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Interview mit Rabbiner Dr. Joel Berger

Über die Entwicklung des jüdischen Religionslebens in Deutschland und die jüdische Zuwanderung aus der ehemaligen UdSSR sprach Berger mit dem Mediendienst des Zentralrats der Juden in Deutschland…

Rabbiner Dr. Joel Berger wurde im Jahre 1937 in Budapest geboren. 1968 durfte Berger, fünf Jahre vorher zum Rabbiner ordiniert, in den Westen ausreisen. Im darauf folgenden Jahrzehnt war er in mehreren deutschen Städten sowie im schwedischen Göteborg als Gemeinderabbiner tätig. Ab Ende der siebziger Jahre bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2002 war er Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Stuttgart; ab 1985 diente er zugleich als Landesrabbiner von Württemberg und war auch Sprecher der Deutschen Rabbinerkonferenz. Auch im Ruhestand ist Berger im jüdischen Leben wie im Dialog der monotheistischen Religion aktiv und hat einen Lehrauftrag an der Universität Tübingen.

Frage: Herr Rabbiner Berger, Sie sind in Deutschland seit vier Jahrzehnten als Rabbiner tätig. Wie haben sich die jüdischen Gemeinden in dieser Zeit verändert?

Antwort: Ende der sechziger Jahre waren die Gemeinden von deutschen Juden, die den Holocaust in Europe überlebt hatten oder nach Übersee geflüchtet waren, und von Juden aus osteuropäischen Ländern geprägt. Es gab viele Gemeindemitglieder, die sich im G-ttesdienst genau auskannten. Zum Teil waren das Menschen, die selbst in Jeschiwot (Taimudakademien) studiert hatten und die auch in den Nachkriegsgemeinden regelmäßig Tora-Kommentare studierten. Als Rabbiner fühlte ich mich in einer traditionellen jüdischen Umgebung natürlich heimisch. Auf der anderen Seite aber versäumte es die jüdische Gemeinschaft im Nachkriegsdeutschland, Ausbildungsstätten für Rabbiner zu schaffen und eine feste Grundlage für die langfristige Entwicklung des religiösen Lebens zu legen.

Frage: Ist das nicht nachvollziehbar? In den ersten Jahrzehnten nach dem Holocaust glaubten die Juden, in Deutschland, dem Land der Täter, „auf gepackten Koffern“ zu leben. Schon bald, so hieß es, werde man auswandern. Eine feste Zukunftsgrundlage war nicht vorgesehen. Eine „Liquidationsgemeinde“ bildet keine Rabbiner aus.Antwort: Ich denke, dass an dieser These auch dann noch festgehalten wurde, als klar war, dass sie in der Praxis nicht griff. Das hat sich später gerächt. Als ab Ende der achtziger die Juden aus der Sowjetunion kamen -eine gewiss unvorhersehbare Entwicklung -, war keine ausreichende Infrastruktur da, auf die man bei der gigantischen Aufgabe, sie in die Gemeinden zu integrieren, hätte zurückgreifen können.

Frage: Die Zahl der Gemeindemitglieder hat sich innerhalb von zwei Jahrzehnten vervierfacht. Heute sind fast neun von zehn Mitgliedern jüdischer Gemeinden Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Kann eine solche Mehrheit von der alteingesessenen überhaupt integriert werden? Zudem haben die meisten Zuwanderer in der UdSSR allenfalls wenig über das Judentum gelernt.

Antwort: Solche Zahlenverhältnisse hätten die Eingliederung der Zuwanderer in jedem Fall zu einer Herausforderung gemacht. Zudem wurden auch viele neue Gemeinden gegründet, in denen es praktisch nur Mitglieder aus der Ex-UdSSR gab. Da war niemand da, der sie hätte integrieren können. Bis heute gibt es Gemeinden, in denen es Mitglieder, aber weder einen Rabbiner noch eine Tora-Rolle oder ein geregeltes Religionsleben gibt.

Es stimmt, dass die meisten Zuwanderer nicht auf Anhieb in die Synagoge gehen und am G-ttesdienst nehmen konnten. Sie mussten erst an die Grundbegriffe des Judentums herangeführt werden. Oder hätten es werden müssen – keine leichte Aufgabe, Durch die ungenügende religiöse Infrastruktur wurde sie zusätzlich erschwert. Hätten wir vor zwanzig Jahren Rabbinerausbildungsstätten gehabt, wäre es möglich gewesen, die religiöse Betreuung der Gemeinden Rabbinern anzuvertrauen – Alteingesessenen wie Zuwanderern -, die hierzulande leben und mit den Verhältnissen vertraut sind. Ich selbst hatte den Vorteil, sowohl Deutschland als auch die osteuropäische Mentalität zu kennen. Das hat mir sehr geholfen und war sicher ein wichtiger Grund, aus dem die Integration der Zuwanderer in Stuttgart – wenn ich das sagen darf – relativ erfolgreich verlaufen ist.

Frage: Die Zahl der Rabbiner hat sich seit Beginn der Zuwanderung ungefähr verdreifacht. Heute sind in den Gemeinden über vierzig Rabbiner tätig.

Antwort: Dafür sollten wir auch dankbar sein. Ich sage aber ganz offen: Rabbiner, die Land und Leute nicht kennen, haben es schwerer, den Bedürfnissen ihrer Gemeindemitglieder gerecht zu werden. Viele der heute in Deutschland tätigen Rabbiner kommen aus Israel, und es liegt mir fern, die israelische Rabbinerausbildung als religiös inadäquat zu kritisieren. Ganz im Gegenteil: Sie ist umfassend und solide. Nur stoßen „importierte“ Rabbiner, die keine ausreichende Diasporaerfahrung im Allgemeinen und Deutschlanderfahrung im Besonderen haben, bei der Ausübung ihrer Arbeit eben auf gewisse Schwierigkeiten, Das ist, wie gesagt, nicht als Vorwurf zuverstehen, sondern eine unvermeidliche Folge früherer Versäumnisse. Wir können nur hoffen, dass sich die inzwischen hierzulande geschaffenen Ausbildungsmöglichkeiten für Rabbiner bewähren, doch muss Beispielsweise auch die Ausbildung von Religionslehrem erheblich ausgebaut werden. Meiner Meinung nach muss die Zahl der Religionslehrer verdoppelt werden. Das würde helfen.

Frage: Also haben Sie trotz aller Probleme Hoffnung.

Antwort: Es ist unsere vordringlichste Aufgabe, den aus der ehemaligen Sowjetunion zugewanderten Juden den Weg zur Tradition ihrer Väter zu erleichtern. Besonders wichtig ist es dabei, auch junge Menschen, darunter auch Familien mit Kindern, zum Eintritt in die Gemeinden zu bewegen. Beim Auszug aus Ägypten sagte Moses „Wir wollen hinziehen mit Jung und Alt, mit unseren Söhnen und Töchtern“. Das sehe ich auch als unsere Aufgabe hier und heute: Wir müssen alles tun, um unseren Glauben auch der jüngeren Generation näher zu bringen. Im Gebet ersuchen wir G-tt, uns das „Lernen und Lehren, das Bewahren und das Tun“ möglich zu machen, um bessere Menschen und bessere Juden zu werden. Genau das müssen wir auch im Verhältnis zu den Zuwanderern tun: von ihnen lernen, um sie besser verstehen zu können, ihnen beim Lernen helfen, gemeinsam unsere Tradition bewahren und uns aktiv dafür einsetzen. Für Passivität und Hoffnungslosigkeit ist da kein Platz.

Berlin, 22. September 2009, 4. Tischrei 5770