Schritte zur Deeskalation im Nahost-Konflikt

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Nach der skizzierten Analyse tragen psychologische Faktoren wesentlich dazu bei, dass die Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern in eine Sackgasse gerieten. Während die Grundzüge einer möglichen Lösung den Angehörigen beider Gesellschaften mehr oder weniger klar sind und diese Lösung auch von einer relevanten Mehrheit weitgehend mitgetragen wird, verhindert das beschriebene Syndrom eine Umsetzung und erlaubt es einer radikalen Führung und lösungsunwilligen Teilen der Gesellschaft, den Konfliktverlauf zu diktieren…

[Schwerpunkt: Psychologie im Nahostkonflikt]

Deeskalationsschritte

Zweiter Teil des Artikels von Daniel Bar-Tal
aus: Wissenschaft & Frieden 2005-2: De-Eskalation

Die politische Psychologie kennt diverse spezifische Maßnahmen zur Behebung der Auswirkungen psychologischer Friedenshindernisse. Im Weiteren möchte ich jedoch in allgemeinen Begriffen den psychologischen Zustand beschreiben, den beide Gesellschaften unabhängig von formellen Verhandlungen zu erreichen versuchen sollten: den der friedlichen Koexistenz. Koexistenz stellt nach meiner Auffassung eine wesentliche gesellschaftliche Voraussetzung für einen genuinen Friedensprozess dar. Sie beinhaltet die grundlegende Anerkennung des Rechts der anderen Gruppe auf eine Existenz in Frieden mit allen Unterschieden und die Akzeptierung der anderen Gruppe als legitimen und gleichwertigen Partner, mit dem Streitfälle gewaltfrei geregelt werden müssen. Dieser Zustand ist erreicht, wenn die Mehrheit diese Ansicht teilt. Folgende Hauptkomponenten gehören zu diesem Zustand (vgl. Bar-Tal, 2004).

  • Legitimierung erlaubt es, den Gegner als jemand zu betrachten, der im Rahmen der internationalen Normen agiert und mit dem man den Konflikt beilegen kann und positive Beziehungen aufnehmen möchte. Der anderen Gesellschaft werden die gleichen Rechte auf ein Leben in Frieden zuerkannt wie der eigenen und auch das Recht, Streitpunkte und Beschwerden vorzubringen, die dann gewaltfrei beigelegt werden müssen. Legitimierung beinhaltet weiter die Akzeptierung der gewählten Führung der gegnerischen Gruppe als rechtmäßigen Partner im Friedensprozess und liefert insofern die Grundlage für Vertrauen als wesentliche Voraussetzung von Konfliktlösung und den Aufbau friedlicher Beziehungen.
  • Gleichstellung (equalization) macht den Gegner zu einem ebenbürtigen Partner. Das erfordert eine Anerkennung des Prinzips der Statusgleichheit, das in Verhandlungen zur Geltung kommen muss und auch in den Gruppeninteraktionen jeder Art und Ebene. Es besagt zunächst, dass Führung und Bevölkerung Angehörige der anderen Gesellschaft vor allem ohne Überlegenheitsanspruch als Gleiche ansehen und behandeln. Ferner gehört dazu, keine besonderen sozio-strukturellen Bedingungen für die Aufnahme von Verhandlungen zu stellen, da das auf Paternalisierung und Ungleichbehandlung hinauslaufen würde.
  • Differenzierung ermöglicht eine neue Wahrnehmung des Gegners, der bisher als homogene feindliche Einheit galt. Die Gegenseite wird als aus Gliederungen mit je eigenen Ansichten und Ideologien zusammengesetzt gesehen, die sich auch in ihren Meinungen zum Konflikt und zu dessen Lösung unterscheiden können. Zumindest ist zwischen Befürwortern und Gegnern des Friedensprozesses zu unterscheiden; entsprechend unterschiedliche Beziehungen können aufgebaut werden. Vor allem kann man Untergliederungen erkennen, die im Hinblick auf den Aufbau friedlicher Beziehungen ähnliche Werte und Überzeugungen vertreten wie man selbst.
  • Personalisierung ermöglicht darüber hinaus, die Gegner als Individuen wahrzunehmen, mit vertrauten Merkmalen, Ansichten, Bedürfnissen und Zielen. Das bedeutet eine Realisierung von Unterschieden innerhalb eines Individuums, zwischen Gruppenmitgliedern und zwischen sozialen Rollen. Jede Form der Individualisierung entschärft Generalisierungen und ermöglicht es, Ähnlichkeiten mit einem selbst und sogar Gemeinsamkeiten wahrzunehmen.
  • Abbau negativer und Aufbau positiver Affekte: Auf emotionaler Ebene müssen einerseits kollektive Furcht und kollektiver Hass abgebaut und andererseits kollektive Hoffnung, Vertrauen und wechselseitige Anerkennung aufgebaut werden. Kollektive Hoffnung entsteht, wenn ein konkretes positives Ziel erwartet wird. Sie schließt die kognitiven Komponenten der Vergegenwärtigung und Erwartung ein und das Wohlgefühl im Hinblick auf die erwarteten Ereignisse oder Ergebnisse (Kelman, 2004; Staats & Stassen, 1985). Die Entwicklung einer hoffnungsvollen kollektiven Orientierung beinhaltet die Bildung neuer Ziele wie ein Leben in friedlicher Koexistenz und Kooperation mit dem Feind von gestern. In Verbindung mit kollektiver Anerkennung des ehemaligen Gegners schließt das Vertrauen ein und die Absicht, positive Beziehungen zu entwickeln.

Die beschriebenen Aspekte von Koexistenz schaffen ein positives gesellschaftliches Klima, das es möglich macht, eine friedliche Konfliktlösung zu erreichen. Klar aber muss sein, dass damit der Dauerkonflikt selbst noch nicht behoben ist. Dazu sind Verhandlungen unabdingbar, die zu einer wechselseitig akzeptablen Übereinkunft führen. Andererseits müssen die psychologischen Barrieren auch für die Aufnahme von Verhandlungen beseitigt werden. Nicht zuletzt aber hat ein Friedensprozess zur Voraussetzung, dass jede Form von Gewalt eingestellt wird oder zumindest wesentlich zurückgeht. Ein Ende der Gewalt ist seinerseits aber auch eine fundamentale Voraussetzung für eine Veränderung der beschriebenen friedenshinderlichen Mentalität. Allerdings ist es offensichtlich leichter, staatlich getragene Gewalt zu stoppen als von nichtstaatlichen Organisationen und einzelnen getragene, wie sie meist von palästinensischer Seite ausgeht. Doch darf diese Art von Gewalt keine Vetomacht gegen die Fortsetzung des Friedensprozesses haben. Aggression und Feindseligkeit hören nicht schlagartig auf, sondern dauern Jahre an, nehmen aber ab, in Abhängigkeit von der Befriedigung der Grundbedürfnisse der Bevölkerung. Es stellt eine besondere Herausforderung für Politiker und Medien dar, den Friedensprozess in Gang zu halten, auch wenn der Konflikt noch gewaltdurchsetzt ist.

Resümee und Ausblick

Koexistenz im erläuterten Sinn beinhaltet nicht primär Aktivitäten wie Waffenstillstand, Aufnahme von Verhandlungen und die Beilegung konkreter Streitfälle. Es geht vielmehr um eine Mentalitätsänderung auf gesellschaftlicher Ebene, eine Umgestaltung der psychischen Ausstattung eines Kollektivs. Von großer Bedeutung dafür sind gut geplante und ausgeführte Maßnahmen.

Die avisierte Veränderung hängt zum einen von den Absichten, der Entschlossenheit, der Mobilisierung und der Kraft der Friedensfreunde ab, von Führungspersonen, politischen Parteien, Nicht-Regierungsorganisationen und einzelnen. Nach Jahren des Misstrauens, des Hasses und der Feindseligkeit braucht man geschickt bekannt gemachte Versöhnungshandlungen, auch verbaler und symbolischer Art, offizieller wie inoffizieller Natur, von beiden Seiten, so dass eine Atmosphäre eines positiven Wechselbezugs entsteht und eventuell ein neues Klima des Friedens. Die engagierten Individuen, Gruppen und Organisationen müssen auch Skeptiker und Gegner in ihren eigenen Reihen bzw. in ihrer eigenen Gesellschaft von der Wichtigkeit gewaltfreier Konfliktlösung überzeugen.

Um ein Klima der Koexistenz zu etablieren, müssen sodann gesellschaftliche Institutionen dazu veranlasst werden, die neue Botschaft zu verbreiten. Gemeint sind im Besonderen die Massenmedien und das Erziehungswesen. Die Massenmedien können ein sehr wirkmächtiges Instrument sein, um einen Friedensprozess voranzubringen. Die andere wichtige Institution zur Restrukturierung der psychologischen Zurüstung einer Gesellschaft ist das Erziehungswesen. Das läuft i.d.R. auf den Einbezug des Schulwesens für Zwecke der Friedenserziehung hinaus. Friedenserziehung sucht das Weltbild der Schüler und Schülerinnen – ihre Werte, Überzeugungen, Einstellungen, Fertigkeiten und Verhaltensweisen – in einer Weise zu formen, die dem Friedensprozess entspricht und sie darauf vorbereitet, in einer Phase des Friedens zu leben.

Literatur

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Dr. Daniel Bar-Tal ist Professor für Psychologie an der School of Education, Tel-Aviv University, und Direktor des Walter Lebach Research Institute for Jewish-Arab Coexistence through Education. Er arbeitet seit den frühen 1980er Jahren zu Fragen der Politischen Psychologie, i.B. der Konflikt- und Friedenspsychologie.
Der Beitrag basiert auf einem Vortrag des Autors im Rahmen der 17. Tagung des Forums Friedenspsychologie vom 18.-22. Juni 2004 in Marburg. Eine ungekürzte Version erschien in »conflict & communication online, Vol. 4, No. 1«.
Übersetzung und Bearbeitung: Albert Fuchs.

Zum ersten Teil

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