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Zum bevorstehenden Volksentscheid „Ethik/Religion“

Kommenden Sonntag sind die Hauptstadtbewohner dazu aufgerufen, „zum Volksentscheid über die Einführung des Wahlpflichtbereichs Ethik/Religion“ abzustimmen. „Ethik“ ist seit August 2006 im Berliner Schulgesetz (§ 12) als ordentliches Schulfach eingerichtet; „Religion“ war seitdem nicht mehr verpflichtend, konnte weiterhin aber freiwillig besucht werden…

Von SB, 24.04.2009

Schon seit Wochen gibt es heftige Debatten darüber, ob an den öffentlichen Schulen in Zukunft „Ethik oder Religion“, „Ethik und Religion“ oder „Ethik plus Religion“ unterrichtet werden soll. Mit schlagkräftigen Argumenten und ausgefeilten rhetorischen Mitteln versuchten sich die beiden Hauptkontrahenten an der Basis der Bevölkerung, die Initiativen Pro Ethik und Pro Reli, gegenseitig zu übertrumpfen. In den Medien wurde deutlich, wie groß die Meinungsvielfalt bei Politikern, Repräsentanten verschiedener Kirchen und Religionsgemeinschaften, Religions- und Pädagogik-Experten oder Lehrern, Eltern und Schülern ist. Zum Ende der als Wahlkampf inszenierten Frist hin wird die Stimmung nochmals stark aufgeheizt. Die Kampagne hat sich zu einem Kulturkampf um den Begriff der Freiheit gesteigert.

Ein Grunddilemma zieht sich bis heute durch die gesamte Auseinandersetzung, weil sie auf der Annahme beruht, das Fach Ethik sei vorrangig atheistisch, das Fach Religion hingegen am religiösen Glaubensbekenntnis orientiert. Dieses Dilemma gründet in den Tiefen der europäischen Geistesgeschichte, die nicht erst seit der philosophischen Aufklärung das ständige Ringen um Vorherrschaft zwischen den Akteuren weltlicher und religiöser Macht kennt. Es betrifft die Spaltung des eigenen Denkens in Glauben und Vernunft. Beide Elemente menschlicher Existenz haben sich jedoch über Jahrhunderte als anthropologische Konstanten bewährt. Sobald das eine das andere zu sehr bekämpfte, gerieten erst die Menschen und dann die Gesellschaften, in denen sie lebten, ins Taumeln.

Was ist „Religion“ überhaupt? Für die Weltreligionen Christentum, Islam und Judentum scheint die Bedeutung ganz klar: Der Begriff Religion macht ohne die Rückbindung an den schlichtweg als höchstes Wesen aufgefassten, als einzig und alleinheitlich verehrten Gott keinen Sinn. Das lateinische Verb „religare“ (= „zurückbinden“; in der römischen Religion = die Verbindung zu göttlichen Wesen) ging einst mit dem Monotheismus eine semantische Verbindung ein, die sich in allen Sprachen der westlichen Welt verfestigt hat, so auch im deutschen Wort „Religion“. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein verstand man darunter eigentlich nur das Christentum; ihm wurde der absolute Wahrheitsgehalt zugeschrieben. Es ist eine Errungenschaft der Kultur des modernen Europa, dass das Judentum und der Islam inzwischen als eigenständige Religionen ernst genommen werden. Sie darf nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden. Doch taugt der aus dem Lateinischen entlehnte Religionsbegriff nur teilweise zur Beschreibung der Phänomene Islam und Judentum, was heute in Vergessenheit geraten ist. Es würde sich lohnen, einmal die Etymologie des arabischen Worts „din“ sowie der hebräischen Worte „dat“ und „emuna“ mit dem deutschen „Religion“ zu vergleichen. Judentum und Islam als religiöse Zivilisationen zu erfassen, zu denen ein gleichermaßen das Leben der Gemeinschaft und der Einzelperson regelndes traditionelles Gesetzeswerk gehört, wäre weitaus zutreffender. Die Engführung von „Religion“ auf „Glauben“ ist eine Denkfalle im eigenen Verständnis, die nur im säkularisierten und christlich geprägten Europa in dieser Form erfolgt ist. Sie lässt z.B. die rituelle Praxis als wichtiges Kriterium für eine islamische oder jüdische Lebensgestaltung im Alltag eher unberücksichtigt. Wer darüber hinaus seinen Horizont bis hin zu asiatischen Gemeinschaften öffnet, wird feststellen, dass es dort Weltanschauungen gibt, die keinen Glauben an einen Gott oder mehrere Götter kennen und dennoch mit einer spirituellen Lebensweise einhergehen.

Wer zudem meint, Religion sei prinzipiell eher mit irrationalem Denken und Handeln verbunden, befindet sich auf einem durch die Denkfalle hervorgerufenen Holzweg. Sowohl an einen Glauben gebundene als auch atheistische Welt- und Menschenbilder können die Vernunft befördern oder ausbremsen. Mittelalterliche Religionsphilosophen des Christentums, Islams und Judentums waren sich dessen bewusst, wie wichtig die Balance zwischen Glauben und Vernunft für ein Gemeinwohl ist, das in ethischer und sozialer Hinsicht funktionieren soll.

Knapp über ein Drittel der Berliner Bevölkerung ist einer der beiden traditionellen Großkirchen in Deutschland, der evangelischen (744.400) oder römisch-katholischen (320.500), zugehörig. Ca. 225.000 Muslime leben in der Stadt. Eine höhere Anzahl von Mitgliedern weisen auch die Russisch-Orthodoxe Kirche (25.000), die Neuapostolische Kirche Berlin-Brandenburg (26.500) und die Serbisch-Orthodoxe Kirche (10.000) auf. In der Jüdischen Gemeinde Berlin sind 12.000 Angehörige registriert. Schätzungsweise 60% der Berliner sind nicht an eine etablierte Kirche oder Religionsgemeinschaft gebunden, die im Sinne einer Körperschaft des Öffentlichen Rechts oder eines Vereins organisiert ist. Das muss jedoch nicht bedeuten, dass sie keine Religion hätten. Die informelle Religionsausübung oder weltanschaulich geprägte Lebenspraxis lässt sich statistisch schwer erfassen.

Wer die eindimensionale Trennung der Berliner in Gläubige, deren Kinder in der Schule einen zu Frömmigkeit erziehenden Bekenntnisunterricht erhalten sollen, und Nichtgläubige vorantreibt, offenbart eine Angst vor dem Atheismus, der angeblich das Fach Ethik überwuchert. Er überbewertet den herkömmlichen Glaubensbegriff und verkennt die Komplexität religiöser und weltanschaulicher Überzeugungen. Eine solche Spaltung spiegelt in keiner Weise die pluralistische Kultur der Hauptstadt wieder. Ferner ist zu fragen, wie irgendeine Schule es rein praktisch realisieren soll, für z.B. fünf buddhistische Schüler den adäquaten „Religions“-Unterricht stattfinden zu lassen. Eine separate bekenntnisorientierte Erziehung würde die Stimme kleinerer Minderheiten im Schulalltag unterdrücken.

So geht es in diesem Kulturkampf besonders um eine ideologische Konfrontation vonseiten der mächtigen, alteingesessenen Kirchen und Religionsgemeinschaften, die teilweise um die Deutungshoheit ihrer jeweiligen Theologien bangen, aus denen bestimme Wertvorstellungen abgeleitet werden. Welches gesellschaftliche Segment, wenn nicht die Schule, eignet sich besser, um aus der Religionsinstitution herausgefallene Bürger wieder zurückzuholen? Die Trennung von Staat und Kirche, welche grundgesetzlich verankert ist, wird ausgehebelt, wenn in Personalunion geistliche und politische Ämter zugleich ausgeübt werden. Das dies der gesellschaftlichen Realität im 21. Jahrhundert nicht mehr entspricht, ist für jeden Bürger einsichtig, der die Grundaussagen der Verfassung verinnerlicht hat. Wenn daher Schüler bei diesem Religions-/Ethik-Streit uninteressiert die Achseln zucken, dürfte dies ein Zeichen sein, dass die junge Generation die Probleme der etablierten Etagen nicht nachvollziehen kann. Das Aufbrechen eigentlich längst überwundener Diskussionen, denen die Konkurrenz von Verfassungskonformität und Vorstellung von „Glauben“ aus früheren Epochen des „Abendlands“ zugrunde liegt, wird im Zeitalter der Globalisierung von allen möglichen weltanschaulichen und religiösen Kulturen als alter Zopf betrachtet.

Der Schulunterricht jeglichen Fachs hat religiös und weltanschaulich neutral zu erfolgen. Unabhängig vom persönlichen Bekenntnis wird im öffentlichen Schuldienst unter dieser gesetzlich verankerten Voraussetzung gelehrt. Eine freie Wahl kann nur haben, wer nicht von vornherein einkategorisiert wurde, jedenfalls nicht im Rahmen des staatlichen Systems. Jeder Religionspsychologe weiß, dass gerade beim Phänomen „Religion“ im weitesten Sinn die persönliche Freiheit ein entscheidendes Kriterium für die emotionale und geistige Entfaltung der erwachsenen Persönlichkeit ist. Dies bedeutet aber nicht, wie in hiesigen Breitengraden so oft angenommen, dass ein durch das Elternhaus in der Familientradition erzogenes Kind unfrei sei. Ihm muss aber die Option offen bleiben, zu einem späteren Zeitpunkt eine andere Religion oder Weltorientierung wählen zu können, zumal im heutigen globalen Dorf.

Insofern wäre für die Zukunft ein integratives Konzept interreligiöser und interkultureller Bildung zu prolongieren, das auf einer Ethik der Verantwortlichkeit für die kommenden Generationen basiert. Genau und nur an diesem Punkt kann der konkrete Aufbau eines neuen Wertekonsenses begonnen werden. Dass alle religiösen Systeme das Potenzial dazu beinhalten, ist bekannt. Es sollte sich aber keine einzelne Religion, Glaubensrichtung oder Weltanschauung so präsentieren, dass sie das allein seligmachende Heilmittel für die Übel unserer Zeit sei. Ob ein solchermaßen angedachtes Projekt durchgeführt werden kann, wird sich in den nächsten Jahren herausstellen.

Welchen Namen dabei das Schulfach tragen soll, welches all die oben umrissenen Themenkomplexe differenziert zu behandeln weiß, kann später entschieden werden. Die Agnostiker verschiedener Traditionen warten solange ab und bescheiden sich im Wissen um die Begrenztheit menschlichen Wissens.