Exhibitionistischer Schein und folkloristisches Sein

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Unsinn. Während Facebook, Twitter, Youtube, Myspace und Co. den zunehmenden und oft peinlichen Exhibitionismus von Millionen befriedigen, verkommt die Zeit der hohen Feiertage zur virtuellen Verblödungsarena. Tausende von unpersönlichen Massenmails mit Rosch-Haschana-Wünschen, Platitüden, selten originellen Fotos, Filmen, Texten, Inhalten verstopfen derweil die Posteingänge von 
E-Mail-Accounts…

Von Yves Kugelmann, tachles v. 25.09.2009

Vor dem technischen Kollaps und dem Ertrinken in hochprozentigem Unsinn sind Spamfilter oder die Löschtaste die letzte Rettung. Der unglaubliche Drang, sich unpersönlich mitzuteilen, wird nur noch selten durch persönliche und ernstzunehmende Zeilen durchbrochen. War einst das Wünschen in Form von Briefen und Karten integraler Bestandteil einer über Jahrhunderte gewachsenen Tradition zu den Hohen Feiertagen, führen die technischen Möglichkeiten Sinn und Sinnlichkeit, eine verbindende und versöhnende Kultur ad absurdum und karikieren sie. Ausgerechnet in praktizierenden Teilen der jüdischen Gemeinschaft wird der liturgisch untermalte Neujahrswunsch oft zur Komödie, zur Farce oder zum Etikettenschwindel. Und man fragt sich, weshalb das so ist, weshalb aufblasbare Laubhütten, koschere Crevetten oder schreiende Neujahrswünsche zum Klang von 
Britney-Spears-Songs Hochkonjunktur haben.

Sinnlos. Im Buhlen um Öffentlichkeit, Aufmerksamkeit, Selbstentblössung und bei Jekami-Wettbwerben bleiben naturgemäss auch jüdische Traditionen nicht verschont und verkommen zur Plattform für inhaltslosen Kitsch. Da wird der Hülle gehuldigt, während der Inhalt in Vergessenheit gerät. Tradition wird zur Performance und zu einer Art Folklorelawine. Schein löst sich vom Sein, Sinn wird zum Unsinn und die Kulisse wichtiger als der Akt. Oft sind gerade jene, die die sogenannte Assimilation vom Judentum, die Degeneration oder einen Verlust an religiös praktiziertem Judentum immer wieder kritisieren, Antrieb solcher Entwicklungen. Dabei wird Assimilation nicht von säkular eingestellten Jüdinnen und Juden betrieben, die sich bewusst dem weltlichen Leben zugewandt haben, sondern von jenen, die im Namen der Religion den Unsinn, also Judentum aushöhlen und die Maskerade vollführen, geradezu zelebrieren. Etwa wenn jüdische Bräuche karnevalistische Züge annehmen und in abgekupferte Korsette gepfercht werden, wo sie nichts verloren haben.

Dass dieser jüdische Komödienstadl viele abstösst, die sich auch auf jüdische Wurzeln berufen, wenngleich sie Judentum nicht buchstabengetreu leben, sondern ganzheitlich und anders interpretierend, führt zu einer Spaltung in einer Gemeinschaft, in der das Inhaltliche einst Leitweg war und nicht nur einfach Mittel zu einem Zweck. Doch wenn selbst von Religionswächtern, Erziehungs- oder Gemeindeverantwortlichen Judentum als Event anstatt als kulturelles, religiöses, historisches Universum verstanden wird, dann sollen nicht jene beklagt werden, die sich abwenden. Vielmehr sollten Fortschritt mit
 Bezug zu den eigenen Wurzeln praktiziert und Säkularisation nicht mit Assimilation verwechselt werden.