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Pilger auf Abwegen

Gaza als »neues Warschauer Ghetto« zu bezeichnen, ist globaler Konsens unter antiisraelischen Demonstranten. Das freut die iranische Führung…

Kommentar von Thomas von der Osten-Sacken
Jungle World 4 vom 22. Januar 2009

John Pilger ist nicht irgendwer, er schrieb früher für die New York Times und ist stolzer Träger renommierter Journalistenpreise. Wenn er nun antisemitische Propaganda verbreitet, kann man dies ebenso wenig mit Schweigen übergehen wie die jüngsten Ergüsse des Palestine Chronicle, einer Zeitschrift, die sich bislang noch um Seriosität bemüht hat. Pilger und das Chronicle erklären den Gaza-Streifen zum neuen »Warschauer Ghetto«. Die Palästinenser würden, so das Chronicle, »wie Insekten getötet«, Pilger bezeichnet den jüngsten Krieg gegen die Hamas als »Holocaust im Werden«. Einzelfälle sind das nicht. Gaza gleiche immer mehr einem »riesigen Konzentrationslager«, sagte ein Vertreter des Vatikan. Angehörige der Linkspartei, die iranische Regierung und Hugo Chávez, der »Sozialist des 21. Jahrhunderts«, stehen hinter der infamen antisemitischen Propagandalüge vom »Holocaust« in Gaza.

Wer ihnen argumentativ entgegentreten will, gibt ihnen schon Recht. Denn nichts wäre abwegiger, als überhaupt versuchen zu wollen, sie mit Fakten zu widerlegen. Je öfter aber solche Vergleiche wiederholt werden, umso mehr Leute glauben, dass doch ein Körnchen Wahrheit in ihnen steckt. Damit sie glaubhaft werden, bedarf es der John Pilgers, die ja beanspruchen können, seriöse Journalisten zu sein. So ist es gelungen, eine neue antisemitische Sprache zu erfinden, die weltweit Linke mit Islamisten und beide mit katholischen Geistlichen vereint.

Verwendete die arabisch-islamische Propaganda, was Israel betraf, bis in die sechziger Jahre noch eine genuin nationalsozialistische antisemitische Sprache, die Israel vor allem mit dem kommunistischen Reich des Bösen in Verbindung brachte, änderte sich dies, als die panarabische Bewegung und die Sowjetunion sich annäherten. Nun entdeckte man, unter tätiger Mithilfe von Linken, dass es sich beim Staat Israel eigentlich um den Wiedergänger des »Dritten Reiches« handele. So entstand ein international verwendbarer antisemitischer Topos, der sich auch deshalb großer Beliebtheit erfreute, weil seine Propagandisten nun in völlig verdrehter Form den Nationalsozialismus verarbeiten konnten. Da man gelernt habe, dass Völkermord sich nie wiederholen dürfe, müsse man vor allem den »israelischen Faschismus« bekämpfen.

Die jahrzehntelange Wiederholung der immer gleichen infamen Lüge zahlt sich aus. Spätestens seit dem Amtsantritt des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad bemüht sich der derzeit im Nahen Osten einflussreichste Staat offiziell um die Verbreitung dieser Propaganda.

Da bei den jüngsten antiisraelischen Demons­trationen erstmalig überall der »neue Holocaust« im Gaza-Streifen das alles beherrschende Thema war, liegt die Vermutung nahe, dass diese Kampagne sogar geplant und abgesprochen war. So meinte Jo­seph Coitoru in der FAZ, es hätte vor dem Konflikt entsprechende Absprachen zwischen der Führung der Hamas und der sie unterstützenden iranischen Führung gegeben.

Die Jihadisten der Hamas erscheinen so als die neuen Ghettokämpfer von Warschau, der Iran als der Alliierte, den es damals nicht gab. Nichts leugnet im Sinne Ahmadinejads den wirklichen Holocaust wirksamer und nichts delegitimiert den Staat der Auschwitz-Überlebenden effektiver als solch ein Vergleich. Und nur darum geht es diesem weltweit agierenden neuen antisemi­tischen Bündnis, das zugleich effektiv die Arbeit des iranischen Propagandaministeriums erledigt.