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Normalität unter den Nazi-Besatzern: Prager OB wahrt Anschein

Mehrere Millionen Touristen kommen jährlich aus aller Welt nach Prag. Und zwar nicht erst seit gestern. Am 10. Juni 1939, also vor 70 Jahren, stimmte der damalige Prager Oberbürgermeister Otakar Klapka die Bürger im Rundfunk auf den Beginn der Tourismussaison ein. Prag war zu diesem Zeitpunkt, wie ganz Böhmen und Mähren, schon von den Nazis besetzt. Die Radio-Ansprache Klapkas zur Eröffnung der so genannten „Woche der Gäste“ erweckt trotzdem den Anschein von Normalität…

10. Juni 1939 / Autor: Patrick Gschwend
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Prager Oberbürgermeister Otakar Klapka (rechts). Foto: ČTK Prager Oberbürgermeister Otakar Klapka (rechts). Foto: ČTK

„Prager! Heute eröffnen wir in Prag die ‚Woche der Gäste’. Wir befinden uns nun am Anfang der Reise-Saison, in der wir in Prag Besucher aus dem Ausland willkommen heißen, aber vor allem Besucher aus Böhmen und Mähren. Ich muss nicht betonen, dass wir uns auf ihren Besuch freuen, und dass wir alles tun, damit sie sich bei uns wohl fühlen.“

So begann Otakar Klapka seine Radioansprache am 10. Juni 1939. Klapka war damals Oberbürgermeister von Prag. Der Jurist war schon während der Zeit der Ersten Republik von 1918 bis 1938 eine feste Größe in der tschechoslowakischen Politik gewesen. Als Experte für Verwaltungsrecht war er im Jahr 1920 maßgeblich an der Entstehung der Verfassung der jungen Tschechoslowakei beteiligt. In der Ansprache vom Juni 1939 ging Otakar Klapka jedoch in seiner Rolle als Prager Stadtvater auf, der auch um pathetische Worte nicht verlegen war:

„Prag mit seiner alten touristischen Tradition heißt jeden Willkommen, der kommt, um unsere reichen historischen und künstlerischen Denkmäler besichtigen, der kommt um in ihrem steinernen Gesicht zu lesen, in denen auf ewig die Buchstaben der bewegten, ruhmreichen und leidensvollen Geschichte dieser Stadt eingeschrieben sind.“

Prag, so Klapka weiter, sei aber nicht nur eine historisch bedeutsame Stadt, Prag sei auch eine moderne, lebendige Metropole. Aber – so geht das Loblied weiter – es gebe auch die grüne Seite Prags. Die Inseln auf der Moldau, die Hügel in der Umgebung seien allesamt Orte, an denen der müde Wanderer Ruhe und Frieden finden könne.
„Prager, bei vielen Gelegenheiten, an denen bei uns Gäste aus allen Erdteilen wimmelten, an denen Trachten aus allen Teilen Böhmens die Stadt bunt machten, erwuchs die Tradition Prags und seiner Bewohner als vorbildliche Gastgeber. Und nun, da wir wieder Besucher erwarten, will ich Euch bitten, dass ihr diese Tradition weiterführt.“

Aber bei all dem geht es – nicht anders als heute – auch und vor allem ums liebe Geld.

„Wisset! Dieses touristische Treiben ist ein wichtiger wirtschaftlicher Bestandteil im Leben der Stadt. Der Zustrom der Besucher erhöht die Renten aller Bürger. Seien wir also allen wohl gesonnen, auf dass der zufriedene Besucher Prags nur gute und bleibende Erinnerungen mitnimmt. Auf dass er zu uns zurückkehren möge und so unsere beste Reklame wird.“
Mit dem Sprichwort „Host do domu, bůh do domu“, zu deutsch etwa „Der Gast ist König“, schließt Klapka seine Rede am 10. Juni 1939. Die ungebetenen Gäste waren zu diesem Zeitpunkt bereits im Land. Das Gebiet der Tschechoslowakei war zwei Monate zuvor vollständig von Hitler-Deutschland besetzt worden. Nach außen hin passte sich Klapka den neuen Machthabern an. Im Geheimen aber unterstützte er den Widerstand logistisch und finanziell. 1940 flog die Untergrundtätigkeit auf. Otakar Klapka wurde verhaftet, gefoltert und schließlich zum Tode verurteilt. Am 4. Oktober 1941, etwas mehr als zwei Jahre nach seiner Rundfunkansprache, wurde Otakar Klapka hingerichtet.