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Das gesprochene Wort gilt nicht

Am Sonntag hat sich Israels Premier in einer weltweit beachteten Rede für einen palästinensischen Staat ausgesprochen. „Es gilt das gesprochene Wort“, heißt es über dem vom Ministerpräsidentenamt veröffentlichten hebräischen Redetext…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 15. Juni 2009

Eine Überprüfung der politisch relevanten Passagen dieser Rede ergab, dass inzwischen vier Versionen dieser Rede kursieren, obgleich Netanjahu tagelang an ihr gefeilt und jedes Wort mit Beratern abgewogen hatte. Es gibt die tatsächlich von Netanjahu in der Bar Ilan Universität gehaltene Rede auf Hebräisch. Immer wieder wich er freilich von seinem Manuskript ab und fügte in freier Rede „farbige“ Elemente ein. Das Originalmanuskript, ohne diese Einsprengsel, wurde vom Ministerpräsidentenamt veröffentlicht und ungeprüft von den israelischen Zeitungen kopiert.

Das israelische Außenministerium verbreitete eine offizielle englische Übersetzung. Dieser Text enthält allerdings Fehler, die nicht als Tippfehler gewertet werden können.

So erwähnte Netanjahu im hebräischen Original die „hunderttausenden“ jüdischen Flüchtlinge aus den arabischen Staaten, die im kleinen Israel „ohne Naturschätze und groß wie ein Sandkorn“ integriert worden seien. Die palästinensischen Flüchtlinge leben hingegen bis heute mit Flüchtlingsstatus in Lagern. In der englischen Übersetzung wurden aus „hunderttausenden“ jüdischen Flüchtlingen nur noch „zehntausende“.

Das kann kein Versehen sein, da im Originalmanuskript die Zahl „hunderttausende“ ausgeschrieben war und in der englischen Übersetzung keine Zahl wiedergegeben worden war, bei der eine Null fehlte. Während Netanjahu eine korrekte Angabe gemacht hat, zumal gemäß Schätzungen rund 800.000 Juden schon seit den dreißiger Jahren unter dem Einfluss der Nazis aus Aleppo in Syrien und Bagdad im Irak und später aus der gesamten arabischen Welt von Marokko bis Jemen vertrieben worden waren, wird im israelischen Außenministerium das jüdische „Flüchtlingsproblem“ heruntergespielt. Das war schon so bei der Friedenskonferenz von Madrid 1991, als arabisch-stämmige Juden erfolglos Kompensation für ihr zurückgelassenes Eigentum einforderten. Sie argumentierten, dass mehr Juden aus den arabischen Ländern fliehen mussten, als Palästinenser aus dem Kernland Israels. Ebenso wurde argumentiert, dass die Entschädigung für zurückgelassenes jüdisches Eigentum mit einer finanziellen Kompensation für die palästinensischen Flüchtlinge aufgerechnet werden könnte.

Eine vierte Version der Rede Netanjahus wurde schließlich von den Nachrichtenagenturen verbreitet. Die erlaubten sich, dem israelischen Ministerpräsidenten ihre eigene Weltanschauung in den Mund zu legen. So schrieben angesehene Agenturen: „Zum ersten Mal hat der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Gründung eines unabhängigen palästinensischen Staates grundsätzlich befürwortet.“ Das Wort „unabhängig“ kommt in Netanjahus Rede nicht vor. Vielmehr redete er von einem entmilitarisierten Staat, dessen Luftraum und Außengrenzen auch künftig von Israel kontrolliert werden sollten. Weiter behaupteten die Agenturen: „Bisher hatte er sich der Gründung eines palästinensischen Staats im Zuge des Nahost- Friedensprozesses widersetzt.“ Auch das stimmt nicht, da sich Netanjahu, wie sein Außenminister, zu allen „unterzeichneten Verträgen“ bekannt haben. Dazu zählt die sogenannte „Roadmap“, jene Straßenkarte zu einem Nahostfrieden, in deren Titel ausdrücklich von „zwei Staaten“ die Rede ist. Dann heißt es: „Den von den USA geforderten sofortigen Baustopp in jüdischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet lehnte Netanjahu ab.“ Tatsache ist, dass Netanjahu den geforderten Baustopp mit keinem Wort erwähnte, also weder ablehnte noch befürwortete.

Eine weitere Erfindung der Agenturen war folgende vermeintliche Äußerung Netanjahus: „Außerdem müsse Jerusalem unter israelischer Souveränität bleiben.“ Rechtsgerichtete Israelis warfen Netanjahu vor, bei Jerusalem die Formel „unter israelischer Souveränität“ ausgelassen zu haben. Er begnügte sich mit der Erklärung, dass das ungeteilte Jerusalem Israels Hauptstadt bleiben werde. Wer in der Kunst diplomatischer Formulierungen bewandert ist, weiß, dass Netanjahu durch diese Auslassung offen für alternative Lösungsmöglichkeiten sein könnte, etwa Jerusalem als gemeinschaftliche Hauptstadt mit israelischer und palästinensischer Souveränität.

Und so, wie in der englischen Übersetzung die Zahl der jüdischen Flüchtlinge offenbar bewusst heruntergespielt worden ist, haben die Agenturen die Zahl der palästinensischen Bewohner des „Westjordanlandes“ hochgespielt. Wörtlich sagte Netanjahu: „In den Gefilden unseres Heimatlandes lebte heute ein großes palästinensisches Publikum“. In der englischen Übersetzung wurde daraus eine „große Gemeinschaft.“ Die Agenturen unterschlugen die von Netanjahu verwendeten biblischen Begriffe „Judäa und Samarien“ und „im Herzen unseres Heimatlandes“. Sie schrieben Westjordanland. Aus dem „großen Publikum“ im hebräischen Original machten sie „Millionen Palästinenser“. Es handelt sich tatsächlich um etwa zwei Millionen.

Da wenige Politiker in der Welt Netanjahus Rede im hebräischen Original verfolgen konnten, die offizielle englische Übersetzung ungenau ist und die Agenturen weltweit ihre Sicht mitsamt Kommentaren verbreiteten, fragt sich, ob das „Gesprochene Wort“ heutzutage noch gilt. Denn die Öffentlichkeit weiß nur, was politisch motivierte Übersetzer geschrieben, und schlimmer noch, was sich politisch korrekte Agenturjournalisten zurecht gelegt haben.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com