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Israel und Nahost
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Ansprache von Ministerpräsident Ehud Olmert

Gedenkfeier am "Gleis 17", Bahnhof Grunewald, Berlin, 12.12.2006...

Ich stehe hier im Namen des unabhängigen Staates Israel und als sein Premierminister, horche aufmerksam den längst verschollenen Stimmen. Ich bin umgeben von einer Menge scheinbar stummer Zeugen: dasselbe Gleis, die gleichen Schienen, die roten Steine, der Himmel. Alles, genauso wie es damals war – und da dringt ein lautes Echo an mein Ohr.

Wortfetzen höre ich, ein gewürgter Schrei, das Weinen eines Kindes, das Flehen einer Mutter, das Stöhnen eines alten Mannes – all dies wird übertönt von einem scharfen, kalten Befehl, durchschneidend und grausam. Und im Hintergrund das Pfeifen der Lokomotive, ein erschütterndes Kreischen, voll gestopfte und zugesperrte Wagons und drinnen, das Schreien des
Grauens. Dann fährt der Zug langsam an, das Knarren der Räder wird immer schneller und schneller bis es in der Ferne nicht mehr zu hören ist...

Alles taucht hier wieder und wieder auf: Anblicke und Geräusche, all das Grauen – und es gibt kein Entkommen. All das ist in unser Gedächtnis eingebrannt und wird niemals vergessen, so haben wir es geschworen.

Genau zweihundert Jahre liegen zwischen der Einreise des 14-jährigen jüdischen Jungen durch das Rosenthal Tor in den Stadtmauern Berlins (das Tor, welches für Juden und Vieh bestimmt war) und der Verschleppung der Juden Berlins durch den bitteren Feind, durch die Nazis. Die Einreise Moses Mendelssohns im Herbst 1743 ist der Anfang des kulturellen jüdisch-deutschen Bündnisses und des enormen, überproportional großen, künstlerischen Beitrages der Juden zum geistigen Schaffen Deutschlands, zur Philosophie, zur Literatur, zur Poesie, zur Musik und zur Kunst, sowie auch zu den Wissenschaften und zur Medizin. Zweihundert Jahre genau, die hier, am Gleis 17 des Bahnhofes Grunewald zu einem jähen Ende kamen.

Wenn sie doch nur verbannt worden wären. Wenn man ihnen doch nur die Möglichkeit gegeben hätte, dieses Land, das sie aus unverständlichen Gründen so geliebt haben, zu verlassen, dieses Land, in dem die heiße Lava des Judenhasses ständig unter ihren Füßen brodelte. Hätten sie nur fliehen und ihre Seele retten können. Doch alle Wege waren versperrt, alle Fluchtwege abgeriegelt, insbesonders der Weg ins Land Israel, die heißersehnte Erlösung, das Ziel ihrer Gebete und Hoffnungen. Ein Heimatland für das jüdische Volk gab es doch damals nicht, und die
Strände dieses Landes, wie auch die aller anderen Länder, waren vor ihnen fest verriegelt. Für die hier am Bahnhof Versammelten gab es nur einen einzigen unfreiwilligen Weg hinaus: den Weg von hier weg in den Osten, und von dort – kein Zurückkommen mehr.

Schon hundert Jahre davor schrieb der Dichter Heinrich Heine einige Zeilen über die Katastrophe seines Volkes. Diese Zeilen klingen, als ob sie für seine Brüder, die sterben werden, geschrieben wurden:

Brich aus in lauten Klagen,
Du düstres Martyrerlied,
Das ich so lang getragen
Im flammenstillen Gemüt!

Es dringt in alle Ohren,
Und durch die Ohren ins Herz;
Ich habe gewaltig beschworen
Den tausendjährigen Schmerz.

Es weinen die Großen und Kleinen,
Sogar die kalten Herrn,
Die Frauen und Blumen weinen,
Es weinen am Himmel die Stern!...


Die Shoah hat der Menschheit eine Frage hinterlassen, die weder das Herz noch der Verstand erfassen kann. Diese Frage schreit zum Himmel und fällt zurück ins innerste der Seele. Es gibt keine umfassende Antwort, nur unzählige Bruchstücke von Antworten. Eines davon lautet: weil das jüdische Volk keinen eigenen Hafen hatte, an dem es in Sicherheit anlegen konnte. Es hatte keinen Leuchtturm, der ihm den Weg durch den Sturm wies. Es hatte kein sicheres Heim, welches es mit offenen Türen, voller Liebe willkommen hieß, nicht, solange es keinen Staat Israel gab.

Wir haben daraus gelernt und uns diese Lehre genau eingeprägt: Wehe dem Schwachen und Schutzlosen. Wehe dem, der den Drohungen keinen Glauben schenkt. Wehe dem Gleichgültigen, der sich nicht darauf vorbereitet, den Gefahren zu trotzen. Wehe dem, der sich in falscher Hoffnung sonnt, der die Gefahr verleugnet und sich auf die Wohltätigkeit Fremder verlässt.

Und so werden wir von unseren Toten, den sechs Millionen, angehalten, alles Menschenmögliche zu tun, damit der Staat Israel das genaue Gegenteil, der diametrale Gegensatz zu der Bösartigkeit der Nazis wird. Er soll auf den ewigen Werten der Thora des Volkes Israel und der biblischen Propheten basieren: Auf der Ehre des Menschen und dessen Freiheit, auf sozialer Gerechtigkeit, auf menschlicher Moral, auf der Heiligkeit des Lebens und auf beständigem Streben nach Frieden.

Der Dichter Abraham Shlonski schrieb in einem seiner Gedichte:

"...Auch hier, auch heute verfolgt sie mich,
Die feindliche Gestalt des fremden, bedrohlichen Landes.
Immer und ewig erscheint mir der Zug
Als Mord am helligten Tag.

Und die Klinge der Nacht zerschneidet zerschneidet
Die Frachtwagons – die Särge.
Ich weiß nicht, ich weiß es nicht
Warum ich heute meiner Heimat gedacht habe.“

(Aus dem Gedicht „Auf der Reise“ von Shlonski, Band Vollendung, Seite 45)

Und tatsächlich, das Echo, die Lehre bleiben immer Teil unseres Lebens. Der Zug der Erinnerung verfolgt jeden Juden, immer und überall. Und ich, der ich in meinem Heimatland nach der Shoah geboren wurde, weiß genau warum ich, hier und jetzt, meiner Heimat, Israel, gedenke. Ich weiss genau, warum und weshalb mir meine Heimat so lieb ist.

Category: Allgemeines
Posted 12/12/06 by: admin