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Budapester ‚Marsch des Lebens‘

Am 11. April fand der erste Durchgang der Wahlen zum ungarischen  Parlament statt, der mit einem eindeutigen Sieg der „national-konservativen“ Fidesz und dem Einzug der Jobbik ins Parlament endete. Eine Woche vor der zweiten Runde der Wahlen nahmen ungefähr  20.000 Menschen am „Marsch des Lebens“ in Budapest teil… 

Von Karl Pfeifer

Heuer fand diese Gedenkveranstaltung an die Opfer des Holocaust zum 18. Mal statt und noch nie zuvor waren soviel Teilnehmer gekommen. Bei den links-liberalen-antifaschistischen Demonstrationen der letzten Jahre kamen nie mehr als 500 Menschen zusammen. Diese kraftvolle Demonstration an der nicht nur links-liberale Politiker sondern auch solche der Fidesz teilnahmen, zeigt, dass es in der ungarischen Gesellschaft doch Kräfte gibt, die sich gegen den Vormarsch von Jobbik wenden.

1979 gründete Pastor Sándor Németh in Budapest die kleine christliche Pfingstgemeinde Versammlung der Gläubigen (Hit Gyülekezete), Grund dafür war das fast totale Scheitern des ungarischen Christentums während der Zwischenkriegszeit und insbesondere 1944 nach der deutschen Besatzung, als binnen sechs Wochen mehr als eine halbe Million jüdischer Ungarn mit tatkräftiger Hilfe der Administration unter Reichsverweser Horthy nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde.  

Das Kádárregime versuchte diese Gemeinde zu destruieren. Im Laufe der Jahre entwickelte sich diese jedoch zur viert größten Glaubensgemeinschaft Ungarns und stellt sich immer wieder an die Seite der von Antisemiten angegriffenen Juden Ungarns.

Am 18. April hielt Pastor Sándor Németh eine bemerkenswerte Rede, die aufzeigt, dass es Christen in Ungarn gibt, die nicht mit zwei Zungen sprechen, die sich nicht begnügen bei solchen Gelegenheiten Gemeinplätze zu artikulieren, um dann in ihren Kirchen jedoch explizite und öfter noch implizite Judenhetze zu dulden. Er betonte, dass es einen Punkt gibt, an dem man konfrontieren muss:

„Man muss es aussprechen, dass es heute nicht mehr genügt, die nazistischen, pfeilkreuzlerischen Schandtaten und Mörder anzuprangern, dass es nicht genügt nur an die Opfer zu erinnern. Die Jobbik[partei] hat mit offener antisemitischer und gegen Roma gerichteter Rhetorik fast 17 Prozent der Wählerstimmen erhalten und zieht in das Parlament ein, dessen Sitzungsräume bereits vor dem Zweiten Weltkrieg mit dem Einbringen von rassistischen, judenfeindlichen Gesetzen beschmutzt wurden.

Diese Bewegung nützt die Möglichkeiten der Demokratie, leugnet aber deren Wesensart und Normen. Sie stellt jeden anständigen ungarischen Menschen vor eine schwierige moralische und spirituelle Herausforderung. Sich dieser Herausforderung nicht zu stellen oder Gleichgültigkeit ist eine schädliche und schändliche Haltung.

Unsere Erinnerung wird nur dann authentisch, wenn wir auch an Werktagen, den Kampf aufnehmen. Wenn wir es in unserer nächsten und weiteren Umgebung eindeutig artikulieren: Wir dulden die Hetze der aggressiven Nationalisten nicht, die dem Beispiel der Nazi folgen und das Herz und den Geist unserer Nation vergiften.

Die Botschaft Jesu an die Heuchler, die die Gräber der Propheten schmücken, ist eindeutig: Wir können die Falle der Heuchelei nur dann vermeiden, wenn wir gleichzeitig die Genozide der Vergangenheit und die Mörder verurteilen und die Hand der potentiellen Mörder niederhalten, und die zum Hass Hetzenden zum Schweigen bringen.

Der Mord beginnt nämlich mit Menschen- und Völkerhass. Laut dem Apostel Johannes, ist ein Mörder, wer seinen Mitmenschen hasst. Die Katastrophenzeit der Nazi und der Pfeilkreuzler lehrt, dass man die Organisationen ernst nehmen muss, die mit Hilfe von Hass gegen Ethnien und religiösen Gemeinschaften die Macht ergreifen wollen. Dieses pathologische Phänomen kann man nicht verharmlosen, denn wie schon ein biblisches Prinzip mahnt: „ein wenig Hefe lässt den Teig aufgehen“.

Das heißt Ungarn wird nur dann einen entsprechenden Schwung nehmen und aus der Krise herauskommen, wenn es die „Hefe“ des antisemitischen, rassistischen und nationalistischen Hass ausschließt. Das müssen wir Ungarn tun, das fordert unser Gewissen, das erwartet die zivilisierte Welt – das wird niemand an unserer Stelle tun!

Diese Aufgabe ist nicht leicht. Jobbik und ihre Garde kann tiefe Konflikte zwischen Ungarn schaffen, sie kann das Verhältnis unserer Heimat und der Nachbarländer vergiften, es kann Ungarn in eine internationale politische, wirtschaftliche Isolation zwingen, neben deren negative Konsequenzen könnten unsere gegenwärtige Sorgen verschwinden. Um die Krankheit der ungarischen Gesellschaft zu bezwingen, müssen wir die nötige Impfung geben, wir, die wir konsequent und eindeutig gegenüber den faschistoiden Bestrebungen stehen. Wir möchten ein solches Ungarn, wo jeder die Gesetze respektierende Bürger – unabhängig von seiner Religions- oder ethnische Zugehörigkeit – respektiert wird.

Wir schätzen die mehr als ein Jahrtausend alte Kraftanstrengung für das Bestehen unserer Nation, für deren Erneuerung und Entwicklung. Die ungarische jüdische Gemeinschaft hat mit außerordentlichen Persönlichkeiten Ungarn und die Welt beglückt, an die wir uns mit Recht stolz erinnern.

Ich möchte auf die ständig stärker werdende Israelfeindlichkeit ihre Aufmerksamkeit lenken – auf diese neueste Form des Antisemitismus. Die Existenz Israels hat eine außerordentliche Bedeutung. Wir halten es für wichtig, dass Israel ein solch starker Staat bleibt, der die Sicherheit der dort und in der Diaspora lebenden Juden, die während der Geschichte in ihrer physischen Existenz bedroht wurden und ihren Schutz gegenüber der Vernichtungsabsicht ihrer Feinde garantiert. Als Christen sehen wir es als unsere Aufgabe an, die Werte der jüdisch-christlichen Zivilisation zu bewahren. […]

Die Antisemiten verhalten sich immer feindseliger gegenüber der politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Ungarn und Israel. Regelmäßig beschuldigen sie mit aus islamistischen Kreisen stammenden Stereotypen Israel. Ihre liebste Lektüre sind Adolf Hitlers Mein Kampf oder die Protokolle der Weisen von Zion.. Die nukleare Bestrebung Irans ist eine Bedrohung der ganzen Welt, insbesondere Israels. Der iranische Präsident ist heute Israels größter Feind. Jobbik und seine Garde sind eine israelfeindliche Bewegung. Eine ihrer stärksten ausländischen Stützen ist anscheinend der seine eigene Opposition mit erbarmungsloser Grausamkeit unterdrückende iranische Präsident und sein Regime.

Die Politiker, die gegenüber der Bedrohung durch den Iran und seine Unterstützung für extremistische Bewegungen eine Taktik der Blindheit gewählt haben, begehen einen schweren Fehler. Ihre Verantwortung ähnelt der während der dreißiger Jahre führenden europäischen Politiker, die nicht bereit waren, den Gefahren, die von Hitler und dem Nazismus ausgingen, ins Auge zu schauen.

Wir Ungarn und Europäer möchten in Frieden leben mit den Israelis wie auch mit zahlreichen arabischen Ländern. Aber trotz Abhängigkeit vom Erdöl, können wir nicht außer acht lassen, dass während die führenden Persönlichkeiten der Welt über den Frieden und die Abrüstung reden, der Iran sich immer mehr dem Besitz der Atombombe nähert. Die religiösen und politischen Führer Persiens bekennen einheitlich, dass man Israel von der Weltkarte streichen muss. Das ist einer der triftigen Gründe für meine Teilnahme an diesem Marsch des Lebens. Wenn wir schon nicht die historische Vergangenheit ändern können, sollten wir alles daran setzen, dass wir wenigstens diese nicht wiederholen. Tun wir alles, dass Juden, Roma und zu anderen Minderheiten gehörende Mitbürger ohne Angst und frei in unsere Heimat leben können. Israel aber soll für die Juden nicht ein neueres Vernichtungslager, kein neueres Massengrab werden, sondern entsprechend dem uralten und für die Ewigkeit geltenden Versprechen “ein Land in dem Milch und Honig fließen” und eine freie, sichere Heimat sein.“