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Juni 1939 – Prag unter deutscher Besatzung

Es war eine schwierige Zeit für die Tschechen im Sommer des Jahres 1939. Ihr Land war besetzt. Die Nazis hatten im März des Jahres das Protektorat Böhmen und Mähren ausgerufen. Exil-Tschechen in aller Welt waren in größter Sorge um ihre alte Heimat. An sie richtete sich im Juni 1939 der tschechische Adelige František Schwarzenberg mit einer Radio-Ansprache…

Späte Demonstration der nationalen Einheit unter der Nazi-Besatzung
Autor: Patrick Gschwend Anhören 16kb/s32kb/s

František Schwarzenberg (Foto: ČTK) František Schwarzenberg (Foto: ČTK)
„Liebe Landsleute! Die Radiowellen, die über Täler und Berge übertragen werden, über alle Grenzen, diese Radiowellen bringen Euch heute Grüße aus Prag mit den Klängen tschechischer Lieder. Lieder drücken unsere Grüße besser aus, als man es mit den schönsten Worten sagen könnte.“


Mit schwülstigen Worten richtete sich der tschechische Adelige František Schwarzenberg am 17. Juni 1939 an die Tschechen im Exil. František Schwarzenberg war der Onkel des heutigen tschechischen Senators und früheren Außenministers Karel Schwarzenberg. Seine Radioansprache richtet er in erster Linie an die Landsleute in den USA. Die dürften über die Ereignisse in ihrer alten Heimat mehr als besorgt gewesen sein. Drei Monaten zuvor, im März, war die Tschechoslowakei von Hitler-Deutschland besetzt und das Protektorat Böhmen und Mähren ausgerufen worden, ein Pseudostaat von Hitlers Gnaden. Auch dies mag der Grund gewesen sein, warum Schwarzenberg mehr Musik als Worte sprechen lassen wollte. Trotz erschreckend schlechter Tonqualität erreichten die Exil-Tschechen aber zumindest Schwarzenbergs wichtigste Worte:
„Wir alle, und besonders unsere Regierung, haben so viele unterschiedliche Aufgaben, dass es Euch manchmal erscheinen mag, als würden wir uns nicht um Euch kümmern. Wir vergessen Euch aber nie!“

Der Zusammenhalt aller Tschechen sollte beschworen werden. Deshalb ließ man in einer weiteren Ansprache, genau eine Woche später, einen Vertreter der Arbeiterklasse zu Wort kommen. Der Mann hieß František Lasík und stand, wie er sagt, zum ersten Mal vor einem Mikrofon. Aber dort stand er nicht allein:


„Ich stehe am Mikrofon neben dem Vertreter des tschechischen Adels, Dr. Schwarzenberg. Wir beide, teure Landsleute, teilen die gleichen Interessen und die gleichen Sehnsüchte. Wir stellen Euch die Einheit der tschechischen Nation vor, die – wer auch immer dies anzweifeln sollte – ehrlich und dauerhaft ist. So stehen wir also alle zusammen in der Nation, und als Einziges tut mir leid, dass es zu dieser Einheit von Herz und Hand nicht schon früher gekommen ist.“
In der Tat erfolgte dieser Schulterschluss spät: zu spät. Das Bestreben, den Fortbestand der tschechischen Nation unter dem Naziterror der Protektoratszeit zu demonstrieren, konnte zunächst nur psychologischen Charakter haben. Das wusste wohl auch František Schwarzenberg.

František Schwarzenberg (Foto: ČTK) František Schwarzenberg (Foto: ČTK)
„Denkt an uns, wie auch wir an Euch denken, unsere Brüder im Ausland!“

Schwarzenberg selbst diente zu dieser Zeit dem Präsidenten der Pseudoregierung des Protektorats, Emil Hácha, als persönlicher Assistent. Er weigerte sich jedoch Hitler den Treueid zu schwören und schloss sich im Geheimen dem Widerstand an. So hielt er Verbindung zur Exilregierung von Edvard Beneš in London aufrecht. Beim Aufstand gegen die Besatzer am 5. Mai 1945 soll František Schwarzenberg selbst mit der Waffe in der Hand gekämpft haben. Nach der Befreiung der Tschechoslowakei diente er dem Land als Botschafter beim Vatikan in Rom. Nach der Machtergreifung der Kommunisten in der Tschechoslowakei im Februar 1948 ging Schwarzenberg selbst in die USA ins Exil. Von dort aus wirkte er an der Bekämpfung der kommunistischen Diktatur mit, deren Ende er noch miterlebte. Am 9. März 1992 starb František Schwarzenberg in Österreich.