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Trauma und Erinnerung: „Wir haben Deutschland viel zu früh verziehen“

Eine der paradoxen Folgen aus der Allgegenwart des Traumas ist unsere heutige Beziehung zu Deutschland und dem Nahen Osten. Die überhastete Versöhnung mit Deutschland ist einer der paradoxen Aspekte des fortwährenden Traumas der Erinnerung, das unsere feindseligen Beziehungen zu unseren unmittelbaren Nachbarn im Nahen Osten verschärft. Unsere Entfremdung und die Schwierigkeiten, die eine ganze Generation mit der modernen jüdischen Identität hat, gehen zum großen Teil darauf zurück, dass wir Deutschland viel zu früh verziehen haben…

Avraham Burg

Zur Psychologie des Nahostkonflikts

Aus „Hitler besiegen“. Über Burgs Buch und die Reaktionen darauf, berichteten wir bereits zum Erscheinen der hebräischen Version. Inzwischen liegt die deutsche Übersetzung vor: [BESTELLEN?]

Die Verhandlungen, Abkommen und diplomatischen Beziehungen wurden aus nüchternen, praktischen Erwägungen und Staatsinteressen eingegangen, führten aber zu einer emotionalen Akzeptanz. Heute ist die deutsche Sprache überall zu hören. Als Knesset-Sprecher erlaubte ich dem inzwischen verstorbenen deutschen Bundespräsidenten Johannes Rau, zum ersten Mal in der Geschichte unseres Parlaments vor der Knesset eine Rede auf Deutsch zu halten. Deutsche Autos sind in Israel begehrte Statussymbole. Deutsche Erzeugnisse gelten als hochwertiger als andere Produkte, und selbst die deutsche Fußballmeisterschaft hat in Israel viele Fans und Anhänger.

Aber den Arabern werden wir nie verzeihen, weil sie angeblich genauso sind wie die Nazis, schlimmer als die Deutschen. Wir haben unsere Wut und Rachegefühle von einem Volk auf ein anderes verlagert, von einem alten auf einen neuen Feind, und so erlauben wir uns, behaglich mit den Erben des deutschen Feindes zu leben – die für Bequemlichkeit, Wohlstand und hohe Qualität stehen – und die Palästinenser als Prügelknaben zu behandeln, an denen wir unsere Aggression, Wut und Hysterie auslassen, wovon wir mehr als genug haben. Das habe ich persönlich in einer Schule in Jerusalem erlebt.

Kurz vor meinem Abschied aus der Knesset besuchte ich eine der ältesten und renommiertesten Oberschulen der Hauptstadt zu einem Gespräch mit Schülern. Es fand Anfang dieses Jahrhunderts statt, als palästinensische Terroranschläge Israel zerrissen. Jerusalem war Ziel von Mordanschlägen und erschreckender Propaganda militanter Islamisten. Das Gespräch mit den Schülern drehte sich um diverse, teils heikle Themen. Wie typische israelische Jugendliche argumentierten sie hitzig für Deportation und Transfer der Palästinenser. Für sie war Rache eine akzeptierte Philosophie und das Töten Unschuldiger ein legitimes Abschreckungsmittel. Manche, die extremere Meinungen äußerten, ernteten den Beifall ihrer schweigenden Freunde. Erschüttert stand der Schulleiter vor ihnen und erklärte mit bebender Stimme: »Aber hört ihr denn nicht, was ihr da sagt? Genau so haben sie vor sechzig, siebzig Jahren über uns geredet. Genau das haben sie mit uns gemacht.« Er ermahnte sie, und sie verstummten respektvoll, aber es war offenkundig, dass sie mit dem, was er sagte, nicht einverstanden waren. Ein Sechzehnjähriger fuhr mich wütend an: »Ich werde ihnen nie verzeihen. Mein Freund wurde bei einem Terroranschlag getötet, und mein Vetter wurde bei einem Terroranschlag verletzt… ich werde ihnen nie verzeihen. Sie sind das Schlimmste, was mir in meinem Leben passiert ist. Das Schlimmste, was den Juden je passiert ist, sind die Araber«, erklärte er zutiefst verletzt.

Eine rationale Antwort war nicht angebracht. Also versuchte ich, den Strom seines Zorns umzulenken und fragte ihn, welche Automarke sein Vater fahre.
»Einen VW Passat«, antwortete er.
»Und deine Mutter?«
»Einen alten Audi.«
»Und den Deutschen hast du verziehen?«
»Ja«, sagte er. »Sie haben mir nichts getan. Sie waren nicht so schlimm wie die Araber.«

Es trat Stille ein, kurz darauf klingelte es zum Ende der Schulstunde »Sie haben mich reingelegt«, sagte er. »Sie haben mir eine Falle gestellt. Sie sind ein Demagoge.« Er war den Tränen nahe, drehte sich um und ging.

Ich hatte nicht die Absicht gehabt, ihn »hereinzulegen«. Aus uns beiden sprach die verwundete Seele der israelischen Nation. Die politische Manipulation, die aus den Arabern geistige Brüder der Nazis oder Schlimmeres machte, bot uns eine bequeme Möglichkeit, weiterzuleben. Die Wiederaufnahme der Beziehungen zu Deutschland und dem Westen erlaubte es uns, Reparationen und Entschädigungszahlungen von Deutschland zu bekommen. Gleichzeitig beklagten wir weiter unser schlimmes Schicksal, brachten unsere Wut zum Ausdruck, pflegten die Erinnerung, vergaßen nicht und sahen die Reinkarnation des Nazigeistes im arabischen Körper.

Was konnte man einem solchen Jungen sagen? Was er und seine Freunde in Jerusalem erlebten, hatte im Westen seit Jahren niemand mehr erlebt. Ein Terroranschlag in New York zwang die größte Supermacht beinahe in die Knie und entfesselte bei ihr beängstigende Aggressionen. Dieser abscheuliche Akt brachte den amerikanischen Präsidenten dazu, sein Volk und die Welt zu belügen und einem schwachen Staat wie dem Irak aufgrund von Lug und Trug den Krieg zu erklären, um seine Rachsucht zu befriedigen und den »American way of life« zu erhalten.

Wenn ein Präsident in Panik zusammenbricht, wie können wir dann den Kindern von Jerusalem, Kiriat Shmona oder Sderot einen Vorwurf machen?* Welche Äußerungen soll man von einem Teenager erwarten, der über Jahre hinweg tagtäglich in Angst lebt? Explodierende Busse, Cafés, Pizzerien, Autobomben, potenzielle Todesfallen auf dem Weg zur Schule und nach Hause. Von einem Teenager, in dem es ohnehin schon brodelt, kann man nur ein begrenztes Maß an Vergebung und Mitgefühl erwarten. Nach dem Unterricht ging ich ihm nach und versuchte mit ihm zu reden. Ich erzählte ihm von einer albtraumhaften Fahrt durch Jerusalem vor vielen Jahren, die für mich zu einem magischen Erlebnis wurde.

Am Vorabend des jüdischen Neujahrsfests Rosch Haschana fuhr ich durch Jerusalem. Wie vor Feiertagen üblich, herrschte dichter Verkehr. Plötzlich kam die ohnehin nur kriechende Autoschlange ganz zum Stillstand. In den Nachrichten hörte ich, dass es einen Terroranschlag gegeben hatte. Mein Vater und mein ältester Sohn, der damals noch sehr jung war, saßen mit mir im Wagen. Wir hörten uns die Nachrichten an, dachten an die Opfer und hofften, rechtzeitig nach Hause zu kommen.

Aber als der Stau sich in die Länge zog, fragte mein Sohn: »Wie konntest du auch nur daran denken, mit diesen Arabern Frieden zu schließen?« Diese Araber ist in der hebräischen Umgangssprache ein feststehender Ausdruck für alle Araber, immer verallgemeinernd, immer verächtlich. Unsere existenzielle Angst vor dem Dunklen, Verborgenen, Unbekannten und Fremden unter uns.

Ich überlegte gerade, was ich ihm antworten sollte, ohne verärgert über die Frage, den Verkehr und dieses Leben im Allgemeinen zu klingen, als mein Vater auf dem Rücksitz, antwortete: »Yingele (Jungchen), als ich in den ersten Tagen des Zweiten Weltkriegs aus Deutschland flüchtete, wusste ich nicht, wohin der Krieg führen und was er bringen würde. Als der Krieg zu Ende ging, erfuhr ich, dass meine Mutter in Theresienstadt gestorben war, meine Großmutter ermordet wurde, erschossen im Ghetto Sobibor, viele meiner Freunde und Verwandten umgekommen waren und die gesamte Kultur meiner Kindheit sich in den Flammen in Rauch aufgelöst hatte. Ich hätte nie gedacht, dass ich ‚diesen Deutschen‘ jemals verzeihen könnte. Und jetzt sieh dir unser Verhältnis zu Deutschland an und wie wir sie sehen. ‚Diese Araber‘, wie du sie nennst, haben uns niemals das angetan – und werden es uns auch nicht antun -, was die Deutschen uns angetan haben.« Er schwieg eine Weile, bevor er hinzufügte: »Und du wirst in deinem Leben noch Frieden zwischen euch und ihnen erleben.«

Ob mein Sohn sich an diese Anekdote erinnert, weiß ich nicht, aber ich bin sicher, dass der Oberschüler aus Jerusalem von der Ansicht meines verstorbenen Vaters nicht überzeugt war. Ich lebe nach dem Glauben meines Vaters und glaube, dass, wenn wir die Araber von der Nazi-Rolle befreien, die wir ihnen zugewiesen haben, es wesentlich einfacher sein wird, mit ihnen zu reden und unsere beiden existenziellen Probleme zu lösen – die nationale Denkweise, die notwendig ist, um an die Schoah zu erinnern, und die ständige Kriegstreiberei zwischen den Kindern Israels und den Kindern Ishmaels…
Fortsetzung folgt… …

*) Anm.: Auch Ariel Sharon, Israels damaliger Premier, hatte US-Präsident George W. Bush von einem Einmarsch im Irak abgeraten. Im Nachhinein ist zu vermuten, dass ihm klar war, dass der Intervention im Irak eine Stärkung der irakischen Schiiten folgen würde und die Vormacht des Iran weiter anwachsen würde. Leider wurde Sharons Einwand von Bushs rechtsgerichteten Beratern übergangen und auch in der Presse kaum zur Kenntnis genommen, vielleicht, weil viele der Befürworter des Einmarschs im Irak als „Israel-Freunde“ auftraten.

Avraham Burg im Interview: Das zionistische Ghetto verlassen
Ari Shavits Interview mit Avraham Burg, kurz nach dem Erscheinen der hebr. Version von „Hitler besiegen“, verursachte eine der lebhaftesten Debatten des Sommers 2007. In der Knesseth wurden Anträge diskutiert, dem früheren Parlamentspräsidenten die letzte Ruhestätte am Herzl-Berg zu versagen, Burg sei ein Verräter…

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