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Medien: Der Wächter Israels

Dr. Mathias Döpfner ist ein Mediengigant im wahrsten Sinne des Wortes. Er ist nicht nur der Vorstandsvorsitzende des Medienkonzerns Axel Springer, der dank der „Bild“ und der „Die Welt“ der größte und einflussreichste Verlag Deutschlands ist, sondern er ist auch 2,02 Meter groß…

Eldad Beck, Deutschlandkorrespondent der „Jedioth achronoth“ im Gespräch mit Mathias Döpfner

Döpfner, 47, hätte ein ausgezeichneter Basketball-Spieler werden können, zog es jedoch vor, Germanistik, Theater und Musik zu studieren und Journalist zu werden. Im Alter von 19 Jahren begann er, Musikkritiken für die FAZ zu schreiben. Von dort aus bahnte er sich mit meteorartiger Geschwindigkeit den Weg in die Spitze der deutschen Medien und beschloss dann, seine Karriere im Axel-Springer Verlag zu machen.

Der Gründer des Konzerns, Axel Springer, war einer der größten Freunde Israels in Deutschland und in Europa. Noch heute folgt jeder Mitarbeiter des Konzerns seiner Anweisung, eine Verpflichtung zu unterzeichnen, mit seiner Arbeit Israel zu unterstützen. Nach dem Tod Springers im Jahre 1985 nahm diese Verpflichtung ein wenig ab, Döpfner füllte die Segel der Solidarität mit Israel jedoch mit neuem Wind. In einem Israel feindlich gesinnten Europa steht Döpfner oft ganz allein an der Verteidigungsfront Israels.

Heute wird in Yad Vashem unter Anwesenheit von Premier Netanjahu die Ausstellung „Architektur des Mordes“ eröffnet, bei der erstmals in Israel die Originalbaupläne des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau gezeigt werden. Diese Pläne hat die Bild Zeitung, die sie gekauft und veröffentlicht hatte, Israel zum Geschenk gemacht. In einem Interview anlässlich der Ausstellungseröffnung betont Döpfner, diese Spende sei Ausdruck der Solidarität des Axel Springer Konzerns mit Israel und dem jüdischen Volk.

„Niemand braucht heute noch Beweise für die Gräuel des Holocaust und die systematische Vernichtung in Auschwitz“, sagt Döpfner. „Dennoch sind diese Baupläne, die Originalunterschriften und exakte Skizzen der Gaskammern enthalten, ein eindeutiger Beweis für die systematische Planung der Massenvernichtung. Diese Pläne sind wichtig, um den Holocaust aus historischer Sicht zu dokumentieren. Israel weiß besser als jeder andere, was mit diesen Plänen geschehen soll. Deshalb fanden wir es logisch, dass sie nach Yad Vashem kommen, in die beeindruckendste Gedenkstätte des Holocaust. MP Netanjahu präsentierte sie auch der UNVollversammlung. Das Echo, das seine Rede auslöste, zeigt uns, dass unsere Entscheidung richtig war. Durch diese Geste wollten wir uns auch zu der Notwendigkeit bekennen, die Geschichte zu dokumentieren und uns mit lautester Stimme zu dem Ausspruch verpflichten: ‚Niemals wieder’.“

Es ist schwierig, die Erinnerung an die Grauen des Holocaust nach 65 Jahren zu bewahren. Holocaustleugnung ist nicht nur im Iran üblich. Gleichzeitig findet eine Diskussion über das Existenzrecht Israels statt. Besteht die Gefahr, dass Auschwitz und der Holocaust in Vergessenheit geraten?

„Man muss wachsam sein. Hohe Vertreter diverser Regime, vor allem radikaler islamischer Regime, wollen dem Holocaust an Bedeutung nehmen und leugnen ihn sogar. Man muss darauf achten, dass die Singularität des Holocaust nicht vergessen wird oder an Bedeutung verliert. Der Holocaust war nicht eines von vielen Verbrechen.

Er bleibt das Verbrechen, das sich in seiner Systematik und Unmenschlichkeit mit keinem anderen vergleichen lässt….“

In den letzten Jahren bemühen sich die Feinde Israels in Deutschland, die Besonderheit der Beziehungen zwischen den beiden Staaten zu erschüttern indem sie das Argument verbreiten, Deutschland sei es verboten, Kritik an Israel zu üben. Döpfner weist dies zurück. „Ich kann kein solches Verbot erkennen. Jeder kann Israel kritisieren, in Deutschland und an anderen Orten“, erklärt er. „Es gibt jedoch eine besondere Erscheinung: Da in Deutschland offener Antisemitismus tabu ist, entwickelt sich eine Art politisch-korrekter Antisemitismus: Anti-Zionismus und Anti-Israelismus. Es ist klar, dass nicht jede Kritik an Israel oder israelischen Regierungen Antisemitismus ist, aber ich stelle fest, dass es Versuche gibt, antisemitische Gefühle mit dem Argument zu tarnen: ’Ich habe nichts gegen Juden, nur gegen die israelische Regierung’. Meiner Meinung nach ist das eine sehr gefährliche Erscheinung.“

… Döpfner gibt zu, dass es in den letzten Jahren in Deutschland und in Europa schwierig wurde, die Verpflichtung zu Israel und die Besonderheit der Beziehungen zu bewahren. „Anders als in den USA, die eine klare Haltung zu Israel hat, ist die Haltung Deutschlands zu Israel nicht eindeutig. Es gibt hier viele, die den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, den radikalen Moslems und den israelischen Patrioten distanziert betrachten und behaupten, die Wahrheit müsse irgendwo in der Mitte liegen. Ich bin nicht dieser Meinung. Meiner Meinung nach hat Deutschland als Demokratie das Interesse, die demokratischen Kräfte im Nahen Osten zu stärken. Israel ist für uns der Brückenkopf, der die Werte der Freiheit der demokratischen, westlichen Gesellschaft repräsentiert. Wir und Israel haben gemeinsame kulturelle und religiöse Wurzeln. Deshalb betrachte ich es als sehr wichtig, dass wir die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland und Europa aus der Sicht der Interessenpolitik betrachten, wie sie von Kissinger definiert wurde, und nicht nur sagen, dass wir diese Beziehungen wegen der historischen Verantwortung beibehalten. Wir bewahren sie auch für künftige militärische, wirtschaftliche und kulturelle Interessen.“

Döpfner ist der Überzeugung, dass Deutschland und Israel viel aus ihren Beziehungen gewinnen können. Israel sollte sich nicht absolut auf die USA stützen, sondern sich auch dem problematischeren Partner zuwenden, Europa. „Europa ist durchaus ein ambivalenter und nicht immer verlässlicher Partner Israels“, gibt er zu. „Aber Israel sollte Europa zu einem treuen Partner und einer zweiten Stützsäule machen. Solange es den Feinden der Demokratie, den radikalen Moslems, gelingt, Streitereien zwischen Europa und den USA herzustellen, machen wir ihnen die Arbeit leicht. Wir dürfen da nicht mitmachen, sondern ein Bündnis zwischen den USA, Europa und Israel fundieren, im Namen unserer Werte und der Verteidigung unserer freien Gesellschaft. Deshalb müssen die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel auch auf der Tagesordnung der jungen Generationen einen wichtigen Platz einnehmen. Ich kann verstehen, dass die israelischen Jugendlichen sagen: ‚Warum sollten wir Interesse an Deutschland haben, dem Land der Mörder?’, aber ich glaube, das ist unlogisch und unklug. Es ist hingegen klug, besondere Beziehungen zu Deutschland zu entwickeln, denn Deutschland hat ein besonderes Gewicht in Europa.“

Fühlt sich heute jemand, der Israel in Deutschland und in Europa in Schutz nimmt, einsam?

„Ja, manchmal. Wir sind über die Tendenz, den Nahostkonflikt distanziert zu betrachten, sehr erstaunt.“

Seit Jahren findet Dialog zwischen Israel und Europa statt, und immer mehr redet man dabei aneinander vorbei. Wo erkennen Sie die Problematik Europas im Zusammenhag mit Israel?

„Europa kann sich die unmittelbare existenzielle Bedrohung Israels nicht vorstellen. Das ist auch der Grund, warum wir die Jahressitzung unserer Führungsebene im kommenden März in Jerusalem abhalten. Wir wollen unseren Mitarbeitern erklären, warum wir so besondere Beziehungen zu Israel unterhalten, und warum es wichtig ist, Israel zur Seite zu stehen. Nur wenn man sich in Israel aufhält, kann man die Ausmaße der tagtäglichen Angst und Bedrohung verstehen. In Europa begreift man das nicht. Hier sagt man einfach: ‚Sie müssen Verhandlungen führen, irgendwann gelangt man zu Kompromissen’. Aber die beiden Seiten haben eine sehr unterschiedliche Tagesordnung: Wenn die Hamas die Waffen niederlegt, wird es Frieden geben. Legt Israel die Waffen nieder, wird es kein Israel mehr geben.“

Sie trafen letzte Woche in Berlin mit MP Netanjahu zusammen. Welchen Eindruck erhielten Sie von ihm?

„Das war mein erstes persönliches Treffen mit ihm und die erste Gelegenheit für ein längeres Gespräch. Deshalb wäre es frech von mir, eine Meinung zu äußern. Aber ich beobachte ihn schon seit längerer Zeit und glaube, dass er ein mutiger und intelligenter Mann ist, der in einer schwierigen Situation versucht, das beste für sein Land zu tun.“

Sie kennen viele israelische Politiker persönlich. Haben einige von ihnen Sie in den letzten Jahren überrascht oder enttäuscht?

„Was mich immer wieder unangenehm überrascht, ist die israelische Öffentlichkeitsarbeit. Die israelische Politik macht ihre Haltung nicht klar. Man kann die öffentliche Meinung heute mit emotional starken Bildern erreichen. Viele meinen, die Palästinenser seien die armen Opfer, und die Juden seien die mächtigen Angreifer. Es wundert mich, dass eine so gebildete Gesellschaft wie Israel nicht in der Lage ist, ihre Motive und Interessen besser an den Mann zu bringen.“…

In- und außerhalb Israels werden kritische Stimmen laut, die von Deutschland stärkere Verpflichtung gegen den Iran fordern. Ist diese Kritik gerechtfertigt?

„Ich wünsche den Tag herbei, an der es in der Welt mehr Verständnis für das Gefühl der iranischen Bedrohung gibt, das Israel empfindet. Es gibt dort einen Staatschef, der schon mehrmals klargestellt hat, das offizielle Ziel seines Landes sei die Vernichtung Israels. Meine Erfahrung lehrt mich, dass Diktatoren normalerweise das, was sie sagen, auch meinen. Als die Menschen seinerzeit ‚Mein Kampf’ lasen, haben sie sicherlich geglaubt, es handle sich um Propaganda. Aber Hitler tat genau das, was er geschrieben hat.“

Deutschland befindet sich heute in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit Ende des 2. Weltkriegs. Dazu kommen zahlreiche soziale und demographische Probleme. Sind Sie bezüglich der Zukunft Deutschlands optimistisch?

„Ich versuche immer, optimistisch zu bleiben. Deutschland war und bleibt eine Nation des Wissens. Das ist einer der Hauptgründe für die deutsch-jüdische Symbiose. Deutschland lernt sehr viel von Israel, das zu einer Nation der Geschäfte, der Forschung und der Wissenschaft wurde. Meiner Meinung nach müssen sich die Deutschen wieder zu ihrer Kraft und ihrer Stärke zurückfinden. Dann können wir aus der Globalisierung profitieren. Das Problem ist, dass die Menschen nach Jahren des Erfolgs und der Position, die wir erreicht haben, verwöhnt sind. Das führt manchmal zu Faulheit. Deutschland muss wieder um den ersten Platz konkurrieren.“

Ersch. im Medienspiegel der Deutschen Botschaft Tel Aviv, 25.01.2010