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Chronik von Bayern: 1519 – 1543

Ein christliches Land…

Von Robert Schlickewitz

1519

Die Regensburger Juden werden vertrieben; erst ab 1669 siedeln dort allmählich wieder Angehörige der Minderheit, aber es dauert bis 1730, ehe in der Stadt eine jüdische Gemeinde entstehen kann.

1528

Die Glaubensgemeinschaft der Wiedertäufer wird in München blutig verfolgt.

1528

Nach den Vertreibungen siedeln wieder Juden in Fürth, das sich neben der markgräflichen Residenz Ansbach bald zu einem Zentrum jüdischen Lebens in Franken entwickelt

1529

Auch nachdem die Türken vor Wien erfolgreich abgewehrt worden sind, wird im Reich die Vogelfreierklärung der Sinti beibehalten, um sie weiterhin zu verfolgen; der alte Vorwurf „Ausspäher der Türken“ weicht nun dem des „Fremden“, des „Diebes“ und des „Bettlers“ und legitimiert auch brutalstes Vorgehen gegen die Minderheit

ab ca. 1530

Städte, Grafen. Freiherren und viele Reiehsritter in Franken und Schwaben sagen sich von der römischen (katholischen) Kirche los und schließen sich den Lehren Luthers an; selbst große Teile des Klerus. Bischöfe wie Mönche, übernehmen die neue Kirchenorganisation und Pfarrer predigen nach reformatorischen Schriften; nur das Herzogtum Bayern bleibt, von kleineren und bald grausam bekämpften Ausnahmen abgesehen, der alten Lehre treu; die bayerischen Herzogsbrüder Wilhelm IV. und Ludwig X. hegen die Befürchtung, dass eine Hinwendung zur Reformation soziale Unruhen mit sich bringen und damit die herkömmliche Gesellschaftsordnung bedrohen könnte; mit drakonischen Gerichtsurteilen und Polizeimaßnahmen schüchtern sie ihre Untertanen derart ein, dass diese, von der Mentalität her bereits eher gefügig, gleichgültig oder passiv, keine besonderen Vorlieben für das neue Bekenntnis entwickeln; auf jene Zeit ist die bis in die Gegenwart fortdauernde enge Verbindung zwischen katholischer Kirche und bayerischem Staat zurückzuführen

1530

Der Reichstag zu Augsburg wiederholt seinen Beschluss gegen die „Zigeuner“ von 1498 und fügt als neuen Vorwurf (neben „Spione der Türken“) hinzu, „Zigeuner“ seien „Feinde der Christenheit“

1532

Kaiser Karl V. erlässt die „Peinliche Gerichtsordnung“, die als Bestrafung für „Zauberei“ den Feuertod vorsieht; gerade Roma verdächtigt man besonders häutig der Zauberei, jedoch befinden sich unter den zahlreichen Opfern der Hexenprozesse relativ wenige „Zigeunerinnen“, was daran liegt, dass „Zigeuner“ als „Heiden“ gelten und ihnen daher „Abfall vom Christentum“, die Voraussetzung für den „Bund mit dem Teufel“, nicht vorgeworfen werden kann; wie neueste Erkenntnisse belegen, fordert die Hexenverfolgung nirgends in Europa so viele Opfer wie in Deutschland

1541

Mit „Ains Judenbüechleins Verlegung darin ain Christ ganzer Christenheit zu Schmach will es geschehe den Juden unrecht in bezichtigung der Christen Kinder mordt. Hierin findst auch vil histori was Übels und bueberey die Juden in allen teutschen Land und andern Königreichen gestift haben“ erscheint ein Pamphlet, das den den Juden gegenüber erhobenen Vorwurf des Ritualmords gegen Anfechtungen verteidigt: diese Schmähschrift des katholischen Ingolstädter Theologieprofessors Johann Eck beeinflusst nicht nur mit großer Wahrscheinlichkeit wenig später Martin Luther („Von den Juden und Iren Luegen…“). sondern dient mit ihrer These von der jüdischen Weltherrschaft sowohl den Verkündern zweifelhafter Rassenlehren des 19. Jahrhunderts als auch den einschlägigen Propagandisten des „Dritten Reiches“ als beinahe unerschöpfliche Quelle

1543

Martin Luther, der nur wenige Jahre zuvor Juden in seinen Schriften noch positiv gewürdigt hatte, vollendet sein antisemitisches Traktat„Von den Juden und Iren Luegen“, worin er verkündet, Juden seien „uns eine schwere Last, wie eine Plage, Pestilenz und eitel Unglück in unserem Lande“ und aufruft Juden zu erniedrigen, zu unterdrücken, sie gar zu beseitigen, ihre Bücher zu zerstören und ihre Häuser und Synagogen in Brand zu stecken; ebenfalls 1543 vergleicht der deutsche Reformator in einer Predigt Juden mit „Zigeunern“ und behauptet dabei, beide (Minderheiten) seien darauf aus „die Leute zu beschweren mit Wucher, die Länder zu verkundschaften und zu verraten, Wasser zu vergiften, zu brennen, Kinder zu stehlen und anderer allerlei meuchel Schaden zu thun“; auf diese Weise trägt auch er zu Diskriminierung und Stereotypisierung bei, bewirkt sein nicht geringer Einfluss auf große Teile der deutschen Bevölkerung, dass Zigeuner auf lange Zeit ausgegrenzt bleiben, weil man sie als „Fremde“ bzw. als „Andere“ empfindet – trotz des Mehrheit wie Minderheit (bald) gemeinsamen christlichen Glaubens.

1544

Die „Cosmographia“. eine Beschreibung besonders der Länder und Städte Deutschlands des rheinländischen Hebraisten und Kosmografen Sebastian Münster (1488-1552) erscheint erstmals und wird in den Jahren bis 1628 in insgesamt 21 (deutschen) Ausgaben immer wieder neu aufgelegt: über Sinti und Roma berichte der Autor: „Sie tragen bey ihnen etliche Brieff und Siegel / vom Keyser Sigmund und anderen Fürsten gegeben / damit sie ein Gleyd und freyen Zug haben durch die Länder und Statt. Sie geben auch für / daß jnen zur Büß auffgelegt sey / also umb her zu ziehen in Bilgerweiß / vnd daß sie zum ersten auß klein Egypten kommen seyen. Aber es sind Fabeln. Man hat es wol erfahren / daß diß elend Volck erboren ist / in seinem umbeschweiffenden ziehen / es hat kein Vatterland / zeucht also müssig im Landt umbher / ernehret sich mit Stelen / lebt wie ein Hund / ist kein Religion bey ihnen / ob sie schon jre Kinder vnder den Christen lassen tauffen“; über Jahrhunderte hinweg wird dieser Kenntnisstand fast unverändert von Deutschlands Wissenschaftlern vertreten, gelehrt und tradiert, von Wissenschaftlern, die über viele Generation hinweg nicht in der Lage sind die Minderheit auch noch unter anderen Gesichtspunkten zu betrachten und zu erforschen.

1545 – 1563

Das Konzil von Trient der katholischen Kirche, das auch für Bayern von Bedeutung ist, beschließt, dass „Zigeuner“ nicht Priester werden dürfen.

1550 – 1579

Albrecht V., der Großmütige, ist Herzog von Bayern; er unterstützt entschlossen die Gegenreformation und beruft die Jesuiten nach München.

1551

Im Gegensatz zum von Kaiser Karl V. verfügten Reichsschutz für Juden, veranlasst Bayernherzog Albrecht V., in Übereinstimmung mit den Landständen, die Verbannung der jüdischen Bevölkerung Ober- und Niederbayerns: über 200 Jahre gilt dieses Ansiedlungsverbot. das 1553 auch noch im Landrecht festgeschrieben wird: erst im 19. Jh. kann die Anzahl der Juden in diesen Regionen allmählich wieder zunehmen; die Pfalz schließt sich diesen Vertreibungsmaßnahmen 1555 und die österreichischen Lande 1670 ebenfalls an.