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Das andere Erinnern: Kindheit im Holocaust

Demnächst wird die Erinnerung an den Holocaust ohne die Überlebenden auskommen müssen. Schon jetzt rücken die Erinnerungen derjenigen, die als Kinder den Holocaust überlebten, in den Vordergrund. Mit Soazig Aarons Roman „Klaras Nein“ ist letztes Jahr in Deutschland auch der erste Roman einer Nachgeborenen erschienen…

Die Erinnerungen der einstigen Kinder, die in den Lagern, Ghettos oder Wäldern überlebten, unterscheiden sich von den Zeugnissen der Erwachsenen, konstatiert der israelische Schriftsteller Aharon Appelfeld, der nach seiner Flucht aus einem Arbeitslager im Wald bei Bauern, Prostituierten und Dieben Unterschlupf fand und sich dann als Küchenjunge der Roten Armee anschloss.

Von Aharon Appelfeld
Schriftsteller, geboren 1932 in Czernowitz (damals Rumänien); emigirierte 1946 nach Palästina. Heute lebt er in Jerusalem.

SECHZIG Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen, und es scheint mir, dass sich ein neuer Abschnitt in unserer Beziehung zum Holocaust abzeichnet, weil die Überlebenden langsam immer weniger werden.

Für jeden Historiker oder Schriftsteller, der über den Holocaust schreibt, waren (und sind) die Überlebenden eine gefürchtete Instanz. Sie wachten darüber, dass die Ereignisse in der richtigen zeitlichen Abfolge wiedergegeben wurden, dass keine Namen und keine Orte weggelassen und die Einzelheiten nicht verändert wurden. Für den Überlebenden war es wichtig, dass der Holocaust im Detail geschildert wurde. Immer wieder haben mich Überlebende gerügt – einmal wegen Ungenauigkeiten, ein andermal, weil meine Schilderungen dessen, was während des Holocaust oder danach geschehen ist, auch auf die Opfer einen kritischen Blick warfen.

Für den Überlebenden war die chronologische Erinnerung wie eine Boje, an die er sich mit aller Kraft klammerte. Jede fiktive Ausschmückung galt – und gilt immer noch – als unangebracht, dem Ernst des Gegenstands nicht angemessen. Oft hört man: Wenn es um den Holocaust geht, darf man nicht mit Worten oder formalen Mitteln spielen, sondern muss die Dinge erzählen, wie sie waren, so genau wie möglich. Jedes fiktionale Element, das ganz offensichtlich nicht der konkreten Erinnerung entstammt, ist verboten.

Es ist kein Zufall, dass die meisten Werke über den Holocaust historische Arbeiten sind, einige wenige gehören in die Bereiche der Psychologie oder Theologie. Fiktionale Literatur gibt es kaum. Zwar sind diverse sensationsheischende Texte erschienen, doch literarische Werke, die eine innere Wahrheit enthalten, sind selten. Man kann sie an einer Hand abzählen.

In naher Zukunft wird sich die Geschichte des Holocaust ohne Überlebende behaupten müssen. Solange sie unter uns weilten, war der Holocaust greifbar, gegenwärtig. Mit ihm verband sich ein Vorname, ein Familienname und ein Ort, sei es Dorf oder Stadt. Mit ihrer Gegen-wart,ihrem Schweigen bezeugten die Überlebenden den Schrecken. Man konnte ihnen begegnen, auf der Straße, in ihren Wohnungen, an den Gedenkstätten, überall.

Solange die Überlebenden unter uns waren, rückte der Holocaust aus der Sphäre des Unglaublichen in die Sphäre des Sichtbaren. Wenn jemand nicht glauben wollte, was Menschen einander antun und auf welche Stufe der Barbarei sie sinken können, war der Überlebende da und erzählte.

Heute verschwinden die Überlebenden allmählich aus der Welt, und es stellt sich die bange Frage: Wie wird die Geschichte des Holocaust ohne sie fortbestehen? Anders ausgedrückt: Wie können wir die Dimension des Individuellen und des Persönlichen, die der Überlebende dem schrecklichen Geschehen verliehen hat, aufrechterhalten? Im Vordergrund stehen heute die Überlebenden, die damals Kinder waren. Diese haben eine andere Erinnerung und auch eine andere Art, das Erlebte auszudrücken, als die damals schon Erwachsenen. All die Jahre hatten Kinder nicht als Überlebende gezählt und ihre Erinnerungen nicht als Zeugnisse gegolten.

Über den Holocaust gibt es mittlerweile große Bestände an schriftlichen Zeugnissen. Aber ein genauer Blick auf diese Berichte zeigt, dass die introspektive Dimension weitgehend fehlt; die meisten Berichte sind Chroniken.

Was einem Juden in diesen ganzen Jahren widerfuhr, überstieg seine verstandesmäßigen wie seine seelischen Kräfte. Er hatte sich im Zentrum des Schreckens befunden, und nach seiner Befreiung hätte er diese Zeit nur zu gern für einen Albtraum gehalten, für einen Riss in seinem Leben, der möglichst schnell wieder heilen sollte. Der erwachsene Überlebende erzählt und enthüllt, was er erlebt hat, aber er verhüllt es zugleich. Denn es ist ihm unmöglich, nicht zu reden, aber es ist ihm auch unmöglich, sich einzugestehen, dass das Geschehene ihn nicht verwandelt hat. Er ist dieselbe Person geblieben, die an denselben alten sittlichen Grundsätzen festhält.

Man muss Holocaust-Zeugnisse also mit Vorsicht lesen, das heißt nicht nur sehen, was in ihnen steht, sondern auch und vor allem, was nicht in ihnen steht. Die Erinnerung des Überlebenden ist zuallererst eine Suche nach Entlastung: Ich habe getan, was ich musste. Aber was ist mit ihm in den Jahren des Leidens geschehen? Was hat sich für ihn verändert, und wie wird sein Leben von diesem Punkt an weitergehen? Man wird, so scheint mir, auf solche Fragen keine Antworten finden.

Um Missverständnisse auszuschließen, will ich gleich anfügen, dass die Zeugnisliteratur ohne Zweifel die authentische Literatur über den Holocaust ist. Sie ist ein enormes Reservoir jüdischer Geschichte.

Die Zeugnisse der einstigen Kinder sind von ganz anderer Art, weil die Kinder den Schrecken nicht in vollem Umfang aufgenommen haben, sondern nur in dem Maße, in dem sie es als Kinder verkraften konnten. Kindern fehlt der Sinn für zeitliche Abstände, und sie können das, was sie erleben, nicht mit einer Vergangenheit vergleichen. Der erwachsene Überlebende besaß Erinnerungen an die Zeit vor dem Krieg, doch für die Kinder war der Holocaust Gegenwart, ihre Kindheit und Jugend. Eine andere Kindheit,Glück kannten sie nicht. Sie wuchsen heran inmitten von Furcht und Schrecken. Sie kannten kein anderes Leben. Und während die Erwachsenen vor sich und ihren Erinnerungen flohen, während sie die Erinnerungen unterdrückten und sich an der Stelle des früheren ein neues Leben aufbauten, gab es für die Kinder kein früheres Leben, und wenn doch, so war es ausgelöscht. Der Holocaust war, wie der Dichter es ausdrückte, die schwarze Milch, die sie morgens, mittags und abends tranken.

Dieser psychologische Aspekt hatte auch eine ideologische Komponente. Der Holocaust wird zumeist und selbst von seinen Opfern als eine Episode, ein Wahn, eine jähe Finsternis wahrgenommen, die aus dem normalen Ablauf der Zeit herausfällt. Der Holocaust als Leben, als Leben in seiner auf den Schrecken konzentrierten existenziellen wie sozialen Ausprägung – eine derartige Wahrnehmung wiesen die erwachsenen Opfer zurück. Für Kinder, die während des Holocaust herangewachsen waren, war auch dieses Leben etwas möglicherweise Begreifbares, denn sie hatten es in sich aufgesogen. Sie hatten erfahren, dass der Mensch ein Raubtier war, nicht nur bildlich, sondern unmittelbar, mit seinem ganzen Körper, so wie er da stand, sich kleidete, sich setzte, sein Kind streichelte oder ein jüdisches Kind schlug.

Diese Kinder, die im Holocaust heranwuchsen, saßen ganze Stunden da und beobachteten. Hunger, Durst und körperliche Schwäche machten sie zu beobachtenden Wesen. Mehr noch als ihre Mörder beobachteten sie ihre Väter und älteren Brüder, in all ihrer Schwäche und ihrem Heldenmut. Es waren Anblicke, die sich ihnen tief einprägten, wie es nur Kindheitsbilder können.

Der Krieg hat uns zu unserer Überraschung klar gemacht, dass selbst das schrecklichste Leben noch Leben ist. Die Menschen in den Ghettos und Lagern liebten sich, sie sangen sentimentale Lieder und führten politische Diskussionen. Es gab Abendkurse für Deutsch und Französisch, und am Nachmittag trank man Ersatzkaffee, wenn man welchen hatte. (Auch im Angesicht des Todes nähte ein Mensch noch einen Knopf an.) Je näher uns der Tod kam, desto mehr weigerten wir uns, seine Existenz hinzunehmen. Jeder klammerte sich an seine kleinen Hoffnungen, meist waren es völlig triviale Dinge wie der Genuss einer Zigarette. Ich erinnere mich an einen jungen Mann, der sich weigerte, sich von seinen Mathematikbüchern zu trennen. Er war ständig in mathematische Aufgaben vertieft, weil er das zweite Studienjahr nicht wiederholen wollte, und strahlte dabei eine enorme Ruhe aus. Viele Menschen in den Ghettos und Lagern spielten Karten, auch Domino und Schach. Manchmal konnte man für Momente alles vergessen, und dann kam man sich nicht wie in einem Todesghetto vor, sondern wie in einem Sommerlager für zu große Kinder, die völlig in ihr Spiel vertieft waren.

Als die Menschen, die den Krieg als Erwachsene erlebt haben, ihre Geschichte erzählten, legten sie großen Wert auf die äußeren Fakten: Daten, Orte, Namen. Ihre Empfindungen und Gefühle fassten sie in allgemeine, eher unpersönliche Begriffe. Für diejenigen, die als Kinder überlebt hatten, war der Krieg ihr ganzes – bisheriges -Leben. Sie konnten über den Holocaust nicht in historischen, theologischen oder moralischen Begriffen reden; sie konnten nur von Angst und Hunger berichten, von Farben, von Kellern und von Menschen, die sie gut oder schlecht behandelt hatten. Die Kraft ihrer Zeugnisse liegt gerade in diesem begrenzten Horizont.

Durch diesen begrenzten Horizont der Kinder erfahren wir eine Menge über Grausamkeit und Großmut, Hass und Liebe. Die einstigen Kinder haben die Kriegsjahre mit ihrem ganzen Körper aufgesogen. Kein Wunder, dass ihr Zeugnis von den erwachsenen Überlebenden abgelehnt wurde, als eingebildete und verzerrte Wahrnehmung, die ein so gravierendes Thema verharmlose. Und heutzutage, angesichts der wachsenden Tendenz, den Holocaust zu leugnen, hört man häufig: Haltet die Holocaust-Zeugnisse frei von euren subjektiven Fantasien. Ihr solltet euch noch mehr auf die Fakten konzentrieren. Den Leuten fällt es schwer, zu akzeptieren, dass jede und noch die eindeutigste Situation unterschiedlich wahrgenommen werden kann, und das gilt erst recht für die Erinnerungen von Kindern.

Die schriftlichen und mündlichen Zeugnisse der einstigen Kinder sind eher literarischer Natur. Ihre Erinnerungen sind oft äußerst partikular, und wenn sie sich in Erinnerung rufen, was ihnen während des Krieges widerfahren ist, mobilisieren sie ihre Fantasie. Anhand von Empfindungen und Gefühlen gelingt es ihnen, ihre Vergangenheit wachzurufen. Solche Erinnerungen sollte man nicht als Tatsachenzeugnisse, sondern als Rekonstruktionen ansehen.

Während des Krieges habe ich nicht viele Kinder gesehen. Ich verstand instinktiv, dass ich für mich sein musste; doch nach dem Krieg habe ich sehr viele Kinder getroffen. Sie gehörten zu den Überlebenden, die in Scharen an den Küsten Jugoslawiens und Italiens umherzogen. Eines Tages traf ich auf eine Gruppe von Kindern, die gut singen konnten. Ich sage „gut“, obwohl ihre Stimmen rau und gebrochen klangen. Ihre Lieder bestanden aus Melodien, die noch aus ihren jüdischen Elternhäusern stammten, gemischt mit Sequenzen, die sie den Klosterorgeln abgelauscht hatten. Dadurch entstanden ganz neuartige Töne, wie sie nur Kinder in ihrer Ahnungslosigkeit erfinden können und die man zumeist als „unschuldig“ oder schlicht als „unelegant“ bezeichnet. Diese Kinder standen auf einer Kiste und sangen, und am Ende ihrer Vorstellung gingen sie mit dem Hut herum.

Bald kamen skrupellose Geschäftemacher, nahmen die Kinder unter ihre Fittiche und zogen mit ihnen von Lager zu Lager. Auch Mädchen waren darunter. An eines von ihnen kann ich mich gut erinnern. Es hieß Amalia. Amalia war etwa zehn Jahre alt und gab jeden Abend eine Vorstellung. Ihr Repertoire bestand aus jiddischen Liedern, gemischt mit Geräuschen des Waldes. Angesichts ihres dürren, vogelähnlichen Körpers glaubte man immer, sie werde gleich davonfliegen.

Es gab auch Kinderakrobaten, die mit großartigem Geschick über ein Seil balancierten. In den Wäldern hatten sie gelernt, auf die höchsten und dünnsten Äste zu klettern. Unter ihnen waren auch Zwillinge, Jungen von vielleicht zehn Jahren, die mit hölzernen Kugeln jonglierten. Und es gab Kinder, die mit ihren Stimmen Vögel und andere Tiere imitierten. In meinem Lager wanderten Dutzende von solchen Kindern herum. Während die Erwachsenen versuchten, das Geschehene, also sich selbst zu vergessen und zurück in ihr Leben zu finden, verarbeiteten und gestalteten diese Kinder ihre leidvollen Erfahrungen, wie es sonst vielleicht nur im Volkslied gelingt.

Ich habe von dem Schicksal dieser Kinder erzählt, weil sie es waren, die später zu künstlerischen Ausdrucksformen griffen. Es klingt vielleicht merkwürdig, aber man muss es aussprechen. Es gab ein Bedürfnis danach, einen unvermittelten Bezug – einfach, geradeheraus – zu diesen schrecklichen Ereignissen zu finden, um auf künstlerischer Ebene über sie sprechen zu können: ohne sie zu sublimieren, sich zu rechtfertigen oder etwas zu glorifizieren. Eher so, wie man eben über Erfahrungen spricht, die auch dann, wenn sie noch so schrecklich waren, doch zum Leben gehören.

Diese Ausdrucksweise, wenn man das so sagen darf, war eine der Kinder. So hatten sie sich im Ghetto ausgedrückt und danach auch in den befreiten Lagern, und sie haben sich etwas von dieser unvermittelten Art erhalten – auch noch als Erwachsene.

Zum eigentlichen Problem – nicht nur auf literarisch-künstlerischer Ebene – wurde im Lauf der Jahre die Frage, wie man den Holocaust in seinen ungeheuerlichen und unmenschlichen Dimensionen den Menschen näher bringen könnte. Wenn es um die Beschreibung der Wirklichkeit geht, fordert die Kunst ihrem Wesen nach stets ein gewisses Maß an Verdichtung und Übertreibung. Doch das gilt nicht für den Holocaust. Hier scheint alles bereits so furchtbar unwirklich, als gehöre das Geschehen nicht zu den Erfahrungen unserer Generation, sondern ins Reich der Mythologie. Von daher kommt das Bedürfnis, den Holocaust in menschliche Bereiche hereinzuholen. Das ist nicht einfach nur ein technisches Problem, sondern ein essenzielles. Wenn ich davon spreche, den Holocaust „hereinzuholen“, dann meine ich nicht, man solle den Schrecken simplifizieren, verdünnen oder verharmlosen. Was ich meine, ist der Versuch, durch den Einzelnen und in seiner Sprache die Ereignisse für sich sprechen zu lassen und zu verhindern, dass das Leiden hinter den riesigen Zahlen verschwindet und dadurch eine schreckliche Anonymität bekommt. Es geht darum, die Namen der Menschen zu retten, den Folteropfern ihre menschliche Gestalt zurückzugeben, die man ihnen genommen hatte.

Menschen, die den Holocaust als Kinder überlebt haben, können sich nicht auf dieselbe Weise erinnern wie diejenigen, die schon erwachsen waren, als die Verfolgung begann. Die einstigen Kinder tragen mit ihren Erfahrungen zum Erinnern bei. Aber diese Erfahrung ist bei aller Begrenztheit sehr tief. Kein Wunder, dass mit den Überlebenden, die damals Kinder waren, die Holocaust-Literatur begonnen hat.

deutsch von Niels Kadritzke, © Le Monde diplomatique