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Antizionistische Stille Post aus Deutschland

Zwei Rezensionen zu Israel und Zionismus…

Von Karl Pfeifer

Stille Post aus Lübeck

Der christlich-soziale Wiener Politiker und Radauantisemit Hermann Bielohlawek erklärte einmal: „Literatur is, wos a Jud’ von an anderen abschreibt.“ Das stimmt natürlich nicht. Vielmehr sind die „realsozialistischen“ antisemitischen Agitatoren, die sich als „Antizionisten“ tarnten, für die heutigen „antizionistischen“ Agitatoren ein Vorbild. Sie versuchten stets, wenn es irgendwie möglich war, nicht aus Originalquellen zu zitieren, und wenn sie es doch taten, dann hoben sie die Zitate zumeist sinnwidrig aus dem Kontext.

Auch Prof. Dr. Rolf Verleger, Psychologe am Universitätsklinikum in Lübeck, dessen im linken PapyRossa Verlag veröffentlichtes Buch „Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht“ kürzlich in einer erweiterten Neuauflage erschien, bringt es fertig, Theodor Herzl und andere nicht aus erster Hand zu zitieren, sondern „aus Kohn 1958“. Unter „Zitierte Literatur“ findet sich dann der vollständige Nachweis: „Kohn, Hans: Zion and the Jewish National Idea, Original 1958. Hier zitiert aus Selzer 1970, pp. 175-212.“ An anderer Stelle stößt man schließlich auf diese Quelle: „Selzer, Michael (Hrsg.): Zionism Reconsidered: The Rejection of Jewish Normalcy. The Macmillan Company, New York, 1970“.

Mit anderen Worten: Verleger zitiert Herzl, wie er von Kohn zitiert wird, den wiederum Selzer zitiert. Theodor Herzl, der auf Deutsch schrieb, aus einer englischsprachigen Quelle anzuführen, die aus einer anderen englischsprachigen Quelle zitiert – das ist das geistige Armutszeugnis des Autors. Dessen Praxis erinnert an das beliebte Kinderspiel „Stille Post“, bei dem am Ende niemand mehr weiß, was der Erste wirklich gesagt hat. Agitatoren bedienen sich dieser Methode, weil sie zu faul sind, die Originalzitate zu suchen, weil diese Originalzitate sie gar nicht interessieren und weil sie die Leser nicht aufklären, sondern eben anagitieren wollen. Rolf Verleger, der sich zur jüdischen Moral bekennt und sich ausdrücklich auf die „Sprüche der Väter“ bezieht, scheint folgende Weisheit daraus jedenfalls nicht zu kennen: „Alle, die etwas richtig zitieren, bringen der Welt Erlösung.“ (Sprüche der Väter 6,6)

Auch David Ben Gurion wird von Verleger nicht direkt, sondern aus einem Elaborat von Ilan Pappe zitiert, demzufolge Ben Gurion im Juni 1938 gesagt haben soll: „Ich bin für Zwangsumsiedlung, daran sehe ich nichts Unmoralisches.“ Wenn das stimmt, wie erklärt sich Verleger dann, dass in den operativen Plänen der israelischen Armee 1947/48 von einer solchen Zwangsumsiedlung keine Spur zu finden ist? Es war die britische Peel-Kommission, die 1937 einen Bevölkerungstransfer vorschlug, denn im vorgesehenen arabischen Staat hätten neben 225.000 Arabern lediglich 1.250 Juden gelebt; im winzig kleinen jüdischen Staat hingegen, der sich auf die Umgebung von Tel Aviv beschränkt hätte, hätte es eine große Anzahl Araber gegeben. Und deswegen hatte Ben Gurion keine Einwände gegen einen Bevölkerungsaustausch, wenn Großbritannien diesen mit Zustimmung des Völkerbundes durchgeführt hätte.

Efraim Karsh hat in seinem Buch „Fabricating Israeli History – The ‚New Historians’“ untersucht, wie Ben Gurions Erklärungen im Vorstand des Sochnut am 7. Juni 1938 von „Neuen Historikern“ gefälscht wurden. Und es dürfte kein Zufall sein, dass in einem weiteren, unten besprochenen Buch des PapyRossa Verlags als Quelle für dieses angebliche Zitat Ben Gurions ausgerechnet Verleger angegeben wird. Nebenbei bemerkt: Der Transfer war eine durchaus international anerkannte Methode. Hier sei nur auf den Bevölkerungsaustausch zwischen der Türkei und Griechenland nach dem Ersten Weltkrieg, auf den Transfer von Polen aus Ostpolen nach Schlesien und, nicht zu vernachlässigen, auf den von den Briten befürworteten Transfer zwischen Pakistan und Indien verwiesen.

Verleger schildert detailliert seine Abstammung sowie das orthodoxe Milieu, in dem er aufgewachsen ist und mit dem er gebrochen hat. Wahrscheinlich haben seine antiisraelischen Ressentiments nicht zuletzt damit zu tun. Er, der beanstandet, dass israelische Politiker sich auf den Holocaust berufen, tut genau dies und erwähnt explizit seine ermordeten Verwandten. Freilich tut er das als Moralist, der er vorgibt zu sein; das, was er als richtig erkannt hat, verwendet er für die Dämonisierung Israels und für die Fälschung von dessen Geschichte bis hin zur Legitimierung antisemitischer Politiker wie dem ehemaligen Londoner Bürgermeister Ken Livingstone, der den Juden seines Landes vorwirft, einen seiner Meinung nach nicht existierenden Antisemitismus zu bekämpfen, um von Israels Verbrechen abzulenken.

Rolf Verleger wird sowohl von ganz rechts wie von ganz links (zum Beispiel vom Neonazi-Portal Altermedia und der Arbeiterfotografie) als „mutiger Jude“ gelobt, weil er Sätze von sich gibt wie: „Das Judentum, meine Heimat, ist in die Hände von Leuten gefallen, denen Volk und Nation höhere Werte sind als Gerechtigkeit und Nächstenliebe.“ Das ist natürlich purer Unsinn, denn jeder, der sich zumindest ein bisschen auskennt, weiß, dass es „das“ Judentum nicht gibt und dass Israel im Vergleich zu seinen Nachbarn ein Hort der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe ist – auch wenn Menschen wie Rolf Verleger kein gutes Haar am demokratischen und jüdischen Staat Israel lassen und eine Perfektion von ihm verlangen wie von keinem anderen Staat der Welt.

Rolf Verleger: Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht. Zweite, erweiterte Auflage, Köln (PapyRossa Verlag) 2009.

Stille Post aus Köln

Wäre ich ein Rezensent, der lediglich das Vor- und das Nachwort von Büchern liest, dann hätte ich an dem Titel „Die deutsche Linke, der Zionismus und der Nahost-Konflikt“ letztlich wenig auszusetzen. Denn dort steht unter anderem, „dass die pauschale Ablehnung des Zionismus durch namhafte sozialdemokratische und kommunistische Theoretiker nicht gerechtfertigt war“. Doch im Hauptteil des Buches fand ich antizionistische Töne und auch Sachfehler zuhauf – was womöglich daher kommt, dass die Autoren so viele antizionistische und auch antisemitische Autoren wie möglich zitieren, etwa Norman Finkelstein.

Als ob die arabischen Politiker einen binationalen Staat jemals befürwortet hätten, wird die Schuld für den Untergang dieser Idee den „zionistischen Machtpolitikern“ in die Schuhe geschoben. Denn die Idee habe bei ihnen „nur die Gestalt eines jüdischen Staates annehmen“ können: „Das war das Konzept der ‚Revisionisten’ um Ze’ev Vladimir Jabotinsky, die sich 1935 aus der zionistischen Bewegung abgespalten hatten. Danach war der jüdische Staat nur durch Konfrontation mit den Palästinensern zu erreichen. Die palästinensische Seite antwortete darauf mit Gewaltausbrüchen, wie z.B. mit dem Massaker von Hebron 1929, dem 60 Juden zum Opfer fielen.“

Dem ist zu aus zwei Gründen zu widersprechen: Erstens konnte Jabotinsky im Jahr 1935 nicht das Mindeste im Jischuv bewegen. Zweitens müssen die Araber – die sich damals übrigens noch nicht Palästinenser nannten, denn diese Bezeichnung wurde zu dieser Zeit nur auf Juden angewandt – den Autoren zufolge eine regelrechte prophetische Begabung besessen haben, denn sie ahnten offenbar bereits 1929, was 1935 respektive 1942 – als im New Yorker Biltmore Hotel die Errichtung eines jüdischen Staates zum Ziel gesetzt wurde – geschehen würde, und sie haben darauf sozusagen prophylaktisch mit einem Massaker an nichtzionistischen orthodoxen Juden geantwortet. Wenn hunderttausende Juden ihre Selbstbestimmung anstreben, soll das unmoralisch sein, und man könnte meinen, die Autoren hätten Verständnis dafür, dass die Araber – sozusagen als Antwort darauf – ein Massaker begingen.

Der gleichen Ansicht ist auch der Meister der stillen Post, der Hobbyhistoriker Rolf Verleger, der es, wie oben gezeigt, fertig bringt, aus dritter Hand zu zitieren. Dass er das bei seinen Studenten tolerieren würde, wage ich zu bezweifeln. Und die Autoren wollen anscheinend mit Verleger wetteifern: Sie zitieren ihn, der wiederum aus einem Buch von Ilan Pappe etwas zitierte, was Ben Gurion so nicht gesagt hatte. Und wir erhalten dann die wichtige Information über die „Auffassung von Rolf Verleger“, nach der „sich innerhalb der zionistischen Bewegung ‚die Revision der jüdischen Tradition’ durchgesetzt“ hat. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird also ein Lübecker Professor der Psychologie bemüht, um zu zeigen, wie übel gesinnt die Zionisten waren. Wäre es nach Verleger gegangen, hätten sie sich im Namen seiner vorgeblichen Moral abschlachten lassen müssen.

Es folgen lange theoretische Abhandlungen zur Frage, warum Linke in der Vergangenheit den Zionismus abgelehnt haben. Doch während die Marxisten ellenlange Erklärungen verfassten, weshalb der Zionismus nicht zu verwirklichen sei, schufen die Zionisten die Grundlagen für einen Staat, eine alte Sprache wurde wiederbelebt, eine Kultur entstand. Vom Objekt der Geschichte wurden Juden wieder zum Subjekt und verteidigten sich. Das verzeihen die Autoren anscheinend nicht, auch wenn sie manchmal ihre eigenen Irrtümer kritisieren, zum Beispiel die Unterschätzung des Antisemitismus durch Linke in der Vergangenheit. Doch eine solche Selbstkritik kommt im Buch nur am Rande vor, und schnell geben die Autoren wieder Einseitigkeiten von sich – etwa, wenn sie nur die USA und England beschuldigen, „mit ihrer restriktiven Gesetzgebung die Aufnahme von Flüchtlingen“ behindert zu haben. Da „vergessen“ sie mal eben ihre sowjetischen Genossen, die nicht wenige solcher Flüchtlinge nach dem Ribbentrop-Molotov-Pakt an die Gestapo auslieferten.

Sehr fragwürdig ist es auch, als Quelle für die Darstellung der Entstehung des palästinensischen Flüchtlingsproblems Rolf Verleger zu wählen und zur etwa gleichen Anzahl jüdischer Flüchtlinge aus arabischen Ländern kein Wort zu verlieren. Überdies ist es falsch zu behaupten, der Jischuv sei „von Anfang an“ den „gesamten arabischen Streitkräften überlegen“ gewesen. Das stimmt schon deswegen nicht, weil die Hagana, anders als die arabischen Armeen, bis Ende April 1948 weder über Flugzeuge noch über schwere Artillerie verfügte. Mehr als zweifelhaft ist darüber hinaus die Bezugnahme auf Simcha Flapan, der entgegen allen Erkenntnissen fand, man hätte die Staatsgründung um sechs Monate verschieben müssen, weil die USA „bei der Vermittlung eines Kompromisses mit den arabischen Staaten schon weit vorangeschritten gewesen“ seien. So sprach ein Marxist, der es besser hätte wissen müssen, hatte doch damals das State Department vor allem die Ölinteressen der USA vor Augen, weshalb es die Entstehung eines vermeintlich prosowjetischen jüdischen Staates verhindern wollte.

An anderen Stellen des Buches wird dann wiederum einem kruden Ökonomismus gefrönt und aufs Neue das antizionistische Mantra von den kolonialistischen Zionisten rezitiert. Dabei ist das grundfalsch: Während in den Kolonien Kapital importiert wurde, um Rohstoffe zu gewinnen und durch die Nutzung billiger Arbeitskraft Extraprofite herauszuschlagen, war Palästina (mit Ausnahme des Toten Meers) ein rohstoffarmes Land, und die Zionisten stellten sich vehement gegen die Ausbeutung billiger arabischer Arbeitskraft.

Keine Frage: Natürlich darf man Israel kritisieren. Was man als linker Moralprediger allerdings nicht darf, ist, mit zweierlei Maß zu messen. Und genau das ist denen vorzuwerfen, die immer wieder über Israel herziehen, gegen Israel demonstrieren und dabei manchmal auch mit Islamisten und Rechtsextremisten gemeinsame Sache machen, während sie zu den Menschenrechtsverletzungen des Sudan in Darfur entweder schweigen oder versuchen, sie den „Imperialisten“ in die Schuhe zu schieben. Vom Leiden der über 100.000 Kurden in Syrien, denen man die syrische Staatsbürgerschaft entzogen hat, liest man – wenn überhaupt – nur winzige Meldungen. Hingegen erfolgen regelmäßig unqualifizierte Angriffe auf linke Gruppen, die sich wie der BAK Shalom mit guten Argumenten und Beweisen gegen Antisemitismus und Antizionismus in der eigenen Partei wenden und es sogar wagen, den Abgeordneten Norman Paech zu kritisieren. Eine ähnlich pauschale Attacke erfolgt gegen die „Antideutschen“, die nicht sachlich kritisiert, sondern in Grund und Boden verdammt werden.

Und wir erfahren im Buch der Weisheit letzten Schluss, dass der angelsächsische Kapitalismus grottenschlecht ist und dass die „Unterdrückten des Südens“ – unter denen sich die Taliban, die Hizbollah, die sudanesischen Islamisten und der von den Mullahs geführte Iran einreihen – „ein Recht auf Rebellion und Widerstand gegen das imperialistische Diktat der reichen Nationen“ haben. Es ist die manichäische Schwarz-Weiß-Malerei, mit der man glaubt, die alten Fehler wiederholen zu müssen. Zum Schluss wollen die Betreiber der stillen Post noch feststellen, wer die guten Juden und die guten Israelis sind, nämlich diejenigen, die den linken Antizionisten und Antisemiten einen Persilschein ausstellen. Im Buch kommen sie dann auch ausführlich zu Wort.

Trotz einiger auch sachlich richtiger Informationen ist „Die deutsche Linke, der Zionismus und der Nahost-Konflikt“ kein wirklicher Beitrag zu der im Untertitel versprochenen „notwendigen Debatte“, denn die langatmigen theoretischen Ausführungen dürften die meisten Leser langweilen. Man erfährt zwar viel darüber, warum Marxisten den Zionismus bekämpften, aber fast gar nichts zur Frage, warum die Zionisten trotz aller ultraorthodoxer und marxistischer Miesmacherei diesen demokratischen und jüdischen Staat aufbauen konnten. Und so wirkt das Buch wie eine linke Selbstvergewisserung, die jedwede Kritik abwehrt.

Wolfgang Gehrcke/Jutta von Freyberg/Harri Grünberg: Die deutsche Linke, der Zionismus und der Nahost-Konflikt. Eine notwendige Debatte, Köln (PapyRossa Verlag) 2009.