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Normalität der Widersprüche: Palästinenser-Gemüse in israelischen Kisten

Jordantal, September 2009, etwa 20 km nördlich des Toten Meeres. Eine Delegation Schweizer Diplomaten trifft zusammen mit Projektleitern der palästinensischen Organisation ‚Solutions‘ Bauern einer Kooperative, die in diesem Gebiet hochwertiges Gemüse produzieren – aber nicht oder kaum verkaufen. Tomaten, Gurken, Paprika, Zucchini und Auberginen wachsen hier unter optimalen Bedingungen. Die Temperatur fällt selbst im Winter nie unter 15° C, und Wasser – wenn auch etwas zu salz- und mineralienhaltig – steht ausreichend zur Verfügung…

Von Nirit Sommerfeld

Doch mit der Vermarktung will es nicht recht klappen. Die Erzeuger haben kaum Möglichkeiten, ihre Produkte zu vertreiben, denn die landwirtschaftlichen Flächen im Jordantal liegen meist in der so genannten ‚Zone C‘ des von Israel besetzten Westjordanlandes. Die Zugänge zu den palästinensischen Städten wie Nablus, Bethlehem, Hebron oder Jenin, die sämtlich in ‚Zone A‘, also im palästinensischen Autonomiegebiet liegen, werden von Israel kontrolliert. Hier gäbe es genügend Abnehmer, besonders Hotels und Restaurants. Um die landwirtschaftlichen Produkte also auf dem eigenen Markt anbieten zu können, müssen die Bauern mit ihren Gemüsekisten israelische Checkpoints passieren. Hier werden sie „aus Sicherheitsgründen“ oft stundenlang aufgehalten – bei der Hitze und ohne Kühlcontainer ist das für Frischgüter ohnehin schon problematisch. Den Todesstoß bekommen Auberginen und Co. spätestens dann, wenn sie von den Soldaten Stück für Stück inspiziert werden, als hätte jede Einzelne von ihnen das Potenzial zum Selbstmordattentäter. Viel ist die Kiste hinterher nicht mehr wert.

Auf den Märkten der palästinensischen Städte haben bis dahin ohnehin schon israelische Produkte Eingang gefunden, die ohne Sicherheitskontrollen und mit weitaus moderneren Produktionsmitteln hergestellt wurden – also mehr, günstiger, schneller. Da interessiert auch nicht, dass die palästinensischen Erzeugnisse ohne Kunstdünger, Pestizide und Konservierungsmitteln auskommen. Nach dem viel zu langen Transport und der Behandlung an den Checkpoints sind sie einfach nicht mehr wettbewerbsfähig.

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Bleibt also noch der Export nach Israel oder in andere Märkte. Auch hier werden alle Grenzen und jeglicher Warenverkehr von Israel kontrolliert. Doch wie so oft in dieser Region finden sich auch hier Schlupflöcher im System, die scheinbar beiden Seiten dienen. Israelische Mittelsmänner vereinbaren telefonisch mit den Bauern die Warenmenge und den genauen Zeitpunkt der Übergabe an einem bestimmten Checkpoint. Die Prozedur des Sicherheitschecks muss das Gemüse auch hier über sich ergehen lassen, doch auf der anderen Seite wartet bereits der Mittelsmann mit einem Scheck. In den meisten Fällen ist der jedoch nicht gedeckt. So wird aus dem informellen kleinen Grenzverkehr eine Illegale Aktion mit betrügerischem Ausgang. Der Schweizer Delegation wurden ungedeckte Schecks in Höhe von über 700.000 Shekel (etwa 130.000 € oder 190.000 CHF) von den letzten Jahren vorgelegt.

palgarden1Die Bauern sind verzweifelt. Sie erzeugen Qualitätsprodukte, sie arbeiten hart, sie möchten und könnten wettbewerbsfähig sein, doch empfinden sie sich als chancenlos und der Willkür der Israelis ausgeliefert. Zudem sind sie mit ihrem Know-how und ihren technologischen Mitteln im Rückstand, besonders in den Bereichen Organisation, Verpackung, Marketing und Vertrieb. Im ganzen Jordantal gibt es eine einzige palästinensische Verpackungsfabrik (die israelischen Siedler betreiben 300 solcher Anlagen). Hier werden bunte Paprika, Cherry-Tomaten und die weltberühmten Madjhul-Datteln mithilfe von Förderbändern, Waagen und Verschweißgeräten unter konstant klimatisierter Atmosphäre abgepackt und für den Export nach Russland, England und die USA vorbereitet.

Mazen Sinokrot, ehemaliger palästinensischer Wirtschaftsminister, ist stolzer Besitzer dieser Fabrik. Ganz und gar Unternehmer, hat er nicht nur beste Beziehungen zu amerikanischen, europäischen und russischen Großabnehmern aufgebaut. Er hat es sogar durch Verhandlungen mit den Israelis geschafft, bestimmte Sicherheitsvereinbarungen zu treffen, die ihm den schnellen Transport seiner Waren sowohl zu dem israelischen Hafen Ashdod als auch ins jordanische Amman erlauben. Er ist überzeugt davon, dass die wachsende wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit den Palästinensern im Jordantal einen so gewaltigen Vorsprung verschaffen kann, dass die israelischen Siedler bald freiwillig aus der Region abziehen werden. Bis dahin hofft er, auch mit Unterstützung aus der Schweiz und anderen Ländern Investoren zu finden und den Absatz palästinensischer landwirtschaftlicher Produkte in den kommenden Jahren steigern zu können.

Genau das ist für viele Palästinenser die befürchtete ‚Normalisierung‘, das Akzeptieren des Status quo, das Verhandeln mit Besatzern, als seien sie normale Businesspartner. Fortschreitende Normalisierung bedeutet das Akzeptieren der Besatzung, die Aufgabe des Kampfes und der Hoffnung auf einen eigenen, souveränen Staat.

Bis zu einer wirklichen Normalisierung in der Region, falls sie denn jemals eintreten sollte, wird tatsächlich, sinnwörtlich noch viel Wasser den Jordan hinab fließen – so viel wie eben gerade noch übrig bleibt bei der extremen Wasserausbeute, die in Israel betrieben wird. Und so lange werden sich in der Verpackungsfabrik zwei unterschiedlich bedruckte Kartons für ein- und dasselbe Gemüse stapeln: Die ‚PalGarden‘ Kisten, die fürs Ausland bestimmt sind, und die mit dem Aufdruck ‚Arava‘ für den israelischen Markt.

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