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Convivencia: Al-Andalus, ein Mythos?

Mythen können wahrer als die Wahrheit sein, wirkungsmächtiger als die Wirklichkeit. Immer neue Generationen deuten sie auf ihre Weise und finden sich in ihnen wieder…

Epilog aus Georg Bossongs Geschichte und Kultur des maurischen Spanien

Einmal angenommen, al-Andalus wäre nichts weiter als ein Mythos, er wäre gewiß nicht das schlechteste Ideal: eben nicht romantisch-verträumt, vielmehr auf Toleranz, Frieden und wechselseitige Befruchtung ausgerichtet – eine politische Utopie, die genau den Werten Ausdruck verleiht, zu denen wir uns heute bekennen. Ist es nicht aller Ehren wert, daß Daniel Barenboim sich auf al-Andalus beruft? Sein West-Eastern Diwan Orchestra, das Jugendliche aus Israel, der arabischen Welt und Spanien vereint und das vor kurzem in Ramallah Beethovens Fünfte aufgeführt hat, probt in einem Kloster bei Sevilla. Damit wird ein Zeichen gesetzt, das jeder versteht, der guten Willens ist.

Bilder aus dem ehemaligen Grenzland von Andalusien zum christl. Norden

Aber die Idee von al-Andalus als einem Ort des Miteinanders, der convivencia, ist mehr als ein Mythos; sie war, zumindest zeitweise, konkrete historische Realität. Die besondere Kraft dieses Ideals speist sich gerade daraus, daß er eben nicht nur gedankliches Konstrukt, kein Hirngespinst maurophiler Romantiker ist, sondern pralle Lebenswirklichkeit. Im Zeitalter der Taifa-Königreiche entstand eine andalusische Kultur, ein andalusisches Lebensgefühl, das die Religionsgrenzen überstieg und ein – keineswegs immer harmonisches, aber doch insgesamt kooperatives – Zusammenleben von Muslimen, Juden und Christen ermöglichte. Die Reflexion über al-Andalus ist keine Debatte im Elfenbeinturm, vielmehr ist sie angesichts der weltweiten Bedrohung durch die Konfrontation zwischen den drei monotheistischen Religionen hochaktuell.

Das Maurische Spanien war ein Höhepunkt der islamischen Zivilisation, gerade dort, wo es die Grenzen des Islam überschritten hat. Mehr als irgendwo sonst in der islamischen Welt gab es in al-Andalus Ansätze zur Überwindung engstirniger Dogmen, der Unterdrückung der Frau, der Ausgrenzung anderer Religionen. Mehr als irgendwo sonst gab es ein Denken und Empfinden, das aus dem Korsett einer erstarrten Offenbarungsreligion hinausführte. Mehr als irgendwo sonst durchdrangen sich islamische, jüdische und christliche Kultur in einer fruchtbaren Symbiose. Wenn die islamische Welt dem Beispiel Spaniens gefolgt wäre, wenn sich die Lebensweise des al-Andalus der Taifa-Könige durchgesetzt hätte, wenn die islamische Theologie den von Ibn Rushd vorgezeichneten Weg einer an Aristoteles geschulten Rationalität konsequent weitergegangen wäre, dann hätte die Geschichte einen anderen Verlauf genommen.

http://www.youtube.com/watch?v=KtaD6o4acp4
Video: Flamenco u. Sufi, Sheikh Ahmed El Tuni u. Tomatito (Vengo)

Das al-Andalus der Taifa-Zeit wurde zerrieben zwischen christlichem und islamischem Fundamentalismus. Die Konfrontation zwischen den Religionen hat die Oberhand behalten, es kam zum gnadenlosen Kampf zwischen einem europäisch radikalisierten Christentum und einem afrikanisch radikalisierten Islam; Kreuzzug stand gegen Djihäd.

Daß die Vertreibung der Juden und Moriscos in Spanien katastrophale Auswirkungen auf Staatswesen und Wirtschaft hatte, wurde oben schon dargestellt. Schlimmer noch waren die seelischen Traumata, welche die Ausgrenzung der andersgläubigen Kasten im kollektiven Unterbewußten hinterlassen hat. Trennung und Polarisierung führten zu seelischen Verwerfungen, die lange, fast bis in die Gegenwart nachgewirkt haben. Das Gctühl der Zusammengehörigkeit wurde durch Djihäd und Reconquista gewaltsam unterdrückt, der Nachbar wurde zum Todfeind. Es gab nun «gute» und «schlechte» Spanier. Religiöser Fanatismus verband sich mit Rassenwahn; Krypto-Juden und Krypto-Muslime wurden nicht einfach nur wegen ihrer religiösen Überzeugungen verfolgt, sondern wegen ihres «unreinen Blutes»: Ein Neu-Christ konnte gar kein guter Christ sein, weil ihm die böse Religion des Gegners in den Adern steckte. Die «Statuten der Blutreinheit» haben das Leben der spanischen Gesellschaft zutiefst geprägt und zu immer neu aufbrechenden Konflikten geführt. Noch Franco bediente sich des Vokabulars und der Denkkategorien der Inquisition, als er zu seinem «Kreuzzug gegen die Roten» aufbrach; in der propagandistisch aufgebauschten, für den Spanischen Bürgerkrieg psychologisch entscheidenden Verteidigung des Alcazars von Toledo schwangen noch Reminiszenzen an die Reconquista von 1085 mit.

Die Idee von al-Andalus ist in das Räderwerk der Geschichte geraten. Nur einen kurzen Moment lang hatte die convivencia, das kooperative, auf gegenseitige Befruchtung angelegte Zusammenleben von Angehörigen der drei monotheistischen Religionen eine reale Chance. Die Vernichtung von al-Andalus durch islamische wie christliche Intoleranz hatte katastrophale Folgen. In der spanischen Volksseele hat sie tiefe, jahrhundertelang schwärende Wunden hinterlassen.

Für den Islam war die Abkehr von der Aufklärung, wie sie in al-Andalus angelegt war, eine Katastrophe, denn fehlende Rationalität ermöglicht bis heute immer wieder die Wiederbelebung eines ungezähmten, gewaltbereiten Ur-Islam. Die Vernichtung von al-Andalus war eine Tragödie, deren Ursachen und Auswirkungen wir stets vor Augen haben sollten, wenn wir über das Verhältnis der drei monotheistischen Religionen nachdenken. Hilft die Rückbesinnung auf die Werte von al-Andalus auf dem Weg zum Frieden zwischen Christen, Juden und Muslimen?