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Ende eines politischen Dornröschenschlafes

Die „Gothic“-Szene ist nicht dafür bekannt, sich besonders für Politik zu interessieren. Trotzdem findet nun in dieser Szene eine Diskussion darüber statt, in welchem Umfang Symbole und Inhalte des Rechtsextremismus tolerierbar sind…

Von Stefan Kubon, redok v. 22.06.2009

Bereits zum achtzehnten Mal fand in diesem Jahr in Leipzig an Pfingsten das „Wave-Gotik-Treffen“ (WGT) statt. Anhängern der „Gothic“-Szene gilt dieses Festival seit langer Zeit als kultureller Höhepunkt des Jahres. Obgleich sich die Szene vor etwa 30 Jahren aus der Punkbewegung entwickelt hat und daher im Zweifelsfall eher dem linken politischen Spektrum zuzuordnen ist, spielt Politik innerhalb dieser Subkultur zumeist nur eine untergeordnete Rolle. Dafür gibt sich die musikbegeisterte Szene den Stimmungen und Themen der schwarzen Romantik umso leidenschaftlicher hin.

Die politische Zurückhaltung der Szene scheint nun aber zu bröckeln: Weil auf einer der beiden Eintrittskarten des diesjährigen Festivals, der sogenannten „Obsorgekarte“, das Symbol der „Schwarzen Sonne“ abgebildet ist, wird dem Veranstalter des WGTs von Teilen der Szene eine inakzeptable Politisierung des Festivals vorgeworfen. Wenngleich die „Schwarze Sonne“ in der Bundesrepublik Deutschland nicht verboten ist, gilt sie gemeinhin als ein Symbol, durch das nicht zuletzt Rechtsextremisten ihre politische Gesinnung demonstrieren. Viele Schwarzromantiker befürchten, dass die Öffentlichkeit sie aufgrund des verwendeten Symbols als Teil der extremen Rechten wahrnehmen könnte.

Die Kritiker des Veranstalters haben sich im Internet-Forum des WGTs unter der Rubrik „Bitte keinen rechten Ramsch mehr“ zusammengefunden. Dort wurde am 12. Juni ein Schreiben veröffentlicht, in dem die Verantwortlichen des Veranstalters (Treffen & Festspielgesellschaft für Mitteldeutschland mbH) aufgefordert werden, sich zur Verwendung der „Schwarzen Sonne“ auf der „Obsorgekarte“ zu äußern. Das Schreiben, das dem Veranstalter angeblich mittlerweile auch auf dem traditionellen Postweg zugesandt wurde, beinhaltet zudem die Forderung, dass das besagte Symbol in Zukunft nicht mehr durch den Veranstalter verwendet werden soll. Doch damit nicht genug: Die Aktivisten verlangen darüber hinaus, dass zukünftig dem Produktanbieter Verlag und Agentur Werner Symanek (VAWS), der seit Jahren mit einem Stand auf dem WGT vertreten ist, keine Möglichkeit mehr gegeben wird, im Rahmen des WGTs seine Waren zu verkaufen. Der Verlag wird insbesondere deshalb kritisiert, weil er CDs und sonstige Artikel von Josef Klumb und dessen Musikprojekt Von Thronstahl (VT) im Angebot hat. Die Aktivisten bescheinigen Klumb und seinem Musikprojekt rechtsextreme Tendenzen.

Rechtsextreme Ideologie des Musikprojekts Von Thronstahl

Wer sich die Mühe macht und den Internet-Auftritt des besagten Musikprojekts besucht, wird feststellen, dass die Kritik an Klumb berechtigt ist. Auf der Homepage von VT finden sich etliche von Klumb verfasste Aufsätze, die in vielerlei Hinsicht eine Weltsicht widerspiegeln, wie sie für das rechte bis rechtsextreme Denken typisch ist. So polemisiert der Musiker zum Beispiel auf der Basis eines nationalistischen Standpunktes gegen die multikulturelle Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Zudem prangert er unter abermals nationalistischen Vorzeichen das Demokratiedefizit der Europäischen Union an. Seine Kritik an der EU gipfelt in der Behauptung, dass große Teile der europäischen Herrschaftseliten bestrebt seien, eine „EU-Diktatur“ zu errichten.

Bei seinen Ausführungen nimmt Klumb auch die globale Ebene des Politischen ins Visier. Dort sieht er politische Kräfte am Wirken, deren Ziel es sei, eine weltweite „Diktatur der Menschlichkeit“ zu installieren. Verantwortlich für all diese diktatorischen Bestrebungen sollen laut Klumb insbesondere global agierende Freimaurerlogen sein. Spätestens hier zeigt sich, dass das Denken des Musikers auch von verschwörungstheoretischen Vorstellungen geprägt ist.

Des Weiteren wird deutlich, dass Klumb keineswegs grundsätzlich gegen diktatorische Staatsformen eingestellt ist. Dementsprechend spricht er sich dafür aus, in Deutschland eine nationale Diktatur zu errichten. Diesen Wunsch nach einem autoritären Staat bekundet Klumb in dem Aufsatz mit dem Titel „Wahlbenachrichtigung“. Anlässlich der Bundestagswahl des Jahres 2005 bekundet er seine antidemokratische Haltung ganz offen: „Es gibt keine wirkliche freie Politik, und auch ich bin der Meinung, daß man grundsätzliche Entscheidung weder dem Volk noch einer Mehrheit überläßt, aber ich will keine als Demokratie maskierte Fremdherrschaft. Und aus Liebe zum Vaterland und aus dem Glauben an die Substanz dessen, was unser Volk im wesentlichen einmal war und der Vision wegen, was aus dieser Substanz einmal erwachsen könnte, weiß ich um die Notwendigkeit eines offen autoritären Herrschaftssystems, das sich auf Liebe zum Vaterland gründet und nicht auf einen demokratisch verankerten Raubtierkapitalismus, der sich hier die Freiheit uneingeschränkter Selbstbedienung erlaubt.“

Schließlich ist zu erwähnen, dass es sich Klumb in seinen Aufsätzen auch nicht nehmen lässt, eine Fundamentalkritik der Französischen Revolution und der Studentenrevolte von 1968 zu betreiben. Folglich konstatiert er, dass beide Phänomene für die Menschheit fast nichts Gutes bewirkt hätten.

Obgleich Klumb ständig seine Weltanschauung in Aufsätzen verbreitet, findet er auch noch Zeit, Musik zu machen. Seine neue CD „Germanium Metallicum“ ist unlängst erschienen. Die neuen Songs tragen Titel wie „Staatsfeind/Heimatfreund“ oder „Respekt The Hierarchy“. Angesichts solcher Titel ist anzunehmen, dass Klumb auch seine Musik dazu benutzt, seine politische Gesinnung zu verbreiten.

Schützenhilfe für Von Thronstahl durch die Junge Freiheit

Auch eine Rezension der neuen VT-CD vermittelt den Eindruck, dass Klumbs jüngstes musikalisches Werk politische Inhalte transportiert, die dem ideologischen Geist seiner Aufsätze entsprechen. Demgemäß kann man in der rechten Zeitung Junge Freiheit (JF) vom 12. Juni dieses Jahres lesen, dass in einem der neuen Lieder von ‚“EU-Sklaverei'“ die Rede ist. Zudem wird davon gesprochen, dass die Liedtexte den „Lissabon-Vertrag“ und „staatenübergreifende Probleme Europas“ thematisieren.

Beim Lesen der Rezension mit dem Titel „Frustriert“ wird schnell klar, dass der Rezensent Nils Wegner von Klumbs neuestem Werk durchweg begeistert ist. So richtig verwunderlich ist dies freilich nicht, denn die JF ist dafür bekannt, dass sie regelmäßig Brücken zum Rechtsextremismus schlägt. Wobei das Blatt dies selbstverständlich nicht zugeben würde. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Wegner darauf verzichtet, Klumb als Rechtsextremisten zu benennen oder gar ganz konkret dessen Sehnsucht nach einer nationalen Diktatur anzusprechen. Dafür wird Klumb als „Avantgardist“ und „orthodoxe(r) Katholik“ bezeichnet, was sowohl beschönigend als auch widersprüchlich anmutet.

Dabei scheint Wegner die öffentliche Diskussion um die Rechtslastigkeit des Künstlers durchaus bekannt zu sein, denn er schreibt, dass „Klumb von München aus seit nunmehr über zehn Jahren selbsternannte Gothic- und Dark-Wave-Experten sowie übereifrige ‚Gegen Rechts‘-Mahner in Atem hält.“ Ferner bringt Wegner seine fehlende Distanz zum Gedankengut Klumbs dadurch zum Ausdruck, dass er ihn gänzlich unkritisch zum Freiheitskämpfer stilisiert. Am Ende seiner Rezension bescheinigt er Klumb doch tatsächlich: „Noch nie vollführte er einen derart wuchtigen Rundumschlag gegen sowohl persönliche Gegner als auch die Feinde Europas – mithin die Feinde der Freiheit überall auf der Welt.“

Angesichts der geschilderten Sachverhalte, scheint es nachvollziehbar, dass die Aktivisten des WGT-Forums verhindern möchten, dass im Rahmen des WGTs durch den Produktanbieter VAWS weiterhin CDs und andere Artikel des politischen Agitators Klumb verkauft werden. Gleichwohl ist es fraglich, ob die Aktivisten es schaffen werden, dieser Politisierung des Festivals Einhalt zu gebieten. Denn bislang wurde nichts von einer Antwort auf deren Beschwerdebrief bekannt, den angeblich inzwischen immerhin 75 Personen unterzeichnet haben sollen. An einer kritischen politischen Diskussion scheint der Veranstalter nicht sonderlich interessiert zu sein. Dafür spricht auch, dass dieser mittlerweile in seinem Internet-Forum die Rubrik „Bitte keinen rechten Ramsch mehr“ gelöscht hat. Gleiches geschah mit anderen politischen Rubriken, in denen zum Teil ebenfalls eine deutlichere Distanzierung von rechten Symbolen und Inhalten gefordert wurde.

Die Band ASP positioniert sich klar gegen Rechtsextremismus

Doch zumindest haben zwei Verantwortliche des WGTs inzwischen auf einen anderen Brief geantwortet. Denn auch die Band ASP, die in diesem Jahr auf dem WGT spielte, hat sich mit einem Schreiben an den Veranstalter des Festivals gewandt, um die Verwendung des Symbols der „Schwarzen Sonne“ auf der „Obsorgekarte“ zu kritisieren. Bei der Antwort vom 16. Juni fällt Folgendes auf: Obwohl die Band in ihrem Brief vom 11. Juni speziell die Verwendung der „Schwarzen Sonne“ in rechtsextremen Kreisen thematisiert, verzichten die beiden Verantwortlichen des Festivals darauf, sich hierzu explizit zu äußern. Dafür wird von ihnen behauptet, dass man grundsätzlich jegliche Politisierung des Festivals ablehne und dass das Zeichen auf der Karte „ein uraltes Symbol“ sei. Dabei wird genau Letzteres von ASP bestritten: In ihrem Beschwerdebrief betont die Band nämlich, dass das Symbol der „Schwarzen Sonne“ – zumindest in der Form wie es auf der WGT-Karte Verwendung findet – zum ersten Mal von den Nationalsozialisten benutzt wurde.

Kaum überraschend erklärte ASP nun am 18. Juni, dass die Reaktion des Veranstalters bislang unbefriedigend sei. Und weiter: Falls die Verantwortlichen nicht noch eine befriedigende offizielle Erklärung liefern würden, wolle die Band in Zukunft darauf verzichten, am WGT teilzunehmen.

Zu der von ASP und den anderen Aktivisten angesprochenen Problematik gehört übrigens, dass auch Josef Klumb das Symbol der „Schwarzen Sonne“ verwendet. Tatsächlich ist auf den CD-Hüllen des Musikprojekts Von Thronstahl gelegentlich das betreffende Zeichen zu finden. Ganz gleich wie die Diskussion über das Symbol der „Schwarzen Sonne“ und rechtsextreme Inhalte ausgehen wird: Es passt ins schwarzromantische Bild der „Gothic“-Szene, dass ihr politischer Dornröschenschlaf durch ein Symbol mit dieser Farbe beendet wurde. Und den Aktivisten der Szene ist zu wünschen, dass sie auch weiterhin daran denken werden, dass Inhalte letztlich wichtiger als Symbole sind.

© redok