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Leben im Schatten Josef Mengeles und ein Tabu

Kinostart des Dokumentarfilms "Gerdas Schweigen" von Britta Wauer nach dem gleichnamigen Buch Knut Elstermanns...

von Asta Hemmerlein

Gerda ist die Tante von Knut. Jedenfalls nennt er sie so. Ende der 60er-Jahre kommt sie zu Besuch nach Ost-Berlin. Nicht nur, dass sie aus der Wolkenkratzerstadt New York kommt, beeindruckt den Sechsjährigen. Gerda hat auch ein Geheimnis. Gerda ist hier aufgewachsen, im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, Tür an Tür mit Knuts Großmutter und Großtante, für die sie wie eine Schwester war. Was Knut von Gerda weiß, hat er aus den Gesprächen der Erwachsenen. Die Wörter Jüdin und Auschwitz kamen darin vor.

Und auch von einem Kind war die Rede, von etwas Unaussprechlichem, das sie durchgemacht hat. Knut kann nicht an sich halten. Mitten in die Plauderei an der Kaffeetafel stellt er Gerda eine Frage: Er fragt sie nach ihrem Kind. Gerda schaut ihn entgeistert an. Er erhält keine Antwort.

Fast 40 Jahre später beschließt Knut Elstermann, inzwischen ein bekannter Filmkritiker und Radiomoderator, Gerda noch einmal zu fragen. Jetzt ist sie, nach einigem Überlegen, einverstanden. Im Oktober 2004 treffen sie sich in New York, ein Jahr später erscheint das Buch "Gerdas Schweigen". Die Filmemacherin Britta Wauer ist der Geschichte Gerdas, der Geschichte ihres Schweigens und der Geschichte ihres Erinnerns nachgegangen.

Nachdem Ende der 30er-Jahre ihre Eltern nach Polen deportiert wurden, bleibt Gerda alleine in Berlin. 1943 wird sie verhaftet. Sie weiß, was das bedeutet. Sie flieht aus der Sammelstelle Große Hamburger Straße, reißt sich den gelben Stern vom Mantel und lebt fortan illegal in der Stadt, u.a bei Knuts Großtante Hilde. Sie arbeitet für den ungarischen Pelzhändler Zoltan Baróthy und verliebt sich in ihn.

Im April 1944 wird Gerda aufgegriffen und nach Auschwitz deportiert. Erst im Lager entdeckt sie, dass sie schwanger ist. Im Oktober wird ihre Tochter Sylvia geboren. Sie darf sie behalten, aber nicht stillen. Das Kind verhungert in ihren Armen. Im Januar 1945, das Lager Auschwitz wird vor der herannahenden Roten Armee geräumt, gelingt ihr beim Transport nach Ravensbrück die Flucht. Sie kann sich nach Berlin durchschlagen.

1948 macht Gerda ihre Schwester Toni in den USA ausfindig und beschließt, nach New York zu emigrieren. Als sie 1951 ihren späteren Ehemann Sam Schrage kennenlernt, erzählt sie ihm nichts. Auch Sohn Steven, der zwei Jahre später geboren wird, erfährt außer einigen dürren Fakten nie etwas von dem Geschehenen. Schweigen und Vergessen werden zum notwendigen Fundament für die Zukunft.

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Der Film führt über das Ende des Buches hinaus. Steven, der das Buch nicht lesen kann, weil es keine englische Übersetzung gibt, stößt im Internet auf eine Rezension und erfährt von der Existenz seiner Schwester. Gerda kann seinen Fragen nicht mehr ausweichen. Die Erinnerung, die sich so lange im Schweigen und Vergessen festgesetzt hat, kommt zur Sprache. Ein Rest, das Unsagbare bleibt.

Britta Wauer zeichnet mit großem Respekt und unverkennbarer Liebe zu ihrer Protagonistin das bewegende filmische Porträt einer beeindruckenden Frau, ihres Lebens und Überlebens. Die Gespräche mit Gerda Schrage, Steven, Knut Elstermann und seinen Verwandten, mit Nachbarn und Zeitzeugen sind eingebettet in eine ebenso sorgfältige wie lebendige Montage historischen Materials, das den Zugang zu den Stationen in Gerdas Leben, den Zeit- und Ortswechseln ermöglicht. Weit über die filmische Biografie hinaus stellt "Gerdas Schweigen" die Frage nach der Notwendigkeit individuellen und kollektiven Erinnerns, erzählt davon, wie sich Geschichte, Leben und Schicksal durchdringen und lange, bis weit in die nächsten Generationen hinein, fortwirken.

Gerdas Schweigen
Deutschland, 2008
Länge: 90 min.
Film: 35 mm (Transfer von HD), 1:1,85, Dolby Digital
Das Buch "Gerdas Schweigen" ist als Taschenbuchausgabe des Aufbau Verlags erhältlich.

Category: Allgemein
Posted 11/05/08 by: admin



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