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Hunger auf Leben in Kasrilevka

Am Anfang steht der Fiedler ohne Fiedel auf dem Dach. „Als das Kind Kind war, ging es mit hängenden Armen, wollte, der Bach sei ein Fluss, der Fluss sei ein Strom und diese Pfütze das Meer.“ So übergroß ist die Sehnsucht nach Leben in der „Stadt der kleinen Menschen“…

Von der Uraufführung in Heidelberg berichtet Ramona Ambs

Das Stück, das am 4. Mai 2010 im Rahmen des Heidelberger Stückemarkts uraufgeführt wurde, erzählt von diesem Hunger auf Leben. Das Herzliya Ensemble, eine der innovativsten israelischen Theatergruppen, ist dafür bekannt, sich konsequent mit ihrem politisch-ästhetischen Inszenierungen in die öffentliche Debatte einzumischen. In der Inszenierung des Stücks „Die Stadt der kleinen Menschen“ kommt dies überdeutlich zum Ausdruck.

Scholem Alejchem ist hierzulande vor allem durch „Anatevka“ bekannt, ein Musical basierend auf seinen Geschichten von Tevje dem Milchmann. Während man jedoch bei Anatevka oberflächlich vermittelt bekommt, dass es ungeheuer lustig und romantisch ist, ein armer hungriger Jude zu sein – ist diese Komponente in den Originalschriften von Alejchem, die hier vom jiddischen ins hebräische übertragen wurden, nur marginal vorhanden. Die Texte sind ungeheuer düster und die Schauspieler setzen diese Schwere gekonnt in poetische Szenen um.

Alles ist klein und eng. Benjamchik, der Sohn des Bestatters ist der Erste, der aus dieser Enge ausbricht und versucht, am Gymnasium in der Stadt Fuß zu fassen. Seine Briefe, die der Rabbi, der als einziger lesen kann, dem Vater vorliest, erzählen von seinem Abschied, zunächst aus dem Dorf, dann von seiner Religion. Die Töchter des Rabbis haben ständig Hunger und bereiten den Eltern Kummer, die eine ist schwer behindert, die andere will sich nicht verheiraten lassen. Der einzig halbwegs reiche Bürger der kleinen Stadt träumt sich nach Paris und zwischen all den Figuren spaziert der Geschichtenerzähler, der stets für alle eine Parabel bereit hält.

Die Szenen werden immer wieder unterbrochen durch laute Zuggeräusche und der Zug des Lebens, der auch der Zug der kleinen Stadt und seiner Bewohner ist, fährt die immer gleiche Runde. Keiner kennt das Ziel und alle bleiben irgendwo auf der Strecke.

Keiner will die Juden haben und also wollen die Juden auch unter sich bleiben. Doch in der Enge dieses Ghettos wird keiner glücklich.

Die Geschichte der Mutter, die im letzten ihrer Töpfe eine Hühnersuppe für ihren sterbenskranken Sohn gekocht hat, die sie ihm dann, weil der Milchtopf sich über den Herd ergossen hat, nicht geben darf, verdichtet die zusätzliche, selbstgeschaffene Enge in der Enge ebenso, wie die Szene, in der die Mutter die Regelblutung ihrer Tochter kontrolliert. Bei der Purimfeier des Shtetls verwandeln sich die Bewohner in antisemitische Karikaturen. Sie zählen Geld, sie beharren auf der Schrift, sie morden christliche Kinder.

Am Ende des Stücks verrät der Geschichtenerzähler dem Dorf, dass sie nach einem alten, falschen Kalender leben und dass sie eigentlich gerade Pessach feiern sollten – und nicht Purim.

Am Ende steht kein Fiedler auf dem Dach. Es spaziert auch kein Fiedler davon. Das Shtetl lacht hysterisch, nur einer erkennt die Gefahr: Peril!

DIE STADT DER KLEINEN MENSCHEN
von Scholem Alejchem
auf Hebräisch mit deutschen Übertiteln

Uraufführung Herzliya Ensemble
Adaption Eyal Doron, Ofira Henig
Regie & Musikalische Leitung Ofira Henig
Bühne & Kostüme Shiri Assa, Oren Sagiv
Beleuchtung Jackie Shemesh
Ton Harel Tabibi
Mit Orna Katz, Naomi Promovitz-Pinkas, Odelia Segal-Michael, Sylwia Trzesniowska Drori; Icho Avital, Yoav Hait, Nimrod Bergman, Uri Rawitz, Yoram Yosephsberg