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Anwalt und Geldgeber der rechten Szene gestorben

Im Alter von 63 Jahren ist am heutigen Donnerstag Mittag der stellvertretende NPD-Vorsitzende Jürgen Rieger an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Die rechtsextreme Partei und die partei-unabhängige Neonazi-Szene verlieren damit eine wichtige Schlüsselfigur, die der Szene mit finanzieller Unterstützung und eigenen Immobilien zur Seite stand. Rieger hatte am Samstag während einer NPD-Bundesvorstandssitzung über heftige Beschwerden geklagt. Sein Parteivorstands-Kollege Thomas Wulff hatte ihn im Privatfahrzeug in eine Berliner Klinik gebracht. Offenbar wurde bereits am Sonntag Riegers Hirntod diagnostiziert…

redok v. 29.10.2009

Erst am Dienstag wurde Riegers Schlaganfall in der Öffentlichkeit bekannt. Mehrere Tage lang geisterten Gerüchte durch die rechtsextreme Szene, Rieger sei bereits gestorben. Umgehend wurden in Neonazi-Foren auch Verschwörungsthesen gestreut, Rieger sei ebenso wie der frühere FDP-Vorsitzende Jürgen W. Möllemann, der NPD-Funktionär Uwe Leichsenring oder der österreichische Rechtsaußen-Politiker Jörg Haider das Opfer eines Mordes geworden.

Riegers Tod wurde am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa von seiner Familie mitgeteilt. Am Abend veröffentlichten seine Angehörigen auf der Rieger-Webseite eine „Stellungnahme zum Schicksal unseres Vaters“, in der ebenfalls der „Tod unseres geliebten Vaters“ bekannt gegeben wurde, den sie als „warmherzigen, lebensbejahenden Menschen von brillantem Geist und großem Wissen“ beschrieben. „Bezeichnend für ihn war seine leidenschaftliche Liebe zu Deutschland“, heißt es dort.

Trotz dieser verständnisvollen Worte hat die Familie die politische Orientierung des Verstorbenen allerdings nicht geteilt. Dieser Umstand sorgt nun für Unruhe in der rechten Szene. Dort wird befürchtet, dass Rieger möglicherweise kein Testament hinterlassen habe, in dem er den Verbleib seines Vermögens nutzbringend für rechtsextreme Organisationen geregelt hätte.

Für die NPD gab am Donnerstag Abend Thomas Wulff aus der „Reichshauptstadt Berlin“ den Rieger-Tod bekannt. Noch am Samstag habe Rieger „dem Befehl des Gewissen folgend … im politischen Kampf gestanden“. Nun habe „sein starkes Kämpferherz“ aufgehört zu schlagen.

Jahrzehnte lang war Rieger vor allem als Rechtsanwalt und radikaler Aktivist außerhalb von größeren Organisation für seine Agenda tätig. Mit seinem fanatischen Glauben an die nationalsozialistische „Rassenlehre“ stach er in der rechten Szene heraus, wo er deswegen nicht selten belächelt und als „Schädelvermesser“ verspottet wurde. Sein „Heimatverein“ war die „Artgemeinschaft“ (Untertitel: “ Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung“), bei der er seit 1989 Vorsitzender war. Trotz dieses für jüngere Neonazis wenig attraktiven Betätigungsfeldes genoss Rieger in fast allen Spektren der Rechtsextremen hohes Ansehen.

In die NPD war Rieger erst 2006 eingetreten; im Mai 2008 wurde er zum stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt. Angesichts der schweren Finanzkrise der Partei hatte Rieger der NPD mehrfach bedeutende Darlehen gegeben oder verschafft. Sein Vermögen soll zu einem beträchtlichen Teil aus Erbschaften stammen, die gläubige Alt-Nazis ihm hinterlassen hatten. Zu diesen Erblassern zählte auch der Bremer Wilhelm Tietjen, der Rieger eine Million Euro vermacht hatte. Damit hatte der Hamburger Anwalt 2004 zwei wichtige Immobilien erworben: den „Heisenhof“ in Dörverden (Niedersachsen) und das „Schützenhaus“ in Pößneck (Thüringen). Beide Anwesen dienten in den folgenden Jahren als Stützpunkte und Veranstaltungsorte für NPD-Kader und partei-unabhängige Neonazis.

Innerhalb der NPD verliert mit dem Tode Riegers vor allem die derzeitige radikale Parteiführung unter dem Vorsitz von Udo Voigt nicht nur einen finanziellen Helfer, sondern auch einen wichtigen politischen Unterstützer. Die durch ihre Landtagsfraktionen materiell weitgehend von der Parteiführung unabhängigen Landesverbände in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen zeigten dagegen ein deutlich distanzierteres Verhältnis zur innerparteilichen Machtfigur Rieger.

Für die partei-unabhängigen Neonazis stellte Rieger ein respektiertes Verbindungsglied zur ansonsten immer wieder als zu lasch kritisierten NPD dar. Diese Neonazis dürften durch den wahrscheinlichen Ausfall einiger von Rieger angekündigter Immobilien-Projekte wie etwa in Wolfsburg oder in Gerdehaus (beides in Niedersachsen) wie auch der bestehenden Rieger-Immobilien zukünftig spürbar eingeschränkt werden.

© redok