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1. Mai 2010 in Paris

2000 Rechtsextreme bei Jean-Marie Le Pen. Die letzte Mai-Rede zu Themen der Wirtschaftskrise…

Von Bernard Schmid, Paris

Die Botschaft der „Modernisierung“ und „Mäßigung“, die für manche Beobachter – oder auch nach Bündnisoptionen suchende konservative Politiker – angeblich vom Aufstieg der „Cheftochter“ Marine Le Pen ausgeht, ist nicht bei Allen angekommen.

Beispielsweise nicht bei dieser Abteilung der Parteijugend, die am 1. Mai dieses Jahres in Paris unter dem Transparent des Regionalverbands „FN Lothringen“ aus Ostfrankreich aufmarschierte. „Erste, zweite, dritte Generation: Wir sind alle – Kinder von Faschisten“ (Abwandlung eines Slogans, der üblicherweise lautet „Kinder von Eingewanderten“) oder auch „Abschiebeflüge für die Illegalen“ lauteten einige der Parolen, die sie riefen. Unterbrochen vom Absingen der Hymne ,Maréchal, nous voilà’, mit welcher bestimmte Leute in den frühen 40er Jahren Marschall Philippe Pétain grüßten. Dazwischen viel Bier aus Dosen oder Bechern. LONSDALE-Klamotten oder T-Shirts mit der Aufschrift ,Charles Martel’: Der fränkische Krieger Karl Martell (der zwar existierte, dessen heutiges Bild aber in weiten Teilen eine Legendenfigur darstellt) soll im Jahr 732 n.Chr. in der Nähe von Poitiers „die Araber und die Ausbreitung des Islam“ gestoppt haben. Die historische Wirklichkeit entspricht der vereinfachenden Legende zwar nicht ganz – das Häufchen von ihm besiegter arabischer Krieger stand im Dienste katholischer spanischer Feudalherren -, aber jeder Rassist versteht die mit seinem Namen verknüpfte Botschaft.

Im Publikum finden sich aber auch einige „normale“ Familien mit kleinen Kinder. Und ältere Leute, die die Sätze ihres Führers mit Hilfe von Diktiergeräten aufnehmen. Es ist voraussichtlich das letzte Mal, dass Jean-Marie Le Pen aus Anlass des 1. Mai vor der Statue der „Nationalheiligen“ Jeanne d’Arc im Pariser Zentrum spricht. Denn im kommenden Jahr dürfte sein Nachfolger oder – wahrscheinlicher – seine Nachfolgerin, der oder die auf dem nächsten Parteitag am 15./16. Januar 2011 in Tours bestimmt wird, die Leitung innehaben. Das Publikum applaudiert dem Anwärter Bruno Gollnisch höflich und ruft ihm aufmunternd zu, aber sehr viel mehr Applaus erhält doch die viel aussichtsreichere Anwärterin Marine Le Pen.

Rund 2.000 Anhänger/innen sind zusammengekommen. (Laut Angaben der französischen Polizei, die zweifellos realitätsnäher ausfallen; die Veranstalter sprechen hinterher von 8.000 Teilnehmern.) Im vergangenen Jahr hatten rund 1.200 bis 1.500 Personen (Polizei: 1.200, Veranstalter: 5.000) an der rechtsextremen Kundgebung teilgenommen. Es gibt also einen gewissen Wieder-Anstieg der Teilnehmerzahl, doch ist sie noch weit von jener entfernt, die noch 1999 erzielt wurde – damals erreichten beide Hälften des kurz zuvor zwischen Le Pen- und Mégret-Anhängern gespalteten Front National jeweils gut 3.000 Teilnehmern.

Zu Anfang seiner Rede wird Jean-Marie Le Pen, der sich mehrfach bei seinen verbliebenen Aktivisten für ihre „Treue“ bedankt, erklären, dass die Partei in diesem Jahr leider den Aktivisten nicht ihre Busfahrt in Richtung Paris bezahlen konnte. Tatsächlich hat der FN nach wie vor massive Geldprobleme, infolge seines sehr schlechten Abschneidens bei der letzten Parlamentswahl (Juni 2007) und der gesunkenen staatlichen Parteienfinanzierung. In naher Zukunft dürfte allerdings durch die soeben gewählten 118 Regionalparlamentarier des FN wieder Geld in die Kassen kommen.

Seine diesjährige Rede widmete Jean-Marie Le Pen zu guten Teilen der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise, protektionistischen Perspektiven und sozial klingenden Forderungen. Dafür versuchte er (ähnlich wie der FN im Raum Paris auf Flugblättern von Anfang März 10) auch den früheren Chef der französischen KP, Georges Marchais, der sich 1981 für einen Stopp von Neuzuwanderung ausgesprochen hatte, für sich zu vereinnahmen. Die sozialdemokratische und sogar die kommunistische traditionelle Linke – mit Ausnahme ihrer zum „Immigrationismus“ (ungefähr: zur Einwanderungs-Religion) bekehrten Führungen – stehe „uns viel näher als die Eliten der amerikanisierten Linken und der Schicki-Micki-Rechten“, betonte Le Pen demagogisch. Diejenigen, die er bekämpft („den kapitalistischen und den kommunistischen Materialismus“, wie er an anderer Stelle ausführte) versuchte Le Pen im aktuellen Geschehen in zwei Figuren zu kristallisieren: „Der Spekulant von (der Bank) Goldman Sachs, der Milliarden verpulvert hat; und der Dealer in den Banlieues, der in einem Tag verdient, was andere in einem Monat mit Arbeit verdienen“; und der durch die Polizei „aus Angst vor Aufständen (in den Sozialghettos)“ angeblich nicht behelligt werde.