-- Schwerpunkt: hagalil.com - rundschau
Judentum und Israel
haGalil onLine - http://www.hagalil.com

haGalil online

Sehnsucht, die sich zieht durch mich und dich

Am 22. März wird in München das jüdische Museum eingeweiht. Am selben Abend findet gegenüber im jüdischen Kulturzentrum eine CD-Präsentation der besonderen Art statt: David Klein und sein Quintet präsentieren den 400 geladenen Gästen ihre Musik-CD 'Selma - In Sehnsucht eingehüllt' – eine musikalische Hommage, gewidmet der Lyrikerin Selma Meerbaum-Eisinger...

Von Corinne Susanek

Vor einigen Jahren fiel dem Komponisten und Musiker David Klein ein Gedichtband von Selma Meerbaum-Eisinger in die Hände: "Ich habe die Texte gelesen, die Gitarre zur Hand genommen, und die Melodien entstanden wie von allein." Zwölf der bekanntesten deutschen Sängerinnen und Sänger aus unterschiedlichen Sparten und Generationen haben ihre Stimme Selmas Gedichten geliehen. Entstanden ist eine CD, deren eindringliche Melodien und sensible Interpretationen den Zauber der sinnlich-lebendigen Gedichte Meerbaum-Eisingers gelungen einfangen. Bereits vor zwei Jahren veröffentlichte David Klein seine Musik-CD im Eigenverlag. Für die aktuelle Neulancierung hat er in SonyBMG einen marktversierten Partner gefunden, mit dessen Unterstützung ein breites Publikum auf diese noch wenig bekannte Lyrik aufmerksam gemacht werden soll.

"Ich habe keine Zeit gehabt zu Ende zu schreiben..."

Wer ist diese Dichterin, deren Werk zeitgenössischen Künstlerinnern und Künstlern eine solche Inspirationsquelle ist? Selma Meerbaum-Eisinger wurde 1924 im damals rumänischen Czernowitz in eine deutschsprachige jüdische Familie geboren. Die ehemalige Vielvölkerstadt und Habsburg-Metropole war seit jeher von sprachlicher und kultureller Vielfalt geprägt. Dieses Milieu bot zahlreichen Dichtern eine kreative Atmosphäre für ihr Schaffen. Zu den bekanntesten Vertretern der Czernowitzer Literatur gehören beispielsweise der jiddisch schreibende Dichter Itzik Manger, der Rumäne Discipol Mihnea und für die deutschsprachige jüdische Literatur Paul Celan und Rose Ausländer. Aufgewachsen in einem solchen pulsierenden Umfeld begann Selma Meerbaum-Eisinger schon als Fünfzehnjährige Gedichte zu verfassen. Diese hielt sie datiert und motivisch geordnet in einem als Blütenlese betitelten Album fest. Gewidmet war diese handschriftliche Sammlung ihrem Freund Lejser Fichman.

Doch der Einmarsch der deutschen Truppen im Juli 1941 und die wenige Monate später stattfindende Errichtung des Czernowitzer Ghettos trennten nicht nur das junge Paar, sondern zwangen auch die Lyrikerin ihr Werk vorzeitig zu beenden. Täglich musste Selma Meerbaum-Eisinger mit ihrer Deportation rechnen. Um ihre Blütenlese in Sicherheit zu bringen, brach sie ihre Einträge abrupt ab: "Ich habe keine Zeit gehabt zu Ende zu schreiben", notierte sie mit roter Tinte am 23. Dezember 1941 unter das letzte Gedicht. Das Album liess sie zu ihrer Freundin Else Schächter-Keren schmuggeln. Diese versteckte es und sorgte nach dem Krieg dafür, dass es nach Israel gelangte. Nach Abdruck einzelner Gedichte in Anthologien und einem Privatdruck brachte erst 1990 der Verlag Hoffmann & Campe eine gesamthafte Publikation von Meerbaum-Eisingers Gedichten für den deutschen Markt heraus.

Weder die Lyrikerin selbst noch ihr Freund überlebten den Krieg. Selma Meerbaum-Eisinger und ihre Familie wurden nach Transnistrien in das Arbeitslager Michailowska deportiert, wo das Mädchen im Dezember 1942, im Alter von nur achtzehn Jahren, an Typhus starb. Lejser Fichman kam auf der Flucht um: Das Schiff, das ihn nach Palästina bringen sollte, wurde im August 1944 im Schwarzen Meer von der russischen Armee versenkt.

Sehnsucht, die sich zieht durch mich und dich

Das von Selma Meerbaum-Eisinger erhaltene Werk beschränkt sich auf die zwischen Mai 1939 und Dezember 1941 entstandenen 51 Gedichte der Blütenlese. In Natur- und Dinglyrik, Liebeswidmungen und Stilleben wird von unerfüllter Liebe und Sehnsucht, von unbändigem Lebenshunger und Hoffnung, aber auch von drohender Vernichtung und Todesangst berichtet. Trotz der Jugend seiner Verfasserin und ungeachtet des bescheidenen Umfangs des Werks zeugen die gekonnt strukturierten, stimmungsvoll-emotionalen Gedichte vom aussergewöhnlichen Talent Meerbaum-Eisingers.

Die frühen Naturschilderungen und Liebesgedichte wirken durch ihre Frische und Lebendigkeit. In Motiven, Metaphorik und Ton sind deutliche Bezüge zum romantischen Werk Heines und Hofmannsthals erkennbar. Die später datierten Einträge lassen jedoch bereits eine ästhetischen Entwicklung erahnen. Die Gedichte werden immer mehr zu einer Erlebnislyrik, die vor dem historischen Hintergrund der Shoah alle Formen zu sprengen sucht. Ein Beispiel dafür ist Poem, eines der längsten Gedichte der Sammlung. Entstanden am 7. Juli 1941, dem Tag, an dem der Brand der Czernowitzer Synagoge das definitive Zeichen für die Vernichtung der Juden der Bukowina setzt, zeichnet Meerbaum-Eisinger in diesem Gedicht sowohl inhaltlich als auch in der äusseren Struktur die Demontage ihres Lebens nach. Beginnend in einer für die frühen Gedichte charakteristischen, reinen und klaren Sprache malen die ersten Strophen ein idyllisches, lebendiges Naturbild und erzählen von einer hoffnungsvollen Jugendzeit:

Ich möchte leben.
Schau, das Leben ist so bunt.
Es sind so viele schöne Bälle drin.
Und viele Lippen warten, lachen, glühn
und tuen ihre Freude kund.
Sieh nur die Straße, wie sie steigt:
so breit und hell, als warte sie auf mich.
Und ferne, irgendwo, da schluchzt und geigt
die Sehnsucht, die sich zieht durch mich und dich.
Der Wind rauscht rufend durch den Wald,
er sagt mit, daß das Leben singt.
Die Luft ist leise, zart und kalt,
die ferne Pappel winkt und winkt.


Die traumatischen Veränderungen der Lebensumstände und der tägliche Terror im Ghetto hinterlassen jedoch im Gedicht an späterer Stelle deutliche Spuren. Die äusseren Umstände zwingen die Dichterin in den letzten Strophen eine neue poetische Form zu finden, welche die Bedrohung des Alltags spiegelt: Kurze, reimlose Verse, atemlose Satzfolgen und zahlreiche Wortwiederholungen stehen im zweiten Teil des Gedichts für die Schreckensbilder und Todesangst der Schreibgegenwart:

Ein
Leben.
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie
und
nie.


Weltliteratur, die die Welt nicht kennt

Trotz ihres sehnsuchtsvollen Grundtenors sind die Gedichte mehr als die schwärmerische Liebeslyrik eines jungen, lebensfrohen Mädchens, mehr als Nachahmungen der Naturdichtung ihrer romantischen Vorbilder und mehr als eine Dokumentation der Vernichtung jüdischen Lebens in der Bukowina. Das Werk Meerbaum-Eisingers verdankt seine Faszination der Spannung zwischen mädchenhaft-jugendlicher und gesellschaftlich-historischer Thematik, seiner Bandbreite von Motiven und Bildern sowie der Eigenständigkeit in seiner formalen Umsetzung und Ästhetik. Die künstlerische Reife der Lyrikerin sowie die Zeitlosigkeit und Allgemeingültigkeit der Gedichte stellen Meerbaum-Eisingers Werk in einen Rang mit der bekannten deutsch-jüdischen Czernowitzer Literatur einer Rose Ausländer, eines Alfred Margul-Sperber oder Paul Celan. So spricht denn Rose Ausländer selbst über die Lyrik ihrer Dichterkollegin von einem "Teil Weltliteratur, den die Welt nicht kennt".

Das zitierte Gedicht stammt aus:
Selma Meerbaum-Eisinger: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Herausgegeben von Jürgen Serke. Hoffmann und Campe 2005, S. 44-46.


Selma. In Sehnsucht eingehüllt. SonyBMG 2007.
Gesungen von Sarah Connor, Xavier Naidoo, Yvonne Catterfeld, Reinhard Mey, Thomas D, Joy Denalane, Hartmut Engler, Inga Humpe, Volkan Baydar, Stefanie Kloß, Jasmin Tabatabai, Ute Lemper.
Veröffentlichung: 23. März 2007
Bestellen?

Deutsch war die Sprache, die sie liebte:
Selma Meerbaum-Eisinger
Spurensicherung, weit entfernt von Deutschland, in Czernowitz, einer Stadt im Osten. Darin lebte ein jüdisches Mädchen, das Gedichte über eine Liebe schrieb, die mehr Traum als Wirklichkeit war. Es war die erste Liebe, zu einem jungen Mann und zu einer Sprache, die nicht ihre Landessprache Rumänisch war. Deutsch war die Sprache, die sie liebte...

Category: Veranstaltungen
Posted 03/20/07 by: admin



Warning: Declaration of NP_Print::doTemplateVar(&$item, $look) should be compatible with NucleusPlugin::doTemplateVar(&$item) in /homepages/20/d69932965/htdocs/hagalil/01/de/nucleus/plugins/NP_Print.php on line 47
[Printer friendly version] |
Warning: Declaration of NP_MailToAFriend::doTemplateVar(&$item, $look) should be compatible with NucleusPlugin::doTemplateVar(&$item) in /homepages/20/d69932965/htdocs/hagalil/01/de/nucleus/plugins/NP_MailToAFriend.php on line 40
[Mail to a friend]
[Möchten Sie sich anmelden und ein Benutzerkonto erstellen?]


Comments

no comments yet


Add Comments








- - -