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Berlin: Hier kam der Antisemitismus zur Welt

Zur Zeit befasst sich auch die israelische Presse ausführlich mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung Deutschlands und Berlins…

In Globes sieht Yoav Karni die Euphorie, die das Endes des 20. Jahrhunderts begleitete abgelöst durch eine Depression. Er sieht sogar das Ende der westlichen Demokratie. Modelle, die sowohl Neid als auch Angst erwecken, befinden sich, so Karni, nicht in der westlichen Welt. Die Erfolgsstory unserer Tage schreibt China und die Vorbilder sind Putin und Chavez.

In Berlin sieht er eine Hauptstadt, der es gelungen ist, immer wieder völlige Gegensätze zu symbolisieren. Die Stadt war der Ursprung von Qualen für ganz Europa, jedoch auch eine Quelle der Hoffnung für die ganze Welt. Hier bekämpften sich Liberalismus und Militarismus, Sozialismus und Faschismus, Fortschritt und Reaktion, gewagte Kreativität und erstickender Konformismus. Berlin ist eine Stadt, die Bücher schrieb und sie verbrannte, die für Menschenrechte kämpfte und sie mit Füßen trat, die zerstörte und zerstört wurde.

Karni erinnert an Churchills berühmten Rede, die er 1946 in den USA hielt: Von Stettin an der Ostsee bis hinunter nach Triest an der Adria ist ein ‚Eiserner Vorhang’ über den Kontinent gezogen. Berlin erwähnte er nicht. Man könnte sich eine Reihe von Städten vorstellen, die es mehr verdient hätten, den Vorhang zu lüften als Berlin, da sie weniger daran schuld waren, dass er sich überhaupt gesenkt hat. Dennoch wurde sie mit dem Akt der Befreiung geehrt. 20 Jahre nach diesem Akt gibt es nichts, was weniger vorstellbar ist, als ein Krieg im Zentrum Europas. Das ist etwas, das man niemals zuvor mit einer solchen Sicherheit behaupten konnte. Und das ist gar kein schlechtes Ergebnis für den Herbst 1989.

Die jüdische Geschichte Berlins ist relativ kurz, genauso kurz, wie auch die Geschichte Berlins als Großstadt relativ kurz ist. Erst im 18. Jahrhundert erhielt die Stadt in Europa Bedeutung, aber sie konnte Wien, Paris oder London nicht das Wasser reichen. Sie war nicht einmal die wichtigste Stadt Deutschlands. Da es keine lange jüdische Geschichte gibt, gibt es auch keine lange Geschichte der Judenverfolgung. In Berlin gab es z.B. kein Ghetto.

Heinrich von Treitschke: „Die Juden sind unser Unglück“

Erst im Jahr 1871 wurde Berlin, fast über Nacht, zur wichtigsten Hauptstadt des Kontinents. Preußen hatte gerade Frankreich besiegt, und Bismarck setzte seinen König auf den Kaiserthron des vereinten Deutschlands. Aber ein Jahrzehnt später platzte die Blase, und die Wirtschaftskrise bildete einen fruchtbaren Boden für Antisemitismus. Wilhelm Marr prägte 1879 den Begriff „Antisemitismus“, und Heinrich von Treitschke, Geschichtsprofessor an der Universität von Berlin, äußerte die berühmten Worte, die später von den Nazis übernommen wurden: „Die Juden sind unser Unglück“.

Die liberale Phase war also vorbei, und es entstand intoleranter Nationalismus. Herzl erkannte das in Wien. Hätte er in Berlin gelebt, hätte er es vielleicht sogar noch früher erkannt.

Der berühmteste Berliner Jude war Walter Rathenau. Als Deutschland in den 1. Weltkrieg zog, ohne sich wirtschaftlich darauf vorbereitet zu haben, kam Rathenau dem Land zur Hilfe. Sein Wirtschaftsregime rettete Deutschland vor einem frühen Zusammenbruch. Das Modell Rathenaus diente 25 Jahre päter Albert Speer, der die Kriegswirtschaft Hitlers leitete. Deutsche Nationalisten dankten es Rathenau mit einer Revolverkugel. Sie ermordeten ihn 1922, als er Deutschlands Außenminister war. Die Propaganda machte ihn für die Demütigung in Versailles verantwortlich.

Das Berlin Rathenaus wurde natürlich vom Erdboden gelöscht. Die Juden Berlins (ca. 20.000) sind heute zum Großteil Osteuropäer, die erst vor kurzem eingewandert sind. Kann es sein, dass die nächste Generation der Berliner Juden an die Generationen von damals erinnern und ähnliche Gipfel erreichen wird? Ob man sich das wünschen sollte? Dazu kann man gemischte Gefühle haben.

Wie auch immer, man muss sich nicht besonders anstrengen, um sich an die jüdische Vergangenheit zu erinnern. Renovierte Synagogen erinnern an sie, Mahnmale definieren sie, Museen dokumentieren sie, Schilder lokalisieren sie. Ich bin nicht sicher, ob ein jüdischer Gast der Stadt Berlin dafür danken muss, dass sie sich erinnert. Aber man muss zugeben, dass Erinnerung sehr viel besser ist als Vergessen.