- haGalil - https://www.hagalil.com -

Für Juden verboten: Nizza Thobi vertont Petr Ginz

Im Januar 2003 bestieg der erste israelische Astronaut llan Ramon, die Raumfähre „Columbia“. In seinem Gepäck trug er die Kopie einer Zeichnung von Petr Ginz „Mondlandschaft“, seiner Mutter gedenkend, die Auschwitz überlebt hatte…

Petr Ginz 1.2. 1928 – x.y. 1944

Petr Ginz war Ende 1944 in den Gaskammern von Auschwitz ermordet worden. Am 1. Februar 2003, es wäre Petrs 75. Geburtstag gewesen, verglühte die „Columbia“ beim Wiedereintritt in die Atmosphäre mit llan Ramon und den anderen sechs Besatzungsmitgliedern.

In den Presseberichten über dieses Ereignis wurde auch von Petrs Zeichnung „Mondlandschaft“ gesprochen. Und dann gab es auch das Prager Tagebuch von Ginz, zwei gebundene Hefte aus den Jahren 1941 und 1942. Ein Mann hatte es einige Jahre zuvor auf dem Dachboden seines erworbenen Hauses in Prag gefunden und beiseite gelegt. Petrs Schwester, die den Holocaust mit den Eltern überlebt hatte und in Israel lebt, gelang es, das Tagebuch zu erwerben und herauszugeben. Das Buch, das aus einigen Zeichnungen und Tagebuchnotizen von Petr sowie seinem einzigen Gedicht „Petr Ginz“ besteht, wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Petr Ginz begann seine Tagebuchaufzeichnungen mit 13 Jahren, im September 1941, im von den Deutschen besetzten Prag. Im August 1942 hörte er auf mit dem Schreiben, wenige Wochen, bevor er ins Lager Theresienstadt deportiert wurde.

Im Februar 2004 erschien in Tschechien eine Briefmarke mit dem Motiv der ‚Mondlandschaft‘ und einem Foto des Jungen Petr. Ein von tschechischen Wissenschaftlern entdeckter Planetoid erhielt den Namen Petrginz. In Prag wurde eine Straße nach ihm benannt.

PETR GINZ

Heute weiß gar unsre Trude, wer ein Arier und wer ein Jude.
Ein Jude – um es gleich zu sagen – muss ’nen Stern auf seinem Mantel tragen.
Und einem so markierten Jud tut Leben nach Vorschrift richtig gut:
Nach acht Uhr abends das Haus nicht verlassen,
sich tunlichst auf die Familie einzulassen,
geistiger Arbeit abzuschwören,
keine deutschen Sender hören.

Und – das betrifft Juden aller Klassen, auf keinen Fall sich rasieren lassen!
Für die reiche Jüdin ist der Luxus aus, verboten ist selbst der Blumenstrauß.
Die Kinder haben von der Schule frei, einkaufen muss sie zwischen eins und drei,
kein Schmuck mehr, Knoblauch, Wein, auch Konzert, Theater, Kino lässt sie sein.
Sie hat kein Auto mehr, kein Grammophon, kein‘ Pelzmantel, schon gar kein Telefon.
Keine Zwiebeln oder Eier von den Hennen, sollen die Juden noch ihr eigen nennen.

Geige spielen hat man ihnen verboten, selbst ein Haustier halten mit samtnen Pfoten,
genommen das Fahrrad und auch die Schlittschuhe, raus mit der Wollwäsche aus der Kleidertruhe!
Vor allem muss der verbrecherische Jud aufhören mit seiner Anschaffungswut:
Nie wieder kaufen Seidenstrümpfe zarte, für ihn gibt es keine Kleidungskarte.
Schluss ists mit Rasierseife, Schnaps, Parfüm oder Pfeife, Führerschein, Shampoo.
Konfitüre, Tageszeitung und anderer Lektüre, Nähmaschine, Möbelpolitur,
von warmer Unterwäsche nur eine Garnitur, Aktien, Mietshäuser, Lottoscheine,
von solchen Sachen braucht er keine.

Du meinst, ich übertreibe sehr?
Verboten ist noch vieles mehr!
Kauf lieber nichts – das ist der Witz.
Zu Fuß zu laufen ist eine Wonne,
ob Regen fällt oder scheint die Sonne.
Und wie gesagt, in diesen Kreisen,
verzichtet man gerne auf das Reisen.

Wozu sich im Zug unter die Leute mischen,
mit dem Taxi fahren oder der Elektrischen,
wenn du nicht einmal en passant
darfst betreten ein Restaurant!

Weg vom Moldauufer, aus dem Museum,
raus aus dem Freibad und dem Lyzeum,
Zutritt verboten zum Fußballstadion,
zu Meinl und zu jeder Pension,
zum Gotteshaus und düstren Mammonstätten,
wie auch zu den öffentlichen Toiletten.

Bei Kulik, Jepa, Teta lass dich nicht mehr blicken,
derweil in den Passagen neue Zeiten ticken,
und wenn du schon spazieren musst,
vielleicht hast du auf Gräber Lust
– denn auf dem Gottesacker macht Bewegung richtig wacker,
dort macht frische Luft dich stark,
denn betreten darfst du keinen Park.

Hat es der Jude faustdick hinter den Ohren, hat die Bank trotzdem sein Konto eingefroren, am besten übt er sich im Verzicht, mit Ariern trifft er sich natürlich nicht. Ist lange her. Einst durfte auch ein Menschenwrack besitzen Koffer, Korb und Tragesack. Davon gibt’s heut keinen blassen Schimmer, aber ein Jude schimpft doch nie und nimmer. Nach Vorschrift lebt er so es geht, seine Zufriedenheit ist sehr stet.

Original Text Petr Ginz, Czech 1928-1944;
German Words Eva Profousova, Music Nizza Thobi

IN MEMORY OF THE ISRAELI ASTRONAUT ILAN RAMON

IM ANDENKEN AN DEN ISRAELISCHEN ASTRONAUTEN ILAN RAMON
20.6.1954-1.2.2003

Als die NASA-Raumfähre Columbia bei ihrer Rückkehr in die Atmosphäre am 1. Februar 2003 explodierte, wurden in der Nähe des Einschlagortes der Raumfähre in Texas mehr als 30 Seiten aus dem Tagebuch Ilan Ramons, die dem Feuer nicht zum Opfer gefallen waren, gefunden. Sie überlebten eine Explosion, 38 Meilen von der Erde entfernt, und die Zersetzung durch Sonne und Regen. Diese Seiten wurden im Jerusalemer Israel-Museum transkribiert, gescannt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. An seinem sechsten Tag im Weltraum hatte Ramon sich notiert: „Heute war der erste Tag, an dem ich gefühlt habe, dass ich wirklich im Weltraum lebe. Ich bin ein Mensch geworden, der im Weltraum lebt und arbeitet.“ Eine der Seiten enthielt das handschriftliche Sabbat-Gebet des Weins – des Kiddush – den Ramon aufgeschrieben hatte, um der erste Jude zu sein, der den Segen im Weltraum rezitiert.

When the NASA space Shuttle Columbia exploded on its return in the atmosphere on the Ist February, 2003, more than 30 pages from Man Ramon’s diary which did not fall victim to the fire were found nearthe impact place of the space Shuttle in Texas. They survived an explosion, 38 miles away from the earth and the damage of sun and rain. These pages were transcribed in the Israel Museum, Jerusalem, and were scanned and made accessible to the general public. On his sixth day in the space Ramon had writ- l ten down: „Today was the first day on which I have feit that I really live in the space. I I have become a person who lives in the space and works.“ One of the pages contai- I ned the handwritten Sabbath prayer of the wine – the Kiddush – which Ramon had written out in order to be the first Jew to recite the blessing in space.

Music Nizza Thobi
PERFORMANCE PETER WEGELE