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Antisemitische Thesen in Kronacher Synagoge

Im oberfränkischen Kronach konnte man „des Pudels Kern“ der so genannten „Germanischen Neuen Medizin (GNM)“ im O-Ton erleben: Bei einem GNM-kritischen Vortrag in der Kronacher Synagoge präsentierten Anhänger der Medizin-Sekte Verschwörungstheorien und antisemitische Thesen. Und die örtliche NPD zeigt sich amüsiert über den „Antisemitismus im Kippa-Kloster“…

mk, redok v. 22.03.2009

Erneut ist die GNM in Bayern in die Schlagzeilen gelangt. Zuletzt hatte 2006 ein ehemaliger Stadtrat der Ökologisch-Demokratische Partei (ödp) im mittelfränkischen Hersbruck mit Interesse für die GNM für Aufsehen und einen (zwischenzeitlich aufgehobenen) Parteiausschluss gesorgt. 2007 berichtete die Frankenpost über einen Vortrag in Münchberg (Oberfranken) von Vertretern der „radikale[n] Heilslehre“ des GNM-Gründers Ryke Geerd Hamer. Nun ist vor allem aus Bamberg und Kronach von verstärkten Aktivitäten der Hamer-Anhänger zu hören. In Kronach fürchteten besorgte Bürger, dass ein Gebäude zu einem Zentrum der Medizin-Sekte umgebaut werden könnte.

„Die ‚Germanische Neue Medizin‘ – Kritik an der Schulmedizin und Rechtsextremismus“ lautete ein Vortrag, der auf Einladung des Aktionskreises Kronacher Synagoge e.V. sowie des evangelisch-lutherischen Dekanats am 17. März in der Synagoge Kronachs stattgefunden hat. Referent war Bernhard Wolf, Leiter des Forschungs- und Informationszentrums Neue Religiosität an der Universität Bayreuth und Beauftragter für neue religiöse und geistige Strömungen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

Unkontrollierte Allmachtsgefühle

Die Entstehung und Verbreitung der GNM steht in Zusammenhang mit einem insgesamt problematischen neu entstandenen Gesundheits- und Heilungsmarkt, führte Wolf in seinem Vortrag aus. Das Unbehagen an der so genannten Schulmedizin führt zu Vertrauensverlust in diese, außerdem zu wachsender Akzeptanz einer Fülle alternativmedizinischer Angebote und Außenseiterlehren. Parallel zur Veränderung im medizinischen Bereich, dessen auch technischer Modernisierung einerseits mehr Misstrauen entgegengebracht, andererseits aber auch mehr Macht zugeschrieben wird, hat sich ein Wandel im religiösen Bereich vollzogen: Wo die Schulmedizin ihre Grenzen findet oder abgelehnt wird, wendet man sich schlichten und vereinfachenden Methoden und Anbietern zu, die Wolf in Anlehnung an den Mediziner und Publizisten Till Bastian die „schrecklichen Vereinfacher“ nennt. Dadurch wächst auch die Gefahr, sich Personen mit unkontrollierten Allmachtsgefühlen und Weltanschauungen auszuliefern.

Bei der GNM handelt es sich um eine in hohem Maße unwissenschaftliche und verschwörungsantisemitische Weltanschauung. Die Gewissheit, mit der GNM-Gründer Hamer „seine Erkenntnisse“ als unantastbar vertritt und derentwegen dieser bereits 1986 die ärztliche Zulassung verlor, ist wahnähnlich. Hamer, der mehrmals verurteilt wurde und einige Jahre in Deutschland und Frankreich in Haft war, ist nach eigenen Angaben wieder auf der Flucht, um einem möglichen Haftbefehl der Staatsanwaltschaft Cottbus wegen Volksverhetzung zu entgehen; sein derzeitiger Aufenthaltsort soll Norwegen sein.

Die Maus und der Lungenkrebs

Der weltanschauliche Zug der Hamer’schen Lehre wird auch in seinem extrem vereinfachenden, diagnostischen Dogmatismus sichtbar, der inzwischen weite Teile des alternativen Heilungsmarktes bestimmt. Körperliche Krankheiten werden nur als Abbild „innerer Konflikte“, als psychosomatische Irritationen oder „Umwege“ angesehen, mit deren Hilfe sich der Erkrankte lediglich einer psychischen Herausforderung entzieht. Nach diesem verkürzten Verständnis brauchen auch lebensbedrohlich Erkrankte nur diese „inneren Konflikte“ lösen, um zu gesunden – ohne schulmedizinische Behandlung.

Innerhalb der GNM wird nicht nur jede Krebserkrankung eines Menschen auf einen bio-psychischen Konfliktschock zurückgeführt, sondern sie beansprucht in einer wahren Allmachtsphantasie diagnostisch wie therapeutisch Geltungsanspruch für alle Krankheiten und Lebewesen: „Die Germanische Neue Medizin® gilt für Mensch, Tier und Pflanze gleichermaßen! Auch die Maus erkrankt infolge Todesangst-Panik an Lungenkrebs wie der Mensch“, heißt es aktuell auf der Webseite des GNM-Anhängers Helmut Pilhar.

„Jüdische Medizin“ und „Chemo-Holocaust“

Im Lauf der Zeit benannte Hamer „seine“ Medizin mit verschiedenen Namen, so mit „Neue Medizin“, „Biologische Neue Medizin“, „Heilige Medizin“ und aktuell „Germanische Neue Medizin“. Was es mit dem „Germanischen“ auf sich hat, führte ein prominenter Anhänger der GNM vor. Helmut Pilhar aus Österreich, der vor einigen Jahren für Aufsehen gesorgt hatte, weil er seiner krebskranken Tochter Olivia eine konventionelle Behandlung zugunsten der Lehre Hamers verweigerte und nun Vorträge und Stammtische zu Hamers „Medizin“ organisiert, war nach Kronach gereist. Laut lokaler Berichterstattung waren etwa 20 GNM-Anhänger anwesend.

Wie die Neue Presse Coburg berichtet, behauptete Pilhar mitten in der Synagoge, „die jüdische Seite“ sei dafür verantwortlich, dass die „Germanische Neue Medizin“ nicht angewendet werden dürfe. Dadurch würden alle Nicht-Juden gezwungen, „sich von der Chemotherapie töten zu lassen“. Die Juden selbst hingegen praktizierten die GNM, Hamer müsse daher als „größter Wohltäter der Juden“ bezeichnet werden.

Hier wird überdeutlich, was die unter GNM-Anhängern verwendete Bezeichnung „Jüdische Medizin“ für die naturwissenschaftlich geprägte Schulmedizin bedeutet: Den auf der Basis wissenschaftlicher Grundlagen arbeitenden Ärzten werden unter Verwendung eines rassischen Judenbegriffes schlechte Charaktereigenschaften wie etwa Geldgier oder die „Entseelung der Medizin“ [1] und verborgene böse Absichten vorgeworfen. Darüber hinaus wird hier sogar der Wille der Juden imaginiert, mittels schulmedizinischer Methoden die wiederum rassisch aufgefasste Gruppe der Deutschen mittels beispielsweise der Chemotherapie zu dezimieren, gar zu vernichten.

So ist auch zu erklären, dass 2005 auf einer Demonstration von GNM-Anhängern in Heidelberg von einem „Chemo-Holocaust“ gegen die Deutschen die Rede sein konnte. Dieser „Holocaust“ wird im Wahnsystem der GNM sogar mit eben den Mitteln verübt, mit denen ein großer Anteil der europäischen Juden vernichtet wurde. In einem aktuellen Text über die Kronacher Veranstaltung spricht Helmut Pilhar nämlich von „Giftgas“, das bei Krebspatienten „mit einer Mortalität von bis zu 98%“ angewendet werde – die „meisten Ärzte“ seien aber Juden.

Die GNM und Rechtsextremismus

Die Grenzen zwischen Verschwörungs- und Rassenantisemitismus bei den GNM-Anhängern sind ebenso fließend wie die Grenzen zwischen einem „Unbehagen“ an der modernen Schulmedizin und andererseits antimodernen und antidemokratischen Affekten – das erklärt auch die große Reichweite der Hamer’schen Lehre in die rechtsextreme Szene. Für die GNM interessiert sich eine rechte Mischszene, die sich keineswegs auf Vertreter des Verschwörungsantisemitismus aus dem Dunstkreis eines Jan Udo Holey (alias Jan van Helsing) vom Internet-Fernsehkanal „secret.tv“ beschränkt. Die Liste der Interessenten und Protagonisten ist lang: Anhänger der GNM finden sich unter so genannten Impfkritikern – einer teilweise auch scientologisch „inspirierten“ Szene, die derzeit besonders zur Blauzungenkrankheit, einer Erkrankung von Wiederkäuern, aktiv ist. Verfechter der GNM treten in der so genannten Reichsbürger-Szene auf, die an ein Fortbestehen des Deutschen Reichs glaubt und die Bundesrepublik Deutschland nicht anerkennt, ebenso bei den Machern des „Fürstentum Germania“ und in der Holocaust-Leugner-Szene wie auch bei NPD und Neonazis.

Wenig überraschend ist daher, dass der NPD-Bezirksverband Oberfranken nun gegen den „Kronacher Synagogen-Fanclub“ polemisiert und im zynischen Tonfall eines nationalsozialistischen Hetzblattes den antisemitischen Auftritt der GNM-Anhänger in der Kronacher Synagoge kommentiert: „Die Synagoge wurde auf das Schändlichste entweiht und muß höchstwahrscheinlich demnächst abgerissen werden, sofern Charlotte nicht anreist und Segen bringt. Shalom!“

Anmerkung:
[1] s. hierzu: Wolff, Eberhard: Jüdische Medizin (Begriffsproblematik). In: Werner Gerabek u.a. (Hg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Berlin, New York: De Gruyter 2004, S. 706f.

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