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Kopfüber hinein

Seit es Atomwaffen gibt wurden sie gegen Menschen genau zweimal eingesetzt: Am 6. und am 9. August 1945 beim Angriff auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Dadurch erreichten die Amerikaner die endgültige Kapitulation Japans. Es gibt einige, die sagen, die zweite Bombe sei nicht erforderlich gewesen, doch sie sollte als Warnung für die Zukunft gelten: Dies ist keine Waffe, mit der man herumspielt…

Kommentar von Yoel Marcus, Ha’aretz, 09.03.2010
Übersetzung von Daniela Marcus

Seitdem gewann diese tödliche Waffe an Macht und verbreitete sich überall auf der Welt. Und doch wurde keine einzige Atombombe gezündet, und keine einzige Rakete mit atomarem Sprengstoff wurde abgefeuert. Selbst während der heißesten Phase des kalten Krieges, als die beiden Supermächte die alleinigen Besitzer von Atomwaffen waren, wurde diese Linie nie überschritten. Man näherte sich ihr auch nicht. Das einzige Mal, als die Welt den Atem anhielt, war im Oktober 1962. Damals ließ Nikita Chruschtschow unerwartet Mittelstreckenraketen auf Kuba stationieren und bedrohte somit das Landesinnere von Amerika. Präsident John F. Kennedy reagierte mit einer offenen Kriegsdrohung, woraufhin die Sowjetunion einlenkte und die Waffen entfernte.

Die zweite und dritte Episode waren beide an Israels Politik, den arabischen Staaten den Besitz von Atomwaffen zu verweigern, geknüpft. Vor 29 Jahren bombardierte Israel den Atomreaktor, den der Irak baute, und brachte damit Saddam Hussein von seinem Vorhaben ab, sein Atomprogramm wieder aufzunehmen. Im Jahr 2007 zerstörte Israel nicht nur den Atomreaktor, den Syrien baute, sondern anscheinend auch Baschar Assads Wunsch, es noch einmal zu versuchen.

Die Existenz gegenseitiger Zerstörungsbeteuerungen verhinderte nicht den Ausbruch von Kriegen. Doch bis jetzt wurde wenigstens nicht die Weltuntergangswaffe eingesetzt. Atomstaaten, die wie Indien und Pakistan, nebeneinander existieren, haben nie davon geträumt, ihre Atomwaffen einzusetzen, wobei dies keine Garantie für die Zukunft ist.

Das Thema ist nicht die Fähigkeit, atomares Potential zu entwickeln, sondern eher, wer diese Fähigkeit besitzt und zu welchem Zweck er sie nutzt. Wenn solche Waffen in einem Land existieren, das von Ayatollahs regiert wird, die verkündet haben, ihr Ziel sei es, Israel –alias die zionistische Einheit– zu vernichten, dann müssen diese Drohungen vollkommen ernst genommen werden. Iran ist das einzige Land, das zur UNO gehört und dennoch öffentlich seine Absicht erklärt, den jüdischen Staat zu zerstören. Wir stehen einem Wahnsinnigen gegenüber – Mahmoud Ahmadinejad, der wiederholt öffentlich erklärt hat, dass es die Schoah nie gegeben habe, und der nun „entdeckt“ hat, dass die Angriffe vom 11. September auf die Zwillingstürme von den Amerikanern selbst ausgeführt wurden, um einen Vorwand für den Krieg gegen den Terror zu haben. Der Iran ist ein Land, dessen Führer danach trachten, alle moderaten Staaten des Nahen und Mittleren Ostens in ein lückenloses Gebiet des Scharia-Extremismus zu verwandeln.

Neben dem Streben nach Atomwaffen baut der Iran riesige Mengen an konventionellen Waffen für Land und See. Er hat auch ein Arsenal von Langstreckenraketen, die nicht nur Europa sondern sogar Amerika bedrohen. Es wird vermutet, der erste Schritt eines atomaren Iran auf dem Weg, die Hegemonie im gesamten persischen Golf zu erlangen, wird die Übernahme des Irak sein.
Die Herrscher von Saudi-Arabien und Jordanien haben genauso viele Gründe zur Sorge wie Israel. Und Irans Stellvertreter Hisbollah, die mit iranischen Waffen ausgerüstet ist, droht nicht nur Israel. Sie treibt sich bereits im Hinterhof des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak herum.

Es stimmt, dass Atomstaaten, die sich Feind sind, dennoch Seite an Seite nebeneinander leben ohne ihre Atomwaffen zu benutzen. Doch unter dem riesigen Schatten des Wahnsinns, der die iranische Bedrohung charakterisiert, ist ein Schlag gegen den Iran von Ahmadinejad und den Ayatollahs unvermeidlich, ob dieser Schlag nun durch internationale Sanktionen oder eine amerikanische Militäroperation, die vom UNO-Sicherheitsrat genehmigt ist, ausgeführt wird.

Es sind nicht nur die Länder der Region, sondern alle vernünftigen Staaten der Erde, die sich über das, was im Iran vor sich geht, Sorgen machen sollten. Und das trifft umso mehr auf Israel zu, das als erstes Ziel genant wurde, das vom Angesicht der Erde verschwinden soll.

Unsere amerikanischen Freunde, darunter der Vizepräsident Joe Biden, der momentan Israel besucht, haben uns immer wieder davor gewarnt, nicht kopfüber in eine Militäroperation zu stürzen, bevor die Möglichkeiten der Sanktionen nicht vollständig ausgeschöpft sind. Israel muss der Welt, angeführt von den USA, in der Tat die Chance zum Handeln geben.

Doch es ist allgemein bekannt, dass die Iraner gerissen genug sind, um den Weg der Sanktionen zu umgehen. Deshalb müssen wir unsere Augen offen halten und die Art und Geschwindigkeit, mit der die Vereinigten Staaten und die „aufgeklärte Welt“ vorgehen, eingehend prüfen und die militärische Option nicht ad acta legen.

Wenn es sich um eine erklärte existenzielle Bedrohung handelt, dann haben wir die Pflicht uns kopfüber hineinzustürzen.