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Juden in der Welt: Griechenland

Die Juden sind in vorchristlicher Zeit in Sparta, Sikyon, Delphi, Athen, Patras, Mantmeja, Lakonien, Korinth, Thessalonike, Philippi, Beröa nachweisbar. Die Zwangstaufen unter den byzantinischen Kaisern lösten eine gewisse Auswanderungsbewegung nach Süditalien aus. Immerhin wies das Land im 12. Jahrhundert eine Reihe von jüdischen Gemeinden auf…

Theben allein beherbergte 2.000 Familien, Saloniki 5oo, mittlere Niederlassungen bestanden in Halmyros, Korinth, Drama, Krisa, Naupactos, Ravenica, Arta und Lamia. Die jüdischen Seidenweber von Theben, die Landwirte von Krisa, die Färber und die Lederarbeiter, denen man allerorts begegnet, haben einen Ruf. Nicht umsonst holt sich König Roger von Sizilien im 12. Jahrhundert die jüdischen Seidenweber ins Land (s. Sizilien).

Im 15. Jahrhundert begegnet man jüdischen Seidenweberei in Modon im Peloponnes. Benjamin von Tudela, der Griechenland im 12. Jahrhundert bereiste, weiß von der Gelehrsamkeit der griechischen Juden zu erzählen. Geistige Ausstrahlungen gingen von ihnen aus bis zum albanischen Bergvolk, das Benjamin mit Verwunderung beobachtete. Er verzeichnete: „Sie nennen sich Walachen. Sie steigen schnell wie die Gazellen von den Bergen herab, um das Land der Griechen zu plündern… Sie bekennen sich nicht zum christlichen Glauben. Sie geben ihren Kindern jüdische Namen; wie manche behaupten, sollen sie sogar von Juden abstammen. Sie nennen die Juden ihre Brüder. Wenn sie ihnen begegnen, plündern sie sie aus, töten sie aber nicht, wie sie es mit den Griechen tun. Sie haben keinen Glauben. Von dort sind es zwei Tage nach Gorzy, einem verlassenen Ort mit wenigen Einwohnern, einigen Griechen und Juden.“

Gorzy ist wohl das heutige Korica in Südalbanien. Unweit davon lag Gastoria mit einer Gemeinde, die Benjamin ebenfalls erwähnt, die Heimat des Tobia ben Eleasar, der die Verfolgungen zur Zeit des ersten Kreuzzuges in Deutschland miterlebte und schilderte. Alte Gemeinden gab es in Janina, in Arta und Preveza. Die Juden sprachen hier ein mit lateinischen Worten durchsetztes altertümliches Griechisch. Sie hatten ihre besonderen Gesänge für die Liturgie am Sabbat und Purim.

Im 14. und Anfang des 15. Jahrhunderts bildeten sich neue Niederlassungen in Modon (Methoni), in der Hafenstadt Coroni, in Argos, Patras, Lepanto und Kythera — auf dem Peloponnes. Die Türken fanden bei der Landeroberung überall Gemeinden vor, so auch auf Morea, wo eine Ortschaft Hebraike Tribe hieß.

Die Einwanderung aus Spanien, Sardinien, Sizilien und Apulien setzt sich überall neben den bestehenden jüdischen Gemeinden nieder. Das sefardische Element erweist sich als das zahlenmäßig und kulturell überlegene. Es dringt das Spaniolische als Umgangs- und Geschäftssprache durch, das erst im 19. Jahrhundert von der griechischen Sprache verdrängt wird. Die Verhältnisse haben sich bis in die jüngste Zeit (Wichnitzer meint die 1920er Jahre) nicht verändert. Im Epirus und im Peloponnes lagen die Dinge von Anfang an anders. Dort behielt die griechische Kultur dauernd Geltung.

Saloniki wurde ein Zentrum des sefardischen Judentums „in der Verbannung“. Durch die Verlegung der spanischen Tucherzeugung, die seinerzeit den Ruf von Toledo begründete, gelangte die Stadt zu wachsender Bedeutung. Das gleiche gilt für den Welthandel, der Saloniki im 17. und 18. Jahrhundert inmitten der allgemeinen Verarmung der Gemeinden eine bevorzugte Stellung sicherte.
Saloniki hatte Ende des 19. Jahrhunderts eine Bevölkerung von 130.000 Seelen, die zur Hälfte jüdisch war. Der Handel lag zu drei Vierteln in jüdischen Händen.

Ein Beobachter schrieb: „Die Bootsleute im Hafen sind durchweg Juden, und am Sabbat können die Dampfer weder einladen noch ihre Ladung löschen. Träger und Schuhmacher, Maurer und Seidenerzeuger sind Juden.“ Es gab um 1920 in Saloniki 12.000 jüdische Fabrikarbeiter, meist in der Tabakindustrie. Alle Wäscherinnen und Hausgehilfinnen der Stadt, auch in nichtjüdischen Haushalten, waren Jüdinnen. Das Bild veränderte sich in den zwanziger Jahren (Anm.: gemeint sind die 1920er), nachdem infolge des Bevölkerungsaustausches das griechische Element verstärkt wurde. Mit den 200.000 eingewanderten Neugriechen wurden die Juden auf ein Viertel der Einwohnerschaft reduziert. Die Lage des Mittelstandes wurde haltlos, da Saloniki kein Hinterland mehr besitzt. In den Hafenarbeiten behauptete sich die Konkurrenz der griechischen Arbeiter, die durch die neueingeführte Sonntagsruhe besonders begünstigt wurden. Für die Juden, die alle ohne Unterschied der religiösen Richtung den Sabbat beobachten, bedeutet das den Ausfall eines Arbeitstages. Die jüdischen Kreise suchen im Wege der Verständigung eine für beide Seiten befriedigende Lösung der einschlägigen Fragen zu erreichen (Stand 1934).

Während des Griechenaufstandes von 1821 wurden die jüdischen Gemeinden im Peloponnes und in Mittelgriechenland fast gänzlich ausgerottet. Als Griechenland 183o die Selbständigkeit erlangte, bestand eine einzige jüdische Gemeinde auf der Insel Euböa. Späterhin entstand die Gemeinde in Athen. Seit 1881 hat Griechenland durch Friedenstraktate Gebietserweiterungen erfahren, die einen Zuwachs an jüdischer Bevölkerung bedeuteten. 1933 wurden die Juden in Griechenland auf etwa 100.000 geschätzt. Saloniki weist mit 70.000 Juden die größte Gemeinde auf. Es folgt Janina mit 4.ooo Juden, Athen, Cavalla, Larissa, Seres mit je 2.000 und mehrere Städte mit kleineren Gemeinden.

Saloniki besitzt 3o Synagogen, Talmudthoras, Jeschiwot und eine Reihe weltlicher jüdischer Schulen, die teils von der Alliance Israelite Universelle, teils vom Hilfsverein der deutschen Juden gegründet wurden. Saloniki ist eine alte Stätte des hebräischen Buchdrucks, der Anfang des 16. Jahrhunderts begründet wurde. Von den fünf spaniolischen Tageszeitungen existiert jetzt nur noch eine.
Die Juden unterstützten die jungtürkische Bewegung, die von Saloniki ausging. Sie nehmen gegenwärtig regen Anteil am politischen und parlamentarischen Leben. In Saloniki lebte die Sekte der Dönmeh, die nach dem Zusammenbruch der Bewegung des Sabbatai Zewi* äußerlich zum Islam übergetreten waren. Als die türkische Bevölkerung im Zuge des Bevölkerungsaustausches die Stadt verlassen mußte, wanderten die Dönmeh nach Istanbul und Izmir (Smyrna) ab.

Die wirtschaftlichen Verhältnisse im heutigen Griechenland bieten den Juden geringe Erwerbsmöglichkeiten. Eine jüdische Auswanderung macht sich bemerkbar nach Frankreich, Italien, Belgien, England, nach Kuba und Südamerika, Ägypten und nach Palästina. Die kräftigen Hafenarbeiter Salonikis bewähren sich im neuen Hafen von Haifa.

*) Die Entdeckung Amerikas und die Überleitung des Orienthandels auf den Seeweg führten zum allmählichen Niedergang der türkischen Wirtschaft. Die Juden teilen die Schicksale des Landes. Wenn also im 17. Jahrhundert die türkische Judenschaft der kabbalistisch-mystischen Bewegung huldigt und für den Pseudomonas Sabbatai Zewi (Schabtaj Zwi) schwärmt, so sucht sie eben einer aussichtslosen Wirklichkeit zu entrinnen. Die breiten Volksmassen versinken in Aberglauben und Unwissenheit.

Terra incognita:
1943 nach Christus

Es war eine elendigliche Siedlung, die Siedlung Hirsch in Saloniki, zweitausend Seelen beherbergte sie. Haim war einer von ihnen. Er war Fischer. Und er züchtete Tauben… Etwa zwei Jahrhunderte lang galt Saloniki als die Stadt, in der weltweit die meisten Juden lebten…

Griechenland:
Die Sonnenblumen der Juden
Eine Anthologie zum Leben und Schicksal der griechischen Juden… Hsg. Niki Eideneier, Verlag Romiosini…

Erzählungen aus Thessaloniki:
Das jüdische Bett

Die Stadt Thessaloniki, ihre Flüchtlinge, ihre Juden und die neueste Geschichte liefern den Stoff für die meisten Erzählungen von Ioannou, Jorgos. Seine sensible Schreibweise kann sich auch schonungslos gegen Mißstände und verknöcherte Ansichten richten…

Rebetika der Woche:
Rosa Eskenasi

Rosa Eskenasi kam in Konstantinopel (Istanbul, Türkei) auf die Welt. Schon vor der Katastrophe von Smyrna (Izmir) kam die Familie nach Saloniki. Die Stadt hatte in den 20er Jahren fast 40% jüdische Einwohner…

Die Musik der städtischen Subkultur Griechenlands:
Rebetiko

Die Volksmusik Griechenlands ist eine faszinierende Mischung aus West und Ost, wobei sich die orientalischen Elemente besonders in der Rebetiko-Musik finden…

Musikgeschichte – auch in Israel:
Glykeria – die Stimme Griechenlands

Die griechische Sängerin Glykeria, bekannt als “The Voice of Greece”, wird in Kürze ihr erstes Album in Hebräisch herausgeben, als Geste an ihre zahlreichen Fans in Israel… Glykeria, Riki Gal, Sohar Argow – direkt im [WinMedia-Player – 5 min., 8MB wmv]…

Sommernachtstraum in Caesaria:
Haris Alexiou & Giorgo Dalaras im Amphitheatron

Haris Alexiou kam 1950 in Theben als Tochter von Flüchtlingen zur Welt. 1958 kam sie nach Athen, wo sie noch heute lebt. Hier wurde sie zum Symbol der großen griechischen Gesangstradition und viele sehen in ihr eine Nachfolgerin der legendären Rosa Ashkenasi, mit der sie noch 1975, kurz vor deren Tod, auftreten konnte…

Israeli TV:
Yehuda Poliker & Haris Alexiou

Aufnahmen von den Vorbereitungen und vom Open Air Concert in Causarea im Sommer 2008…

Im Tel Aviver Mann Auditorium:
Jorgo Dalaras & das Israelische Philharmonische Orchester

Mi mou thimonis matia mou – oh meine Augen…