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Stadt der Träume: Tel Aviv 1909 – 2009

Die Baukunst der vor hundert Jahren aus dem Sand erblühten Mittelmeermetropole Tel Aviv in den künstlerischen Visionen von Sergio Lerman und Arie Berkowitz. Eine Ausstellung in München vom 21.10. bis 11.12.2009 …

Von Anna Zanco Prestel

Als einen Höhepunkt ihrer Veranstaltungsreihe in diesem Jahr präsentiert die Oberste Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern Arbeiten von zwei prominenten Vertretern des Tel Aviver Kulturlebens. Die Ausstellung ist ein Beitrag zur diesjährigen 100-Jahr-Feier der Mittelmeerstadt ist. Kurator ist Prof. Dr. Emmanuel Heller, Direktor des Zentrums für Zeitgenössische Israelische Kunst (ZZIK), der die Werkschau nach München geholt hat.

Der Bildhauer, Designer und Bühnenbildner Arie Berkowitz zeigt eine Reihe neuer Holzobjekte und Reliefs, die aus den Eindrücken entstehen, die er bei seinen täglichen Fahrradfahrten durch die Straßen seiner Stadt Tel Aviv einsammelt. Eindrücke, die sich durch die Geschwindigkeit der Fahrt in Schatten einer ephemeren Realität verwandeln, in flüchtige Visionen voller Zauber und Poesie. Natur belassene Holzreststücke werden auf phantasievoller Art zusammengesteckt und mit bunten, minimalistisch entworfenen Silhouetten bemalt. Daraus entwickeln sich dreidimensionale Kleinodien, die sich wie Kulissen eines geheimnisvollen Bühnenbildes präsentieren. Details werden sichtbar in Form von architektonischen Elementen wie Balkonen, Ziegeln oder orientalischen Pflanzen und Bäumen, die eine grün belebte urbane Landschaft erahnen lassen. Die Bauhausarchitektur mit ihren vielen Beispielen nimmt in seiner Malerei mit betontem assoziativem Charakter eine wichtige Rolle ein. Aus einer Vielfalt von Zeichen entwickelt sich eine „kulturelle Symbolik“, eine neue Sprache zwischen Erlebnis und Imagination. Anders als in den früheren Arbeiten aus seiner Reihe „The bycicle Route“ vermitteln diese in den letzten zwei Jahren realisierten Werke in zunehmend abstrahierenden Formen das Gefühl der Hektik in der modernen Metropole. Dominierend unter den eher fahlen Farben – gelb oder braun auf unbehandeltem hellem Holz – ist das kräftig leuchtende Blau eines Himmels, das zwischen zwei Holzelemente hineinfällt. Wie der Himmel, den der gestresste Stadt-Mensch unserer Tage nicht in seiner vollen, strahlenden Ausbreitung, sondern nur in Bruchstücken zwischen zwei Bauten sehen und wahrnehmen kann.

berkowitz

Palmen, Pflanzen und Gebüsche tauchen auch in den realistischen Zeichnungen und Aquarellen mit expressionischem Charakter Sergio Lermans auf. Denn die üppige Vegetation gehört zum Erscheinungsbild Tel Avivs und dient als Schutz vor extremer Hitze, als Trost für das sehnsüchtige Auge, als Flügel für weit aufschweifende Gedanken…

Lermans Zeichnungen repräsentativer Bauten im Bauhaus-Stil sind – mit ihren klaren Linien – das Werk eines künstlerisch arbeitenden Architekten. Stilisierte Skizzen auf einem mal kompakt-monochromen, mal verschwommenen Hintergrund, mal von der Seite, mal schräg zwischen zwei Bauten eingefügt, hier von der Frontseite, dort eindrucksvoll von unten fokussiert.

Um Bewegung in seinen Zeichnungen hineinzubringen, die allmählich zu Kompositionen werden, holt sich Lerman wortwörtlich „das Blaue vom Himmel“, ein mitteldunkles Blau, das auch intensiv rot, gelb oder orange sein kann. Farbflecken in stets wechselnden Formen, die einen Kontrast zu den strahlend weißen Fassaden bilden. indem sie den Konturen des einzelnen Baukomplexes folgen oder die umliegende Fläche füllen. Dadurch beginnen Lermans Skizzen frei in den Raum zu schweben und werden nahtlos in eine poetische Dimension hinübergeführt.

Lermans Aquarelle decken nicht nur den Zeitraum ab, in dem die meisten Bauhaus-Gebäude errichtet wurden, sie spannen einen Bogen über anderthalbes Jahrhundert. Dadurch gelingt es ihm, einen umfassenden Überblick der sehr unterschiedlichen Stilarten zu vermitteln, welche die nahöstliche – und doch so westliche Mittelmeerstadt – charakterisieren. Mit leichter Hand führt er den Betrachter auf eine abwechslungsreiche Zeitreise durch die Kulturen an teilweise noch unentdeckten Orten am Schnittpunkt zwischen Orient und Okzident.

lerman

Der israelische Schriftsteller Amos Oz spricht – nicht ohne Ironie – von den „strengen Freuden der pedantischen deutsch-jüdischen Ästhetik“. Ausgerechnet ist aber gerade der Bauhaus-Architektur die Neubewertung und Sanierung des Kulturgutes selbst anderer Epochen zu verdanken. Es war erst durch die hart erkämpfte Unesco-Anerkennung des Tel Aviver Bestandes an Bauhaus-Gebäuden als „Kulturerbe der Menschheit“ im Jahre 2003, dass der Restaurierungsprozess relevanter Bauten aus früheren Stilarten richtig in Gang gesetzt wurde!

Als City-Architekt von Tel Aviv in den 1990er Jahren war Sergio Lerman mit seinem Team am dem Gelingen jenes erfolgreichen Unternehmens maßgeblich beteiligt. Seine zum Zweck der Sensibilisierung der verantwortlichen Stadtverwalter liebevoll entstandenen Zeichnungen sollten durch Ihre Schönheit bestechen, indem sie an den ursprünglichen Glanz der nun gefährdeten Bauten erinnern. Sie sollten Mahnung und Ansporn sein, sie vor drohendem Verfall oder willkürlichem Abbruch zu retten.

In seinen Aquarellen, die seine zahlreichen Bilderbücher schmücken, sucht Sergio Lerman die Geschichte hinter der Geschichte. Die Gebäude erzählen ihm von den „Träumen, Wünschen und Idealen der Menschen…, von harten Zeiten und unmöglichen Bedingungen, von der Sehnsucht nach einer Heimat,… nach einer neuen Gesellschaft, jung und idealistisch…“

Materialisieren sich beim Bildhauer Arie Berkowitz die Details der urbanen Landschaft in lyrische Abstraktionen, so verflüchtigen sich bei dem Künstler-Architekt Sergio Lerman realistische Elemente des Stadtbildes in poetische Visionen.

Beide Künstler treten – jeder auf seine Art – in jenen schwebenden Zustand des Traums ein, in dem sie sich verwurzelt fühlen.

Ihr Blick geht stets rückwärts auf eine Vergangenheit zurück, die sie – mit den ihnen kongenialen Mitteln – in die Zukunft hinüberretten wollen. Beide sind in ihre Wahlheimat Tel Aviv verliebt, in der sie in jungen Jahren ankamen. Arie Berowitz aus der nahen Provinzstadt Be ´er Sheva im Negev, Sergio Lerman aus dem weit entfernten brasilianischen Kontinent, den er mit dem Klang von Gil Gilbertos Melodien im Ohr verlassen hatte.

Für beide war es der Beginn einer leidenschaftlichen, fruchtbaren „Liebesaffäre“, die – wie es scheint – nicht zu Ende geht …Denn – so Sergio Lerman – „Tel Aviv ist der fortwährende Traum am Ufer des Meeres…“

Kurator: Prof. Dr. Emmanuel Heller (ZZIK)
Veranstalter: Oberste Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern, Zentrum für Zeitgenössische Israelische Kunst – ZZIK in Zusammenarbeit mit dem Kulturverein Pro Arte e.V. München
Ort: FORUM IV in der Obersten Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern, Franz-Josef-Strauß-Ring 4, 89539 München, www.innenministerium.bayern.de
Dauer: 21.10.- 11.12. 2009
Geöffnet werktags Mo.-Fr. 8:00 – 18:00 Uhr
Und nach telefonischer Vereinbarung
Der Eintritt ist frei.
Zur Ausstellung erscheint ein von der Obersten Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern herausgegebener Katalog mit Texten und Bildern.

Bilder von der Eröffnung: