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Kritik am Aufruf zum Boykott von Aldi und Lidl

Seit Tagen kursiert in islamischen Internetforen ein Aufruf, die Supermarktketten Aldi und Lidl am 9. und 10. Januar 2009 zu boykottieren. Anlass des Aufrufs ist das Gerücht, die Einnahmen dieser Supermärkte würden an diesen Tagen nach Israel gespendet…

ufuq, 10.01.2009

In einem dieser Aufrufe heißt es dazu: „Daher bitte ich euch, vermeidet es Freitags und Samstags dort einzukaufen. Jeder, der dort einkauft, spendet somit automatisch für das israelische Besatzungsregime und ihre Massaker an die Palästinenser. Ich bitte Sie, die Nachricht ernst zu nehmen, sie ist sicherlich kein altbekannter Internet – Hoax.“ (hier)

Der Boykott-Aufruf wird mittlerweile auch über Ketten-SMS und diverse islamische Mailinglisten verbreitet. Auch auf Youtube wird zum Boykott aufgerufen. (hier)

Aldi und Lidl sahen sich heute gezwungen, das Gerücht zurückzuweisen. „Wir wissen nicht, wer diese unzutreffenden Behauptungen aufgestellt hat“, heißt es in einer Stellungnahme von Aldi. „Deswegen stellen wir hiermit unmissverständlich und in aller Eindeutigkeit klar: Es ist absolut unzutreffend und frei erfunden, wenn behauptet wird, dass ALDI an Israel Spenden leistet. Eine solche Absicht besteht nicht und hat auch nicht bestanden.“ Ähnlich äußerte sich auch Lidl in einer kurzen Mitteilung.
Kritisiert wurde der Boykott-Aufruf allerdings auch von vielen Muslimen. So äußerten diverse Kommentatoren in Internet-Foren Zweifel an der Richtigkeit des Gerüchts. (siehe hier)

Auch die Betreiber des schiitischen Islam-Portals Muslim-Markts, die selbst immer wieder zum Boykott Israels und israelischer Produkte aufrufen, distanzierten sich. In einer Stellungnahme wies Yavuz Özoguz den Verdacht zurück, der Aufruf gehe auf eine Initiative des Muslim-Markts zurück. „Es ist das Anliegen von (diesen) Gerüchten und Lügenmeldungen, seriöse Boykottaufrufe zu diskreditieren“, schreibt Özoguz. Für ihn handelt es sich bei dem offensichtlich falschen Gerücht lediglich um den Versuch von Zionisten, Muslime zu diskreditieren. Er mahnt daher: „Mögen alle freiheitsliebenden Menschen die richtigen Waren boykottieren und ihre Kaufkraft auf dem Weg der Befreiung aller Unterdrückten einsetzen. Dazu könnte auch gehören (selbst wenn wir das noch nicht aufgelistet haben), dass man bei seiner nächsten Fahrzeugwahl ein Fahrzeug wählt, dessen Konzern nicht mit US-Konzernen verbunden ist.“

Aus anderen Überlegungen, aber nicht weniger entschieden, wendet sich Kathrin Klausing in ihrem Weblog Musafira.de gegen den Boykottaufruf. Sie schreibt:

„Ich habe gleich mehrere Probleme mit diesen Nachrichten:

Die Unlogik. Wenn ein Konzern etwas spenden möchte, dann tut er das ohnehin und nicht nur an bestimmten Tagen. Was soll mein Boykott an diesen Tagen also bringen?

Die fehlenden Quellen. Wie kommen Muslime (die Absender sind bei mir ausschließlich Muslime, oder zumindest Leute mit arabisch oder türkisch klingenden Namen) darauf, solch offensichtlich abstrusen und dubiosen Behauptungen ohne vorherige Überprüfung weiterzuleiten? Auf Nachfrage kommt die Antwort: Ja, das haben soooo viele mir geschickt, dann muss es ja stimmen!. Oder: “Aldi gehört ja auch Juden” .

Hier habe ich dann gleich das nächste Problem, nämlich die misstrauische bis offen feindliche Haltung Juden in ihrer Gesamtheit gegenüber. Sie ist mir schon öfters begegnet, nur heißt das nicht, dass sie deswegen auch richtig ist. Es ist eine Binsenweisheit, das Menschen die irgendeiner Gruppe – Juden, Christen, Afrikaner, Atheisten usw. – angehören nicht alle gleich sein, denken oder handeln können. Trotzdem wird dieses Pauschalurteil immer wieder geäußert. Ironischerweise von Leuten, die sich selbst – oft zurecht – als Opfer eines rassistischen Vorurteils sehen und es wegen dieser Erfahrung besser wissen könnten/sollten.“

Sie ergänzt:

„Die ganze Aufregung geht meines Erachtens auf eine berechtigte Empörung über die aktuellen Verbrechen am palästinensischen Volk zurück. Es kann aber nicht sein, dass man daraufhin unvernünftig, irrational, unlogisch und zudem noch rassistisch wird. Wir ändern gar nichts an der Sache wenn wir die falschen Ursachen dafür verantwortlich machen – hier die Religion des Anderen – und unsere Zeit mit Quatsch verschwenden. Dieser Konflikt ist vor allen Dingen ein politischer – es geht um Land, Wahlen, und die Vertreibung eines Volkes durch ein anderes durch Massenmord und Deportation vertriebenes Volk. Muslime sollten sehen, dass sie nicht alleine sind in ihrer Ablehnung der israelischen Vorgehensweise in Gaza. (…)

Die Ohnmacht, die viele Menschen aufgrund dieser Situation empfinden ist real: wir werden den Konflikt nicht mit einem Zauberstab von heute auf morgen beenden. Aber es gibt Möglichkeiten, Leid zu lindern, indem man Zeit und Geld spendet; aufzuklären, indem man echte Informationen verbreitet und evtl. durch Übersetzungen zur Verfügung stellt und darüber diskutiert; sich zu engagieren bei den vielen Gruppierungen (Kulturvereine, manche Parteien, Friedensinitiativen) die das Thema Palästina auch in “ruhigen” Zeiten auf der Agenda haben oder sich an Politiker (auch die lokalen) wendet um das eigene Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen und ihre Unterstützung in irgendeiner Form zu gewinnen.“

© ufuq.de