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Berliner Judenhaß

Die deutschen, namentlich die Berliner Juden, pflegen von der wunderbaren Veränderung zu erzählen, die bei ihnen zu Hause bezüglich der antisemitischen Bewegung vor sich gegangen sei. Noch vor wenigen Jahren der Hauptsitz des rüdesten Antisemitismus, sei Berlin heute völlig pacificiert. Der Antisemitismus in Berlin sei todt, mausetodt…

Von Mathias Acher (Pseudonym von Nathan Birnbaum)
Erschienen in: Die Welt, Heft 11 v. 13.8.1897

Man kann sich nun lebhaft vorstellen, wie sehr ein Wiener Jude, der nach Berlin geht, auf diesen großen Grabhügel des Antisemitismus gespannt sein muß. Besonders ich, den das gütige Schicksal durch eine mustersemitische Physiognomie zu einem wunderbaren Thermometer des Judenhasses gemacht hatte, konnte mich vor Neugierde schon rein nicht mehr halten. Und ich muß gestehen, daß meine anfänglichen Erfahrungen sehr angenehmer Art waren. Gewöhnt, in Wien auf Schritt und Tritt von irgend einem dummen Jungen der Werkstatt oder des Hörsaales verhöhnt zu werden, athmete ich hier auf, die Straße schwieg so ziemlich zu meinem Judenthum. Wenn mich alle heiligen Zeiten einmal ein „Itzig“- oder „Mauschel“ruf daran erinnerte, daß es keine Regel ohne Ausnahme gebe, so hatte ich für diese Ausnahmen eben als solche ein fast dankbares, gerührtes Lächeln.

In der letzten Zeit habe ich nun freilich derlei Ausnahmen etwas öfter, als mir lieb war, zu kosten bekommen, ohne daß ich die Ursache dieser plötzlichen Annäherung an Wien ergründen konnte. Mein Gott, es mag Zufall sein, – die bekannte Duplicität der Fälle, oder, wer weiß, vielleicht gibt es irgend eine Beziehung zwischen der warmen Jahreszeit und dem Straßenantisemitismus. Vielleicht ist auch mein Aeußeres à  la Bagdad, wie es einmal einer meiner Freunde meinte, noch bagdadesker geworden. Vielleicht ….

Ich grüble übrigens dieser Frage nicht mehr zu viel nach; mein Geist hat wichtigere Beschäftigung bekommen. Ich habe das Geheimnis des Berliner Ex-Antisemitismus erschlossen.

Einst las ich in dem ödesten aller antisemitischen Witzblätter, dem „Kikeriki“, eine kleine unsinnige Notiz. Sie lautete, wenn ich mich recht erinnere: „Die Engländer sind die Juden unter den europäischen Völkern, die Preußen sind die Juden unter den Deutschen“. Bitte, meinen Sie nicht, ich schnitte diese Kikerikiade an, um zu dem Schlusse zu kommen, daß es pure Wahrverwandtschaft ist, warum die Preußen den Juden nichts thun wollen. Berwahre! Nichts liegt mir ferner. Ich citiere den Ausspruch nur, um gestehen zu können, daß ich ihn seinerzeit nicht begriff, während ich ihn jetzt, nach längerem Aufenthalt in Berlin, begreife. So ganz Unrecht hatte der antisemitische Hahn von Wien mit seinem kleinen, unsinnigen Dictum denn doch nicht. Es gibt eine Aehnlichkeit zwischen den Preußen und jenem Theile der Juden, der einerseits von modernen Verkehrsstrudel erfaßt ist, andererseits gleich den Protestanten eine rationalistische Geisteszucht erfahren haben. Dieselbe Erscheinung wiederholt sich, wenn man Engländer und Juden vergleicht, nur, daß dann die Aehnlichkeit noch größer ist.

Aber neben dieser Analogie wachsen eine ganze Menge von Verschiedenheiten empor. Die bedeutendste ist die Armuth an Phantasie bei den Preußen und der Reichtum an solcher bei den Juden. Darum ist der Preuße Verstandesmensch en gros und en detail, der Jude nur en detail, und auch da kommt manchmal die Einbildungskraft dazwischen. Dieser Unterschied drückt sich im Erwerbsleben aus. Der Preuße ist ein nüchterner, vorsichtiger Kaufmann, der Jude ein zagender, wagender Unternehmer. Daraus folgt, daß der Preuße dem Juden mindestens gewachsen ist. Die paar jüdischen Millionäre, denen der Wurf gelungen ist, bedeuten wenig. Der jüdische Mittelstand ist nicht besser gestellt, als der preußische und kann sich nicht über ihn erheben wie anderwärts. Das preußische Bürgerthum hat also gar keinen Grund, sich vor den Juden zu fürchten, und da in den niederen Schichten der Bourgeoisie wieder infolge des nationalistischen Zuges der Preußen, die Socialdemokratie dominirt, ist für eine politische antisemitische Bewegung, wie die Wiener, von vornherein wenig Aussicht vorhanden.

Das wäre aber erst das halbe Geheimnis des Berliner Ex-Antisemitismus. Denn, wenn man von Antisemitismus spricht, muß man auch vom Judenhasse sprechen. Die beiden Dinge sind nicht dasselbe, aber sie bedingen einander. Der erste ist eine Offenbarung des zweiten. Der nichtgeoffenbarte Judenhaß heißt mit einem uralten hebräischen Worte: Rischus. Eine selbstverständliche Proportion lautet nun: Je weniger Rischus, desto mehr Antisemitismus und umgekehrt. Oder concreter: die Wiener Antisemiten sind weniger Reschoim als die Berliner Nichtantisemiten.

Darin zeigt sich nämlich das Verstandesmenschenthum des Berliner besonders leuchtend, daß sie ihre Gefühle, von denen eines der stärksten der Widerwille gegen alles Fremde ist, so gut meistern. Nur oberflächliche Beobachter sind es, welche diese Ruhe ernst nehmen und den Fremdenhaß im Verkehre der modernen Weltstadt untergegangen wähnen. Nein, er lebt unter einer dünnen Hülle weiter. Jeder Fremde, der nach Berlin kommt, weiß von der Unliebenswürdigkeit des Berliners zu erzählen. Der Fremdeste der Fremden ist aber auch hier der Jude. Es kommt wohl fast nie vor, daß der Berliner den ihm unbekannten Juden beschimpft; selbst eine Geberde, die eine empfindliche Natur als höhnend auslegen könnte, erlaubt er sich verhältnismäßig selten. Aber er hat den starren, unfaßbaren Blick der Fremdheit, der sich zwischen ihn und den Angesehenen wie ein eisiger Gletscher schiebt. Es ist eine Selbstverständlichkeit des Nichtverkehrs zwischen Juden und Nichtjuden in Berlin, wie sie selbst in Wien nicht besteht. Wenn sie aber denn doch irgendwie mit einander verkehren müssen, sei es geschäftlich, sei es nachbarlich, dann nimmt sich der Berliner seine Fremdheitsatmosphäre mit. Mildere, vornehmere Naturen wandeln sie dann wohl in urbane Höflichkeit um. Der Pöbel ist einfach brummig und schließt oft die Bekanntschaft mit einem antisemitischen Ausbruch, der die berühmtesten Wiener Muster beschämt.

Mit diesem, ihrem relativ ruhigen Rischus kommen nun die Berliner weiter als die Wiener mit ihrem temperamentvollen Antisemitismus. Ohne daß es die kurzsichtigen und schwerhörigen Juden, deren Sinne nur auf antisemitischen Feuerbrand und Kanonendonner reagiren, merken, macht man sie mit preußischer Gründlichkeit –  und die ist unglaublich – zu Staatsbürgern zweiter Classe, die überall hintanstehen und namentlich in der Beamtenhierarchie hübsch weit hinten gelassen werden. Die Zurücksetzung der Juden im Staatsdienste möchte ich nämlich auch ganz und gar nicht dem Antisemitismus und seinen wirtschaftlichen Anlässen zuschreiben. Ich bin überzeugt, daß hier die materialistischen Momente ganz verschwinden gegenüber dem idealistischen Momente einer patriotisch-nationalen Fürsorge und Abwehr. Auch hier Rischus, nicht Antisemitismus.

Ob aber auch der Antisemitismus noch irgend welche Aussichten in Berlin hat, das ist eine Frage, die nach dem Vorausgegangenen im Grunde wenig Interesse bietet. Ich glaube übrigens, daß er vor der Wiedergeburt steht. Es sind Anzeichen dafür vorhanden. Die politischen Verhältnisse werden ihn neu schaffen. Vielleicht wird er dann insoferne von nachhaltigerer Bedeutung, als er die deutschen Juden dem Zionismus näher bringen dürfte. Den von den deutschen Juden in ihrer heutigen Verfassung zu erwarten, daß sie sich ohne die Ruthenstreiche des Antisemitismus, rein aus Empfindlichkeit für das Rischus, aus stolzem nationalen Individualismus der zionistischen Bewegung anschließen, das wäre thörichter Optimismus! Vielleicht ginge es noch, wenn sie nicht so traurige Führer hätten! ….