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Alpenfestung – nicht ganz unpolitisch: Big Brother im Réduit

Eine Bauernfamilie marschiert über eine grüne Wiese, gekleidet wie in den vierziger Jahren. Bewaffnet mit den einfachsten Geräten, macht sie sich auf den Weg zur Kartoffelernte. Im Hintergrund ertönen Heimatklänge und die Schönheit der Schweizer Alpen bildet ein patriotisches Hintergrundmotiv par excellence. Doch es herrscht Krieg. Der Zweite Weltkrieg. Während sich die Frauen auf dem Feld um die Stärkung der Soldaten und um das Überleben der Familie kümmern, befinden sich ihre Männer im Aktivdienst. Willkommen beim Schweizer Fernsehen…

Von Benji Epstein

Hier ist nicht etwa von einem romantischen Schweizer Abenteuerfilm die Rede, sondern von einer neuen Reality-Produktion des Schweizer Fernsehens SF: Alpenfestung – Leben im Réduit. Das Living-History Projekt im Sinne von Big Brother möchte einem weiteren Kapitel der Schweizer Geschichte Leben einhauchen und zeigen, wie die Bevölkerung den Zweiten Weltkrieg erlebt hat.

Das Konzept: 25 Männer beziehen während dreier Wochen die Festung Fürigen in Stansstad (NW) und absolvieren dort einen „echten“ Aktivdienst. Es werden keine Kriegshandlungen inszeniert. Vielmehr erhalten die Männer eine Ausbildung zum Betrieb des Bunkers: Schiessen mit dem Karabiner 11, Gewehrgriff üben oder mit Artilleriekanonen über den See zielen. Währenddessen bewirtschaften drei Frauen und fünf Kinder einen Bauernhof in der Nähe und leisten im Rahmen der Anbauschlacht ihren Teil zur Landesverteidigung. Täglich besucht ein Fernsehteam die Teilnehmer, am Abend werden die Erlebnisse im Rahmen von „Schweiz aktuell“ gesendet und von Zeitzeugen kommentiert.

Das Réduit als Mythos

Das Réduit war ein Jahrhundertwerk und ist heute ein zentraler Mythos, der die Schweizer Identität prägt: 657 Millionen Franken, in heutiger Kaufkraft gut acht Milliarden Franken, wurden von 1941 bis 1945 in den Ausbau eines Festungsgürtels gesteckt, der sich von den Sarganser Bergen über das Gotthardmassiv bis nach St. Maurice im Wallis erstreckte. Kilometerlange Gänge verbanden die unterirdischen Anlagen. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges besass die Schweiz rund 20 000 Befestigungsanlagen. Der Réduitraum umfasste insgesamt mehr als ein Viertel des schweizerischen Territoriums; die urbanen und wirtschaftlichen Zentren im Mittelland wären indes im Kriegsfall nahezu kampflos dem Feind überlassen worden – eine Strategie, die nicht unumstritten war.

Eine fragwürdige Sendung

Gegenüber dem Tages Anzeiger meinte Bruno Zus, der Produktionsleiter beim SF, dass es darum gehe „zu zeigen, welche Alltagsprobleme die Schweizer während dieser Zeit hatten.“ Totz hohen Einschaltquoten, lebt die neue SF Produktion eher von Lob als von Kritik.

http://www.youtube.com/watch?v=PrvOVowaw_s

Verteidigungsminister Ueli Maurer (SVP) bezeichnete die Sendung als „seicht und oberflächlich“, wie er gegenüber der Zeitung Sonntag verkündete. Georg Kreis, Historiker und Professor an der Universität Basel, sieht in dem Projekt gar eine „Verhöhnung der Kriegsgeneration“.

Das Schweizer Fernsehen sprach klar und deutlich von einer unpolitischen Sendung und verhängte ein „Politik-Verbot“. Worte wie „Hitler“ oder „Juden“, werden nicht in den Mund genommen und es sei den Teilnehmer verboten worden, politische Themen anzusprechen. Für die GSoA, die Gesellschaft Schweiz ohne Armee, ist die Sendung Alpenfestung jedoch alles andere als unpolitisch, wie sie auf ihrer Homesite schreibt: Durch die Wiederbelebung des Reduit-Mythos handle das SF sogar höchst reaktionär. Die Sendung Alpenfestung belebe die „Geschichtslüge“ wieder und die GsoA verlangt vom Schweizer Fernsehen die sofortige Absetzung der Sendung.

Auch jüdische Kreise wehren sich gegen die Reality-Produktion und selbst bei der israelischen Botschaft in Bern, löst die Sendung Kopfschütteln aus. Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds SIG, sagte gegenüber Sonntag, dass Unterhaltungsshows, die auf dem Zweiten Weltkrieg basieren, von der SIG als fragwürdig betrachtet werden. Auch die israelische Botschaft in Bern kann es kaum fassen: „Sie können sich bestimmt selber vorstellen, was wir dabei fühlen“, so die knappe Antwort von Botschafter Ilan Elgar in der Sonntagspresse. „Kommentieren müssen das andere.“