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Avraham Burg in München: Hitler besiegen

Letzte Woche nahm ich an Avraham Burgs Vorlesung im Münchener Amerikahaus teil, die anlässlich der Übersetzung seines Buches „Hitler besiegen“ stattfand. Die Vorlesung wurde von der israelisch-palästinensischen Dialoggruppe in München organisiert. In seinem Vortrag kritisierte Herr Burg die militaristische Mentalität der Israelis und vertrat die Auffassung, wir lebten in der Überzeugung, die ganze Welt sei uns feindlich gesonnen, obwohl dies nicht der Fall sei…

Inon Scharf

[Das Buch: Hitler besiegen] [Hebräisch]

Seiner Ansicht nach sind das israelische Sicherheitsbestreben und die Außenpolitik Israels vom Trauma des Holocaust geprägt und werden durch eine Politik des „Alles oder Nichts“ in eine ausweglose Lage dirigiert, eine Art Bunker-Mentalität. Ein Beispiel sei die Haltung Premierminister Netanjahus, der die Atompolitik des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad dahingehend deutet, dass wir uns im Jahre 1939 befinden. Burg erläuterte, dass uns 1939 weder die Weltmächte noch die Katholische Kirche und die öffentliche Meinung in der Welt gewogen waren. Wir hatten auch keinen Staat und uns stand auch keine große und gut organisierte Armee zur Verfügung.
Außerdem sei das Verhalten der Israelis selbst protzig, militant und nehme wenig Rücksicht auf die Empfindungen der Nachbarn. Dabei könne, so Burg, ein ehrlicher Dialog mit den Palästinensern durchaus beginnen, wenn Israel zumindest eine gewisse – wenn auch nicht die gesamte – Verantwortung für die so genannte Nakba, die Vertreibung der Palästinenser von ihrem Grund und Boden im Krieg von 1948 übernehmen würde. Bis heute rutschten alle Versuche eines Dialogs auf das Niveau eines Wettbewerbs der Traumata herab: Sobald Palästinenser von ihrem Trauma aus dieser Zeit sprechen, verweisen Israelis unverzüglich darauf, dass ihr Trauma, mit Hinweis auf die Nachkommen der Überlebenden des Holocaust, das weitaus schwerwiegendere sei. Aus dieser Sackgasse kann uns nur die gegenseitige Anerkennung des Leidens und der Schmerzen des Gegenübers herausführen.

In Vorbereitung auf Avraham Burgs Vortrag las ich sein Buch, und ich muss sagen, dass sein Vortrag wie die etwas mildere Version seines Buches daher kam, was wahrscheinlich auch ganz gut war. In seinem Buch vergleicht Burg die heutige Situation in Israel mit dem Deutschland der Weimarer Republik oder auch dem Deutschlands zur Zeit Bismarcks. Auch wenn dieser Vergleich in der Grobheit, der Aggressivität und Gefühlslosigkeit, die gelegentlich in der israelischen Gesellschaft zutage treten, scheinbare Bestätigung findet, ist er doch zu weit gegriffen und schadet durch seine Übertriebenheit mehr als er nützt. Um seinen Argumenten Aufmerksamkeit zu verschaffen, ist es wirklich nicht nötig, uns mit Deutschland der Weimarer Republik zu vergleichen. So argumentierte auch Ari Schavit, als er vor ungefähr zwei Jahren mit Avraham Burg in der Zeitung „Ha’aretz“, anlässlich der Veröffentlichung der hebräischen Ausgabe seines Buches, ein Interview führte: Man müsse uns nicht mit dem Vorkriegsdeutschland vergleichen, um den politischen Zustand in Worte zu fassen, angebrachter sei es vielleicht, das heutige Israel mit Frankreich im Algerienkrieg zu vergleichen. Das Zweite Deutsche Reich habe weder ein Monopol auf Militarismus und übersteigerten Nationalismus noch auf ein Überlegenheitsgefühl über die Nachbarstaaten und -völker. Sein Vergleich sei auch deshalb schädlich, weil er den Weg zur Gleichsetzung Israels mit Nazideutschland ebne – ein Vergleich, von dem sich Burg eindeutig distanziert, der von unterschiedlichen Gruppierungen für politische Zwecke ausgenutzt wird. Darüber hinaus erinnert Burg in seinem Buch auch an den Völkermord, den das Deutsche Reich unter Kaiser Wilhelm an den Stämmen der Herero und der Namaqua im heutigen Namibien begangen hat. Dabei wurden Zehntausende ermordet, und es dürfte einigernaßen schwer fallen, Israel eines ähnlichen Vorgangs zu beschuldigen.

Burg beklagt in seinem Buch auch die Ignoranz mit der die israelische Berichterstattung mit anderen Genoziden und Gewalt gegen Völker in anderen Teilen der Erde, darunter dem Völkermord an den Armeniern durch die Türken und an den Indianern durch die Weißen, umgeht. Dazu gehört auch die diplomatische Unterstützung Serbiens während des Bosnienkrieges, aufgrund der Serbischen Opposition zu den Achsenmächten während des Zweiten Weltkrieges. Ich kann nur vermuten, dass Burg sich mit Absicht dieser Vergleiche bedient, um zu provozieren und uns ins Bewußtsein zu rufen, dass in unserem Namen unmoralische und ungerechte Taten vollbracht werden. Sein Argumentation ist recht plausibel, aber bedient sich Burg in diesem Falle nicht ebenfalls wie die israelische Politik am Holocaust, um seiner Agenda den entsprechenden  Nachdruck zu verleihen? Burg appeliert an uns, den Holocaust ruhen zu lassen und unsere Traumata zu überwinden, doch ist es nicht so, dass er mit seinem Vergleich von Israel mit dem Vorkriegsdeutschland selbst von seinen Forderungen abweicht und sich eben dieser Traumata bedient, um die Leser zu erschüttern.

In seinem Vortrag und in seinem Buch offenbart Burg einen Hang zur Propaganda, was vielleicht von den Jahren seiner politischen Tätigkeit herrührt. In seinem Vortrag sagte er zum Beispiel, in Israel sei es zwar möglich, ein solches Buch zu veröffentlichen, doch jede öffentliche Diskussion über dieses Buch würde schon im Keim durch persönliche Angriffe erstickt werden. Ich muss mich sehr über diese Aussage wundern. In der Tat sind die Diskussionen in Israel sehr lautstark, doch wie kann man der Ansicht sein, es gebe keinen öffentlichen Diskurs über diese oder jene Themen, wenn doch eben diese Themen täglich in den Medien plattdiskutiert werden? Burg selbst erwähnte, das Buch habe ein Mediengewitter verursacht. Viele kritisierten zwar das Buch und Burgs Ausführungen, doch andere wieder empfahlen es und schätzten es des Denkstoffs wegen auch wenn es gemischte Gefühle erwecke.

Propagandistisch fand ich auch seine Erklärung, wir Israelis hätten unseren Haß auf die Deutschen nach dem Holocaust auf die Araber übertragen. Burg berichtete, in einem seiner Vorträge an einer Mittelschule in Jerusalem habe ihm ein Schüler gesagt, er werde den Arabern niemals für den Tod seines besten Freundes und seines Cousins, die beim Terroranschlag eines palästinensischen Selbstmordattentäters umkamen, vergeben. Burg erwiderte dem Schüler: „Und den Deutschen hast du vergeben?“ – Es fällt mir schwer nachzuvollziehen, warum Burg, der in der Öffentlichkeit als kluger Mensch gilt, den Unterschied zwischen der aktuellen Bedrohung durch Selbstmordattentäter und der vergangenen Bedrohung nicht verstehen will. Schließlich haben die Selbstmordattentäter die unmittelbaren Freunde dieses Jungen mit in den Tod gerissen, während Nazideutschland einer historischen Bedrohung angehört; die Welt hat sich gewandelt und heute bestehen sehr gute Beziehungen zwischen Israel und Deutschland. Nach all den ausgedehnten Ausführungen über die Wichtigkeit des Mitleids und der Identifikation mit dem Schmerz unserer Mitmenschen frage ich mich, wo  die winzigen Reste von Vergebung und Versöhnlichkeit gegenüber uns, den Israelis bleiben.

Auch wenn ich mit Burgs Meinung nicht einverstanden bin, so ist es doch gut hin und wieder zu provozieren und provoziert zu werden. Es ist wichtig, sich Kritiken anzuhören und möglichst unkonventionell mit ihr umzugehen, sich über die Ungerechtigkeiten im Israel von heute Gedanken zu machen und über den Änderungsbedarf, der sicher reichlich ist.

Zweifellos ist die Kontrolle einer so großen palästinensichen Bevölkerung, die nicht bereit ist, dem israelischen Staat anzugehören, auf so lange Zeit und unter diesen Bedingungen unmoralisch, destruktiv und nichts Gutes kann daraus hervorkommen. Zweifellos gibt es in Israel auch nationalistische Strömungen , die die Demokratie gefährden, was sich im Jahre 1995 in der Ermordung unseres Premierministers manifestierte. Die Lösung des Konflikts zeigt ebenfalls in eine bestimmte Richtung: die deutliche Trennung zwischen Israelis und Palästinensern und die Gründung eines palästinensischen Staates, sogar in temporären Grenzen und ohne die eindeutige Beendigung des Konfliktes. Herr Burg behauptet, dass ihn seine Auffassungen vom Israelischen Konsens distanzieren, doch diese Anschauung der Dinge vertrat auch der ehemalige Premierminister Scharon, und 50% der Israelis teilten sie. Demnach ist Herr Burg nicht so außergewöhnlich, wie er sich zur Schau stellt, sondern repräsentiert in seinem Buch und in seinem Vortrag die Position der israelischen Parteien des linken Spektrums.

Dies kam vor allem zum Ausdruck als er sich den Fragen aus dem Publikum stellte: Zum Beispiel antwortete er auf die Frage eines in Deutschland lebenden Palästinensers nach dem Rückkehrecht palästinensischer Flüchtlinge im Rahmen eines zukünftigen Friedensabkommens, der Großteil der Flüchtlinge könne im Rahmen eines solchen Abkommens nur in den zukünftigen Palästinenserstaat zurückkehren und sollte keinen Anspruch geltend machen auf ihre ehemaligen Güter in Israel, so wie er keine Ansprüche auf das Haus seiner Mutter in Hebron in der Westbank erheben würde. Aufgrund seiner Opposition zum so genannten Rückkehrrecht der Palästinenser fällt es mir immer noch schwer auszumachen, worin sich seine Politik in der Praxis von der Politik der Proklamationen der linksliberalen Meretz Partei oder sogar des linken Flügels der Kadima Partei unterscheidet (außer vielleicht im überschwenglichen Mitgefühl gegenüber dem Nächsten).

Burg schreibt auf interessante Art und Weise und er ist ein brillianter Redner. Meiner Ansicht nach hat Israel an ihm einen wichtigen Rhetoriker verloren, nachdem er von der politischen Bühne abgetreten ist. Ich denke es ist auch wichtig, seiner Israel-Kritik Gehör zu verleihen, weil sie von seiner Wertschätzung und Liebe zu Israel herrührt, weshalb die Auseinandersetzung mit ihr auch einfacher ist, d.h. man kann manchen Teilen seiner Kritik zustimmen und anderen wiederum nicht. Der Vorteil, ihn außerhalb Israels sprechen zu hören, liegt in der Wahrnehmung der Komplexität und Vielfältigkeit der israelischen Gesellschaft mit all ihren unterschiedlichen Auffassungen. Einige von uns sind militaristisch eingestellt, andere weniger. Nicht alle Israelis vertreiben sich die Zeit damit, Palästinenser zu demütigen, so wie nicht alle Palästinenser einen Selbstmordanschlag in einer israelischen Stadt ausüben wollen.

Ich empfehle Avraham Burgs Buch und rate zur Offenheit gegenüber seinen Ausführungen, um einmal mehr die Realität in ihrer komplexeren Form zu erörtern im Gegensatz zu den wenig diskutierten Bildern, mit denen wir auf den Fernsehbildschirmen der unterschiedlichen Nachrichtendienste bombardiert werden. Ich empfehle einige Male inne zu halten während dem Lesen seines Buches. Innehalten, um sich aufzuregen, das Wesentliche zu überdenken und sich wieder zu beruhigen. Und dann ist es vielleicht möglich zu überlegen, ob nicht zumindest ein Teil seiner Kritik sehr berechtigt ist.

Übersetzung Itai Gall

Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss