theorem“ sowie Literaturangaben.

Zum Vergleich: Die aus etwa der gleichen Zeit stammende letzte Ausgabe (3. Aufl.) der „Großen Sowjetischen Enzyklopädie“ (Moskau 1974) wartet mit einem geringfügig umfangreicheren Eintrag zur Person Emmy Noethers auf und druckt zum Noether-Theorem, unter diesem Stichwort, eine knappe wissenschaftliche Abhandlung ab. An die Vorlesungen der Wissenschaftlerin  an der Moskauer Universität (1928-1929) wird erinnert.

Die Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, 21. Aufl., Leipzig u. Mannheim 2006 bildet neben ihren Einträgen „Noether, Amalie Emmy“, „noetherscher Ring“ und „Noether Theoreme“ auch noch ein Porträtfoto der Beschriebenen ab. Im personenbezogenen Eintrag wird jetzt endlich festgestellt: „gilt als die bedeutendste Mathematikerin des 20. Jh.“; es wird ferner auf den dornenreichen Karriereweg der Wissenschaftlerin eingegangen: „Arbeit (ohne Anstellung)“, „1933 aus rassist. Gründen die Lehrberechtigung aberkannt“ und Emmy Noethers Bedeutsamkeit noch dadurch unterstrichen, dass ihr Eintrag den, der ihrem Vater gewidmet ist, an Umfang wesentlich übertrifft.

Während damit die neueste Ausgabe des gedruckten deutschen Vorzeige-Lexikons einen angemessenen Umgang mit dem Gedenken an die jüdische Wissenschaftlerin pflegt, gibt das deutschsprachige virtuelle Nachschlagewerk Wikipedia Anlass zu gemischten Gefühlen. Denn das Stichwort „Emmy Noether“ der englischsprachigen Ausgabe des Weblexikons stellt sein heimisches Pendant sowohl an Gehalt als auch an Umfang bei weitem in den Schatten. Löblich hervorzuheben sind am deutschen Wikipedia-Text hingegen die detaillierten Angaben zur Gedenkkultur und die gleichfalls aufgeführten Jahreszahlen. Diesen kann man u.a. entnehmen, dass erst im April 2009, lang, lang hat es gedauert (!), in der Münchner Ruhmeshalle auch eine Emmy-Noether-Büste aufgestellt wurde, ferner welche weiteren Gebäude, Straßen und Einrichtungen inzwischen den Namen der Mathematikerin tragen. Die meisten Benennungen nach ihr freilich fanden erst vor sehr kurzer Zeit statt.

Als nützlich und wertvoll erweist sich ferner die Dokumentation zur Ausstellung: „Leben und Werk der Mathematikerin Emmy Noether 1882-1935“ der Würzburger Universität, die im Internet aufgesucht werden kann. Sie enthält Originalfotos und interessante Zitate zu Lebenslauf und Diskriminierung der Wissenschaftlerin.

Literatur:
Feyl, Renate, Der lautlose Aufbruch – Frauen in der Wissenschaft, Berlin/DDR 1981 und Frankfurt am Main 1989, S. 175-186.
Geschichte der Frauen in Bayern, (Hg.) Agnete von Specht, zugl. Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur Nr. 39/98, Regensburg und Augsburg 1998, S. 297f
Hervé, Florence u. Nödinger, Ingeborg, Lexikon der Rebellinnen, Dortmund 1996, Stichwort: Noether, Emmy
Karl, Michaela, Bayerische Amazonen, Regensburg 2004/ München 2009, S. 84-95.
Segre, Michael: Max u. Emmy Noether (1844-1921 und 1882-1935) Mathematiker. In: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern – Lebensläufe, München 1988, S. 179-182

Ausgewählte Internetquellen zu Emmy Noether:
http://de.wikipedia.org/wiki/Emmy_Noether
http://en.wikipedia.org/wiki/Emmy_Noether
http://www.mathematik.uni-wuerzburg.de/Noether
http://www-groups.dcs.st-and.ac.uk/~history/Biographies/Noether_Emmy.html
http://www.google.de/images?hl=de&q=emmy+noether&um=1&ie=UTF-8&source=univ&ei=9AnrS_GzJtP5OcbAtLAL&sa=X&oi=image_result_group&ct=title&resnum=4&ved=0CEUQsAQwAw
http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/emmy-noether/
http://www.youtube.com/watch?v=LpvLCNl9y3A