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Zionismuskritik: Prophet im eigenen Land

In Deutschland schlägt er das meist nichtjüdische Publikum in seinen Bann. Sie strömen zu Hunderten in seine Lesungen und hören dem leidenschaftlichen, demagogisch nicht unbegabten Redner gebannt zu, wenn er erklärt, warum er, der aus dem Herzen des zionistischen Systems, dem Glutkern israelischer Politik stammt, an ihr verzweifelt ist, zur Umkehr aufruft und damit für viele zum Renegaten geworden ist. Jüdische Zuhörer hingegen sind meist verstört und konfrontieren ihn mit dem Vorwurf, indirekt judenfeindliche Stimmungen zu bestärken. Warum beides der Fall ist, erfährt das Publikum aus Burgs kürzlich auf Deutsch erschienenem Buch Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss…

von Micha Brumlik

Ex-Knesset-Sprecher Avraham Burg ruft Israel zur Umkehr auf

Dieser nicht immer systematisch gehaltene, aus autobiografischen Erinnerungen, moralischen Reflexionen, historischen Traktaten und religiösen Bekenntnissen zusammengesetzte, stets packende Band ist ein im wahrsten Sinne des Wortes epochales Ereignis. Artikuliert doch dieses Buch genauso wie David Grossmans ebenfalls dieses Jahr erschienener, erschütternder Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ und Leon de Winters Buch „Das Recht auf Rückkehr“ nicht mehr und nicht minder als den inneren Zerfall des zionistischen Bewusstseins, genauer: jenes zionistischen Bewusstseins, das jenseits fanatischer Siedler und politikunfähiger Premiers im Westen als verständlich, wenn nicht sogar respektabel erscheint: Zionismus als wohlbegründete, humanistischsoziale Form der Selbstbehauptung gegenüber dem europäischen Antisemitismus und dem Holocaust.

Doch während David Grossman in seinem Roman den Fiebertraum eines unter dem Druck des dauernden Krieges nicht mehr erträglichen Alltags entfaltet, rechnet Avraham Burg ebenso aufrichtig wie verzweifelt mit den ideologischen Lügen des staatlichen Zionismus ab.

LEBENSLÜGEN

So konnte das zionistische Projekt nie und zu keiner Zeit eine Antwort auf den Holocaust sein, da die wenigen Juden in Palästina, die das Leiden der europäischen Juden überhaupt zur Kenntnis nahmen, weder vor noch nach 1933 reell jemals in der Lage waren, etwas gegen die Vernichtung zu tun. So war und ist es eine geschichtsklitternde Lüge, das heroische Fanal des Aufstandes im Warschauer Ghetto ausschließlich zionistischen Jugendgruppen zuzuschreiben – tatsächlich wäre der militärisch sinnlose Aufstand ohne die Unterstützung der antizionistischen Gewerkschaftsbewegung »Bund«, ohne die Mitarbeit jüdischer Kommunisten und die Hilfe nichtjüdischer polnischer Partisanen niemals zustande gekommen.

Der historisch verlogenen Privilegierung dieses Aufstandes in der israelischen Nationalmythologie korrespondiert die selbstgerechte Abwertung der europäischen Juden als Lämmer, die sich zur Schlachtbank führen ließen, und gipfelt in der lächerlichen Pose des Überflugs israelischer Militärflugzeuge über der Gedenkstätte Auschwitz.

Der Sprungturm, von dem vor Jahrzehnten der angehende Fallschirmjäger Avraham Burg springen musste, wurde im Jargon der Rekruten »Eichmann« genannt. Die Geschichte, die Burg anhand von israelischen Kabinettsakten über die Geschichte und Vorgeschichte des Eichmannprozesses erzählt, ist dazu geeignet, noch einmal – nach Hannah Arendts streitbarem Buch – die Fragwürdigkeit des ganzen Verfahrens erneut hervorzuheben. Nach Burgs Darstellung ging es dabei vor allem um eine innenpolitische Rettungsaktion für Ben Gurions Regierungskoalition, die durch publizistische Angriffe von rechts gegen ihr zugehörige Funktionäre bei der Rettung ungarischer Juden 1944 unter Druck geraten war.

Im Endeffekt aber führte, das ist Burgs These, der Eichmannprozess von 1961 dazu, Bewusstsein und Gefühl der jüdischen Einwohner ausschließlich auf den Holocaust auszurichten und seine Staatsräson in die unrealistische Annahme zu meißeln, die ungleichzeitige Alternative zur Massenvernichtung zu sein. Im Hinblick auf die Gegenwart und die Zukunft Israels, zumal in seinen Beziehungen zu den Palästinensern und den arabischen Nachbarn, aber führt diese Fixierung auf den Holocaust zu einer heillosen Verkennung der Realität, die Israel letztlich unfähig zum Frieden macht.

Neben dieser politischen Dimension ist das Buch aber auch ein Werk persönlicher Trauer über den Vater des Autors, einen aus Dresden stammenden »Ostjuden«, den humanistisch gebildeten, tief religiösen Josef Burg, der sich als israelischer Minister aus – wie sein Sohn vermutet – moralischen Gründen im israelischen Kabinett einer Hinrichtung Eichmanns widersetzte. Jede Seite dieses Werks zeugt von der Enttäuschung, mit der der Sohn dieses Mannes wahrnehmen musste, dass israelische Realpolitik, zionistische Ideologie und die universalistische Moral des jüdischen Glaubens, der Religion der Propheten und rabbinischen Weisen, nicht zueinanderpassen.

Man mag geteilter Meinung darüber sein, ob heutigen Publizisten der Mantel der biblischen Propheten nicht zu weit ist – Avraham Burg scheut sich nicht, sich in ihn zu hüllen. Gegenüber jüdischen Rassisten und Extremisten, die er als seine Nächsten durchaus annimmt, bekennt er: Gegen sie richte er seinen »ersten Kampf in dem Bemühen, mein Volk, das in den letzten Jahren vom Weg abgekommen ist, wieder auf den Weg zu bringen, den seine Vorfahren und Gründer ihm geebnet haben«. Und so entwickelt der Autor seine eigene Eschatologie, die den Holocaust durchaus in Betracht nimmt.

Am Ende der Zeiten, so die synagogale Liturgie des Judentums, werden die Völker im Namen des Einen Gottes zum Zion wallfahren. In Burgs säkularisierter Variante dieser Eschatologie wird der verheißene dritte Tempel die Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem sein – allerdings in revolutionär veränderter, universalistischer Form: Sie wird nicht mehr nur der von den Nationalsozialisten ermordeten Juden gedenken, sondern aller Menschen, die in Genoziden zu Tode gekommen sind: der Tutsi in Ruanda, der Armenier in der Türkei 1915 und der Herero in Deutsch-Südwest.

GEWISSENSPRÜFUNG

Wie die Bücher der Propheten, so ist auch Burgs Buch ein Ärgernis. Vieles ist nur angerissen, mancher Gedanke nicht zu Ende geführt und manche historische Assoziation zwar plausibel, aber sachlich falsch: So verständlich es ist, dass sich ein israelischer Linker angesichts des regierenden Rechtsblocks in Israel an die letzten Jahre der Weimarer Republik erinnert fühlt, so verbietet sich doch eine auch nur annähernde Gleichsetzung vor dem Hintergrund der völlig unterschiedlichen Geschichte beider Staaten.

Gleichwohl: Avraham Burgs Buch, das ihm auch in der Diaspora den Widerwillen, die Abneigung, wenn nicht sogar den Hass vieler mit Israel verbundener Menschen, nicht zuletzt Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft, eintragen wird, ist eine unumgängliche Lektüre. Eher als einer nichtjüdischen Leserschaft möchte man das Buch mit Israel verbundenen Jüdinnen und Juden empfehlen, die seinen Thesen keineswegs zustimmen müssen. Es dürfte dies die wohl seit Langem erschütterndste öffentliche Gewissensprüfung sein, die ein Jude, dessen Vater dem Holocaust knapp entronnen und dessen Mutter eher zufällig das Massaker von Hebron 1929 überstanden hat, betreibt.

Sich ihr auszusetzen, ist für alle, die sich dem Staat Israel verbunden fühlen, beinahe eine moralische Pflicht.

Avraham Burg: Hitler besiegen.
Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss.
Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff.
Campus, Frankfurt/Main 2009, 280 S., 22,90 €

Erstersch. der Rez. i. Jüdische Allgemeine Nr. 46/09