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Leben in der Spannung: Renaissance als immer neuer Weg zur Gegenwart

Seit der frühesten Zeit hat sich im Judentum eine Frische und Selbständigkeit erhalten, mit der religiöses Erkennen und Fordern dem Ueberlieferten gegenübertrat…

So war z.B. ein Mann von so strengen Festigkeit des Glaubens wie Maimonides dazu bereit, auch griechische und arabische Erkenntnis mit seinem biblischen Monotheismus zu verbinden. Er sagte: „die Tore der Erklärung, sind nicht geschlossen“. Er war ein Mann, der in seinen Gedanken weiter ging als mancher neben und nach ihm. Von einer ähnlichen Freiheit und Fähigkeit eigenen Denkens zeugt aber die gesamte jüdische Religionsphilosophie, ebenso wie die vielfältige Bibelerklärung, und – etwas begrenzter vielleicht, die religionsgesetzliche Forschung.

Die alte Schrift konnte nicht alt werden, da das Gebot, in ihr zu forschen, sie immer wieder zur Gegenwart hinführte. Dieses Gebot kam von der Autorität, und die Autorität selbst war undogmatisch. Der Kampf um den richtigen Gedanken, um das richtige Gebot, um die richtige Satzung, diese hundertfältige Frage ohne die endgültige Antwort hat immer wieder eingesetzt. So ist die Bibel Bibel geblieben und nach ihr der Talmud entstanden, und nach ihm und neben ihm die Religionsphilosophie, und nach ihr und bei ihr die Mystik, und so fort in stetem Leben ein Bleiben und neues Werden. An keines ihrer Zeitalter hat sich die Religion angeheftet, um mit ihm abzuschließen; sie ist nie ganz fertig. Die Aufgabe steht fest, nicht aber die Lösung.

Die Vergangenheit

… Der Drang, den Gedanken und das Gebot zu verwirklichen, hat zwar auch dazu gebracht, dass man sich ruhelos in das Überlieferte immer tiefer hineingrub, Schacht um Schacht anlegte, aber zuletzt hat er stets dazu geführt, doch hinaufzusteigen und zu suchen, um den eigenen Geist und das eigene Herz in der alten Religion zu erleben. …

Die erneute Geschichte

An einer Bürde religiöser Vergangenheit trugen im Judentum nur wenige Übergangsperioden. Man fühlte sich erhoben und getröstet durch das göttlichen Walten in der Geschichte des jüdischen Volkes. Aber die Gegenwart ließ man sich von der Vergangenheit nicht nehmen. Fast jede Zeit war überzeugt, ein eigenes Glaubensdasein zu haben, eine eigene Lebendigkeit in der Religion zu besitzen.

Wer neue Wege des Denkens betrat, konnte dies mit der Gewissheit tun, damit auf dem sicheren Boden des Judentums zu stehen. Zwischen der alten Lehre und dem neuen Begreifen hat es zwar oft Spannungen gegeben, aber es waren meist die Spannungen, in denen sich das Leben weiten will.

Natürlich waren manche Zeiten, und bisweilen waren es lange Zeiten, müde. Das Leben schien stille zu stehen. Es ist nicht schwer in jedem beliebigen Jahrhundert des Judentums, in irgend einer seiner Urkunden etwas zu finden, was nicht zum Ideal hinaufleitet. Gegen das Judentum und seine Geschichte ist damit nichts dargetan; denn das Judentum hat sich immer wieder erhoben. Es hat sich immer wieder entdeckt und seinen Weg gesehen. Seine wahre Geschichte ist eine Geschichte der Renaissance.

… Von manchen Völkern und Gemeinschaften ist gesagt worden, sie hätten eine zu große Vergangenheit, als dass sie eine Zukunft noch haben könnten. Auf die israelitische Religion und ihre Bekenner hätte dieses Urteil, wenn anders es gegenüber einer Religion überhaupt statthaft wäre, schon darum nicht seine Anwendung, weil hier die Geschichte sich immer wieder erneut hat — ganz zu schweigen von dem großen Gedanken der Zukunft, wie er im Judentum geschaffen worden ist. Die alten Propheten gehen in lebendigem Genius wiedererwachend von Geschlecht zu Geschlecht durch die Welt des Judentums.

pp. 24 [Philosophie und Lehre]
“Das Wesen des Judentums” v. Rabbiner Leo Baeck

Einmalige Sonderausgabe des Gesamtwerkes. Das Vermächtnis eines der wichtigsten jüdischen Denker des 20. Jahrhunderts. Eine Einladung, Leo Baeck (wieder) zu entdecken.Für Leo Baeck waren Lehren und Tun eins. Das Judentum sah er als die stets gegenwärtige Verantwortung für die Welt und ihren Bestand. In Theresienstadt war er der Tröster und Helfer: H.G. Adler verglich ihn mit einem Leuchtturm im Tränenmeer der Verzweiflung; seine Gegenwart im Lager vermittelte vielen Menschen Mut und Hoffnung.
Der 50. Todestag von Leo Baeck war 2006 Anlass für die Herausgabe einer Sonderausgabe der Werke Leo Baeck. Zwei Arbeiten ragen aus dem Gesamtwerk heraus: Sein Frühwerk Das Wesen des Judentums (1905) und sein Spätwerk Dieses Volk. Jüdische Existenz (1955), das als ein großes Vermächtnis gelesen werden kann, in dem sich die Gedanken dieses Systematikers moderner jüdischer Theologie vollenden. Gleichzeitig ist diese Werkauswahl eine Einführung in die Lehre und auch das Leben Leo Baecks.
Das Werk: Band 1: Das Wesen des Judentums Band 2: Dieses Volk Band 3: Wege im Judentum Band 4: Aus Drei Jahrtausenden. Das Evangelium als Urkunde der jüdischen Glaubensgeschichte Band 5: Nach der Schoa – Warum sind Juden in der Welt? Band 6: Briefe, Reden, Aufsätze…