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Der Papst und die Nakba

Auf den ersten Blick gibt es nichts Gemeinsames zwischen dem Besuch des Papstes und der palästinensischen Nakba – und dennoch gibt es etwas, das sie verbindet: das Verhältnis zum jüdischen Volk…

Von Shlomo Avineri, Haaretz v. 10.05.09

Die katholische Kirche war über Generationen hinweg der Meinung, dass die Botschaft Jesu von jüdischen Quellen herrührt, das Neue Testament jedoch den ursprünglichen Bunds zwischen Gott und dem Volk Israel, das sich weigerte, den Messias anzuerkennen, und dadurch seine Existenzberechtigung verlor, aufgekündigt habe.

Dieser traditionelle theologische Ansatz hat auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den sechziger Jahren einen revolutionären Wandel durchlaufen: Es befreite das jüdische Volk nicht nur von der Kollektivschuld der Kreuzigung Jesu, sondern erkannte auch die Fortdauer des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel an; so ebnete es den Weg für die Anerkennung der Existenzberechtigung des jüdischen Volkes. Dieser revolutionäre Wandel ermöglichte dem Vatikan die Anerkennung des Staates Israel. Bei seinem Besuch in Jerusalem zeigte Johannes Paul II. persönliche Größe, als er auf dem Zettel, den er in die Kotel (‚Klagemauer’) schob, um Vergebung für das Leid bat, das die Kirche über Generationen dem jüdischen Volk zugefügt hat. Auch die Tatsache, dass Benedikt XVI. ausgerechnet den Berg Nevo gewählt hat, um die tiefe Verbindung zwischen Christentum und Judentum zu betonen, zeugt von seinem Bewusstsein der Verbindung zwischen dem jüdischen Volk und dem Land Israel.

Solch ein Insichgehen fehlt bei der Art und Weise, in der sich die Palästinenser am 15. Mai in ihrem Schmerz darüber, was sich 1948 ereignet hat, zusammentun. Als Juden und Israelis können wir diesem Schmerz nicht gleichgültig gegenüber stehen – schließlich ist klar, dass die Nakba mit der Gründung des Staates Israel zu tun hat. Aber vielleicht kann man von den Palästinensern erwarten, dass sie endlich anerkennen, dass auch ihr Verhalten – ihre Weigerung, den UN-Teilungsplan zu akzeptieren und die Entscheidung, ihm mit bewaffneter Macht zu widerstehen, einen Anteil hat an dem, was ihnen zugestoßen ist. All das kommt in der Geschichte, die die Palästinenser erzählen, nicht vor: Sie erzählt nur von dem Unrecht, dass ihnen angetan wurde.

Alles hätte anders laufen können. Hätten die Palästinenser den Teilungsplan wie die Juden (mit Freude, die von Zähneknirschen begleitet war) akzeptiert, wären 1948 zwei Staaten entstanden und Hunderttausende wären nicht aus ihren Häusern gerissen und zu Flüchtlingen gemacht worden.

Der palästinensischen und arabischen Publizistik und Literatur geht die Dimension der Selbstkritik völlig ab. Selbst heute, da die Idee aufgekommen ist, dass die Palästinenser parallel zur israelischen Unterstützung der Gründung eines palästinensischen Nationalstaats Israel als jüdischen Nationalstaat anerkennen, regieren auch die Gemäßigten in der Palästinensischen Autonomiebehörde absolut ablehnend. Dies ist keine taktische Weigerung; sie hat existentielle Wurzeln, an deren Grund die Nichtbereitschaft der Palästinenser steht, einzugestehen, dass sie 1948 einen tragischen und enormen Fehler begangen haben, und die Tatsache, dass sie auch heute nicht bereit sind, das Prinzip der Teilung zu akzeptieren. Die Palästinenser sind bereit über zwei Staaten zu reden, aber nicht für zwei Völker, denn sonst müssten sie die Juden als Volk anerkennen.

Vielleicht ist es übertrieben, von den Palästinensern zu fordern, das Bewusstsein für die Rechte der anderen Seite zu entwickeln? Während sich jedoch die Besten der israelischen Schriftsteller – von S. Yizhar bis zu Amos Oz, A.B. Yehoshua und David Grossman – der moralischen Herausforderung stellen, die darin liegt, einerseits der Berechtigung des Zionismus verhaftet zu bleiben und andererseits den Schmerz der Palästinenser zu verstehen und ihre Rechte anzuerkennen, ist auf der anderen Seite keine vergleichbare Stimme zu hören. Bislang ist noch kein palästinensischer Intellektueller aufgestanden, der bereit war – ohne Verzicht auf das eigene nationale Argument – das jüdische Leid zu würdigen und die Verbindung des jüdischen Volkes mit dem Land Israel anzuerkennen.

Vielleicht kann man hoffen, dass der Besuch des Papstes zu einer palästinensischen Selbstreflexion führen wird: Zwar handelt es hier um unterschiedliche Ebenen, doch wenn die Kirche dazu fähig ist, Fehle einzugestehen, könnten auch die Palästinensern bereit sein, sich der Stimme des Anderen – des Juden – zu öffnen. Ohne eine derartige Öffnung ist die Verwirklichung des Teilungsprinzips – zwei Staaten für zwei Völker – kaum mehr zu erwarten.

Shlomo Avineri ist Emeritus für Politische Wissenschaften an der Hebräischen Universität Jerusalem.