Neubau einer liberalen Synagoge: Daniel Libeskind besucht München

11
22

Der international renommierte Architekt und Städteplaner Daniel Libeskind ist von der Idee, den Neubau der liberalen Synagoge in München zu verantworten, begeistert. Libeskind, der zur Zeit u.a. den Bau des World Trade Centers in New York leitet, wird deshalb am 15. Oktober mit seiner Frau Nina nach München kommen, um einen Eindruck vom in Frage kommenden Grundstück und seiner Umgebung zu erhalten…

München – Die Begehung des Grundstückes wird von Begegnungen mit Anwohnern begleitet, Vertreter der Kommunal- und Landespolitik sind eingeladen. Im Anschluss wird es eine Pressekonferenz mit Daniel und Nina Libeskind geben.

Nur wenige wissen, dass der berühmte amerikanische Architekt 1946 in Lodz geboren wurde. Von Polen wanderte seine Familie zuerst nach Israel und später in die USA aus. Ursprünglich war er Konzertpianist.

Ein Künstler ist er geblieben, auch nachdem er, seit 1972, als Architekt arbeitet. In seinen 18 realisierten Großprojekten setzt Libeskind eine unverwechselbare Formensprache ein, um eine Begriffserweiterung der Architektur zu bewirken. Seine Fähigkeit, interne Inhalte durch externe Formen zu vermitteln, führte dazu, dass Libeskind 2003 die Ausschreibung für den Neubau des Freedom Tower, an Stelle der am 11/9 zerstörten Twin-Towers am WTC in New York gewann.

Zu seinen Hauptwerken gehören größere kulturelle Einrichtungen, wie das Contemporary Jewish Museum San Francisco, das Danish Jewish Museum Copenhagen, das Denver Art Museum, und das Imperial War Museum North in Manchester. Zu seinen zunehmenden Aufträgen für gewerbliche Objekte gehört das Fiera Milano, das MGM Mirage City Center in Las Vegas und das höchst erfolgreiche Westside Shopping and Leisure Center in Bern.

Libeskind ist besonders in Deutschland aktiv, wo er 13 Jahre gelebt hat, und in dem er durch das Jüdische Museum in Berlin, das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück, die Planung des Kö-Bogens in Düsseldorf und das Leitmuseum der Bundeswehr Geschichte in Dresden vertreten ist. Mit 25 Projekten in der Abwicklung sind Daniel Libeskind und sein „Studio Daniel Libeskind“ (mit Büros in New York, Zürich und Mailand) präsenter denn je.

Das geplante Zentrum der liberalen jüdischen Gemeinde soll neben den Beträumen auch attraktive Angebote für das gesamte Stadtviertel und darüber hinaus beinhalten. So sind neben einem Gebetssaal für 300 Personen auch ein Veranstaltungsraum, Musikräume, Jugendtreff, Gruppenräume, Bibliothek, Büros und ein Kindergarten mit 50 Plätzen und einer Kinderkrippe mit 24 Plätzen geplant. Auch an ein Begegnungscafé und Seniorenwohnungen ist gedacht.

Die liberale Synagoge in München war das erste jüdische Gotteshaus, das dem Terror der Nazis zum Opfer fiel. Die Synagoge an der Herzog Rudolf Strasse wurde schon im Juni 1938 auf „persönlichen Befehl des Führers“  von einem Abrissunternehmen aus dem Stadtbild entfernt. Der reibungslose Verlauf des Abriss gilt als „Probelauf“ für die bereits geplanten Ausschreitungen, die dann im November 1938  folgten.

Rabbiner Dr. Walter Jacob, Sohn des letzten liberalen Gemeinderabbiners von Augsburg und viele Jahre rabbinisches Oberhaupt von Beth Shalom, erinnert sich: „Der Abriß begann am 9. Juni; nach einigen Tagen war die 1887 errichtete liberale Synagoge in der Herzog-Max-Straße verschwunden. Damit begann das Schlußkapitel der Naziverfolgung“… Heute werden die Gottesdienste von Dr. Tom Kucera geleitet, einem der drei ersten Rabbiner, die in Deutschland nach der Schoah ordiniert wurden.

Die Synagoge im Lehel wäre nun die erste liberale Synagoge, die nach der Schoah in Deutschland, dem Geburtsland des liberalen Judentums, neu erbaut würde.

Manhattan vom Fredom TowerDies ist das erste Foto, das den zukünftigen Blick über Manhattan von der Spitze des “Freedom Tower” zeigt. Der von dem Architekten Daniel Libeskind entworfene Bau wird auf dem Areal des zerstörten World Trade Center errichtet. Credit: GEO/George Steinmetz, obs.

15.10.09
12.00: Begehung des Grundstücks am Gries (Reitmorstrasse)
13.00: Pressekonferenz / Empfang in der Synagoge der Liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom München e. V., Isartalstr. 44a.

11 Kommentare

  1. Shalom, auch Ellen Presser, die Leiterin der Jüdischen Volkshochschule der IKG, die also zur s ich selbst gerne als “orthodoxeste Gemeinde Deutschlands”  definierenden Einheitsgemeinde gehört, vertritt die einzig historisch vertretbare Meinung, dass die alte Hauptsynagoge eben liberal war.
    Siehe unter km.bayern.de/blz/eup/03_07: “Fünf Jahre nach der Eröffnung der an der Herzog-Max-Straße gelegenen, drittgrößten Synagoge Deutschlands, die sich als liberal begriff, hatte sich die neoorthodoxe Fraktion 1892 ihre eigene Gebetsstätte in der Canalstraße (heute Herzog-Rudolf-Straße) erkämpft. Sie nannten sie „Ohel Jakob“ („Zelt Jakobs“) – ohne Orgel und ohne deutsch gesprochene Gebete. Die neue Synagoge am St.-Jakobs-Platz trägt diesen Namen zur Erinnerung an die in der „Reichskristallnacht“ abgefackelte Gebetsstätte und pflegt orthodoxen, d. h. traditionsgetreuen Ritus. Als sichtbares Wahrzeichen der Stadt korrespondiert sie nun in der Innenstadt mit den Wahrzeichen Münchens, den Frauentürmen, wie es schon die einstige Hauptsynagoge getan hatte, die auf persönliches Betreiben Hitlers – bereits im Sommer 1938 – abgerissen worden war.
    Man könnte die Geschichte der Juden allein entlang ihrer Synagogen erzählen, anhand ihres Richtungsstreits zwischen Orthodoxie und Liberalität, der vor 1933 mehrheitlich zugunsten des liberalen Judentums stand und sich nach der Befreiung und der Änderung der Mehrheitsverhältnisse zugunsten eher orthodox orientierter jüdischer KZ-Überlebender und Flüchtlinge wendete.
    Doch das Selbstverständnis der Juden Münchens drückt sich nicht nur in der Baugeschichte, sondern in den ganz verschiedenen Reaktionen auf die Haltung der christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft aus. Während die Bankiersfamilie von Hirsch Adelsprädikat und Judentum unter einen Hut brachte, erlangte der Hoffaktor Aaron Elias Seligmann erst durch katholische Taufe 1814 den erblichen Freiherrnstatus derer von Eichthal. Alle seine zehn Kinder folgten. Sohn Simon war übrigens maßgeblich an der Gründung der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank beteiligt. Hoffte der getaufte Jude Heinrich Heine 1827 noch vergeblich auf eine Berufung auf den Lehrstuhl für Literaturgeschichte, so fand die Jüdin Nanette Kaula unter demselben König Ludwig I. immerhin Eingang in dessen Schönheitsgalerie.
    Trotz Integration und Assimilation wuchs die jüdische Gemeinde jedoch stetig.

  2. Mich freut so etwas, zeigt es doch, dass es wohl doch einen Gott geben muss, der gerecht ist. Und ich möchte der entsprechenden Gemeinde zurufen „Titchadshu! Soll sein zu einer guten Stunde!“, und das Bild von New York ist einfach phantastisch.

  3. Schalom, Schalom.
    Es geht hier doch nicht um einen Vergleich, obwohl man durchaus alles mögliche und auch weit Auseinanderliegendes vergleichen darf.
    Wieso sollte man die Lage in China nicht mit der in Mali vergleichen dürfen? Warum nicht die Flora Korsikas 1860 mit der Fauna Sardiniens 1923? Ist das „absolut unzulässig“? Warum?

    Sind die Gedanken nicht frei? Gibt es nicht auch im Judentum das Konzept des freien Willens? Sind liberale Gedanken dem Judentum so fremd? Warum steht dann in der Tora (Vajikra) „Freiheit rufet aus – für alle“.
    Wie vereinbaren Sie „Drehe und wende – alles ist enthalten“ (B. Bagbag) mit dem Absolutheitsanspruch, der Veränderung ablehnt?

  4. Niemand vergleicht, Herr Schalom. Es ist die Rede von Kontinuität.

    Es ist die Zeit die voranschreitet und das Leben. Das liberale Judentum wird oft synonym als progressives Judentum bezeichnet. Progressiv bedeutet „stufenweise fortschreitend“ und es ist doch nur natürlich, dass sich das „Progressive Judentum“ des Jahres 1909 von dem des Jahres 2009 unterscheidet. Trotzdem gibt es die Kontinuität, die liegt nämlich im Weiterleben, Weitergehen, Weiterentwickeln.

    Oder meinen Sie gar, das heutige liberale Judentum sei einfach vom Himmel gefallen? Ohne Vorgänger und Vordenker?

    Unsere Vorfahren waren lebendig. Sie haben gelebt und gedacht und sich und ihre Umgebung immer wieder verändert. Auch der Rambam war ein Reformer in seiner Zeit. Auch der B Shem Tov.
    Ist nicht jeder Mensch ein Unikat? Ist nicht jede Zeit eine andere? Welche Tradition ist die richtige? Welche Wahrheit ist alleingültig? Die von Rafael Hirsch oder die der Chasside Aschkenas? Was sagt Leo Baeck zu Sind Ben Sakais Reformen nicht viel umfassender und grundsätzlicher als die des Ben Sakai? Oder sind solche Fragen verboten?
    Warum Shamai über Hillel stellen? War es nicht einmal umgekehrt?

    Anders gefragt: Was verstehen Sie unter dem schwammigen Begriff „traditionell“?

  5. Sehr geehrter Herr Schalom, in logischer Folge zu Ihrem Kommetar ergibt sich zwangsläufig die Frage, ob es in Deutschland vor dem Krieg überhaupt ein liberales Judentum gab. Jedenfalls kann es keine Reformen gegeben haben, denn eine Fähigkeit zur Veränderung oder gar Erneuerung sprechen Sie dem Judentum ja sehr deutlich ab.

    Oder sind die Reformen nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zulässig? Waren Änderungen in der Gottesdienstgestaltung nur bis zum Jahre 1823 erlaubt oder sind auch die Neuerungen von 1854 noch im Rahmen des Traditionellen angesiedelt. Was ist mit Entwicklungen um 1886?

    Gab es nur in München kein liberales Judentum oder in ganz Deutschland? Was war in Augsburg?
    Wieso gab es Austrittsgemeinden, die mit der liberalen Mehrheit nicht in einer Einheitgemeinde bleiben wollten? Oder gab es diese Mehrheit garnicht? Gab es überhaupt Juden in Deutschland, abgesehen vielleicht von der orthodoxen Minderheit?

    Ist es statthaft, dass die Orthodoxie irgendwann Ihre traditionelle Ablehnung des Zionismus aufgab oder sind nur Neture Karta authentisch?

    Was heisst überhaupt traditionell? Ist der Gaon von Vilna traditionell? Warum hat der Bescht mit der Tradition gebrochen?
    Steht Chabad in der Tradition des Judentums? Wurde da nicht viel radikaler mit der Tradition gebrochen?

    Was ist entscheidend, der Inhalt oder die Form?

    Welcher Tradition hängen Sie an?
    Die Orgel in der Schul ist Ihnen genehm?
    Frauen in derselben Bankreihe nicht?
    Darf man neue Feiertage ausrufen und alte neu bewerten, oder darf man das nicht?
    Darf man erleichtern, oder nur erschweren?  

    Nach Ihrem Argumentieren darf es im Judentum wohl niemals eine Entwicklung geben. Vergleiche sind „absolut unzulässig“. Ist Fortschritt verboten, sind Veränderungen und Reformen unmöglich.
    Das mag ja für Sie so sein. Aber für die allermeisten Juden in der Welt ist dies nicht so, sonst gäbe es auch keinen Staat Israel. Oder sind alle die nicht in IHRER Tradition stehen einfach keine Juden?

  6. Immer wieder ist in den Medien zu lesen, die im Juni 1938 zerstörte Münchner Hauptsynagoge sei liberal gewesen. Der heute angewandte Begriff „liberal“  steht jedoch in keiner Kontinuität zum liberalen Judentum der Vor- Schoah- Zeit in Mitteleuropa. So galt in der liberalen Münchner Hauptsynagoge die getrennte Sitzordnung vom Männern und Frauen ebenso wie ein weitgehend traditioneller Gebetsritus, wie ein Blick in den Siddur der früheren Münchner Hauptsynagoge zeigt und ein Blick in einen Kalender für die Beter in der Münchner Hauptsynagoge aufweist, der sogar den Jom Kippur katon anzeigt. All diese Punkte, die im heutigen liberalen Judentum weitgehend vergessen sind,  zeigen dem Menschen der Gegenwart, dass die heute so gerne als liberal dargestellte Hauptsynagoge Münchens tatsächlich eine eher traditionelle Ausrichtung hatte – bis auf die Orgel.
    Allein deswegen ist ein Vergleich des liberalen Judentums der Gegenwart mit demjenigen der Vor- Schoa- Zeit absolut unzulässig.  

Kommentarfunktion ist geschlossen.