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Judentum und Israel
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Gedächtnisraum Europa

Der in Deutschland geborene und in Haifa lehrende Soziologe Natan Sznaider über
Kosmopolitismus, jüdisches Territorium und sein neues Buch...

Interview: Yves Kugelmann
tachles - Das jüdische Wochenmagazin v. 19.09.2008


tachles: Wie definieren Sie den Begriff Kosmopolitismus?

Natan Sznaider: Meiner Ansicht nach ist der Kosmopolitismus nicht nur eine Vernunftsidee, die aus der Zeit der Hellenen stammt und mit dem grossen Namen Kant verbunden ist, sondern er hat begonnen – gerade in Europa – Wirklichkeit zu werden. Der nationale Blick auf die Welt ist nicht mehr der ausschliessliche Blick. Allein das Wort lässt an bessere Zeiten denken, führt es doch zurück ins Zeitalter der Hellenen, des grossen Alexander, des noch grösseren Kant. Das Weltbürgertum, nirgendwo und überall zu Hause, hat den Hauch des Edlen und des Guten. Der Weltbürger steht über dem Nationalstaat und seine Solidarität ist mit den Verdammten dieser Erde. Nun behaupten heutzutage viele Soziologen, dass wir nicht nur mehr von einem Traum reden, nicht mehr nur von einer noblen Einstellung, sondern von einer neuen Wirklichkeit. Kosmopolitismus ist die neue Wirklichkeit und der Nationalstaat ist nur noch ein Hauch unserer Einbildung. Das stimmt natürlich nicht so.

Die jüdische Erfahrung sei wesentlich im Blick auf den kosmopolitischen Raum Europa, schreiben Sie in ihrem neuen Buch «Gedächtnisraum Europa – Die Visionen eines europäischen Kosmopolitismus». Was bedeutet dies für den Gedächtnisraum Europa?

Ja, das ist das Kernthema meines Buches. Der jüdische Blick hat ja schon seit hellenistischer Zeit den universalen Blick unterlaufen. Der jüdische Blick gibt dem Kosmopolitismus eine historische und in Zeit und Raum verzweigte Dimension. Wenn Europa sich nun jenseits des nationalen Raums definieren will – das gilt in erster Linie für den Westen Europas, wie die letzten Ereignisse im östlichen Teil Europas zeigen, sind wir da wieder im 19. Jahrhundert gelandet –, dann entspricht dies nicht dem jüdischen Blick. Der europäische Kosmopolitismus ist der Kosmopolitismus der Nachkriegszeit. Er ist eine Folge der Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und ein Versuch, Europa als ein System der miteinander sich aussöhnenden Nationalstaaten neu zu verhandeln. Für Juden war der Zweite Weltkrieg in erster Linie aber kein Krieg der Nationen, sondern der systematische Versuch, Juden zu vernichten und sie aus der europäischen Landschaft zu entfernen. Der jüdische Blick ist kein nationaler, aber auch kein universaler Blick. Er ist ein transnationaler und gleichzeitig ethnischer Blick.

In Ihrem Buch beschreiben sie das Spannungsfeld zwischen Universalismus und Partikularismus, letzterer als identitätsstiftend im Widerspruch zum ersten.

Ich versuche in meinem Buch zu zeigen, dass der sogenannte Universalismus ja eigentlich auch nicht wirklich universal ist. Das ist natürlich nichts Neues mehr. Der kritische Postkolonialismus erzählt, und das schon seit längerem, dass der Universalismus als Keule benutzt wird, um partikulare historische Erfahrungen ihrer Legitimation zu berauben. Gerade für Juden besteht da eine Falle. Sie wurden als Juden ermordet, dürfen sich aber nach diesem Ereignis nicht mehr als Juden, sondern sollen sich als Menschen definieren. Mehr noch, die Absurdität wird manchmal bis zur äussersten Grenze getrieben, wenn man Juden sagt, dass sie mit ihrem Bestehen auf jüdische Identität die Kategorien der Nazis annehmen und damit den Antisemitismus nur noch bestätigen. Das Bestehen auf die jüdische Partikularität im Zeitalter der Globalisierung – das ist der für Juden kosmopolitische Weg. Aber in Europa ist das schwierig. Die europäische Aufklärung, die gerade nach dem Krieg durch deutsche Intellektuelle wie Jaspers und Habermas als Gegengift für den deutschen Partikularismus rehabilitiert wurde, lässt keinen Raum für Partikularismus. Das sieht man natürlich heute in den fast schon hysterisch geführten Debatten um den Islam in Europa. Juden sollen sich da nichts vormachen. Dieser christlich-universal gefärbte Diskurs um die gemeinsamen europäischen Werte ist heute vielleicht nur islamophobisch, kann aber sehr schnell wieder gegen Juden angewendet werden.

Wem gehört Kunst? Wem gehört heute ein Bild, das auf Befehl eines SS-Offiziers von einem kurz darauf ermordeten jüdischen Künstler im einst polnischen, dann sowjetischen und heute in Drohobycz gemalt wird?

Ja, es ist schon absurd, wenn die Ukraine heute Bruno Schulz als ihren Kulturbesitz einfordert. Es gibt europäische Geografien und es gibt jüdische Geografien, die nicht immer übereinstimmen. Für Juden gilt dieser Raum des ehemaligen Habsburgerreiches, der dann Polen, Sowjetunion, Ukraine war, als Galizien. Und in diesem Galizien lebten Polen, Ukrainer und Juden mit- und nebeneinander. In diesem Galizien produzierten Maler, Schriftsteller, Rabbiner. Dort trafen jüdische politische Ideologien wie Zionismus und der Bund aufeinander. Von dort stammte vielleicht der grösste hebräische Schriftsteller Samuel Agnon und der jüdische Maler Maurycy Gottlieb. Dort lebte und arbeite auch Bruno Schulz. Drohobycz war ein Mikrokosmos dieser Welt. Aber er existiert heute nicht mehr. Der von den Nazis begonne Vernichtungsprozess wurde von den Sowjets fortgesetzt. Der ukrainische Nationalismus heute will natürlich auch keinen Platz für Juden und ihre Existenz dort freimachen. Bruno Schulz wurde in Drohobycz als Jude ermordet.

Der jüdische Ort Drohobycz existiert nicht mehr ...

... die Kunst der Juden von dort gehört natürlich den Juden. Das heißt nicht unbedingt, dass sie nach Israel muss. Man kann durchaus diskutieren, was heute jüdische Orte ausmacht. Man hätte vielleicht diskutieren sollen, wo die Kunst von Schulz hingehört, aber diese Diskussion hätte eine innerjüdische Diskussion sein sollen. Die Ukraine ist sicher kein jüdischer Ort mehr und das Bild dort zu lassen als Erinnerung, dass es da früher einen jüdischen Ort gab, halte ich für absurd. Man hätte Schulz durch die jüdischen Museen der Welt wandern lassen können – man hätte ihn nach Amerika bringen können, da das amerikanische Judentum wahrscheinlich der legitime Nachfolger des osteuropäischen Judentums ist, welches aufgehört hat zu existieren. Oder man hätte es nach Israel bringen können, wo weiterhin jüdische Sprachen und Kulturen existieren.

In Europa gilt die Gleichheit der Bürgerinnen und Bürger beziehungsweise die Gleichberechtigung. In den USA gilt vor allem die Freiheit der Bürger. Was hat dies für einen Einfluss auf die jüdische Gemeinschaft?

In Europa gilt immer noch der für Juden verhängnisvolle Satz als fortschrittlich: «Den Juden als Nation muss man alles verweigern; als Individuen muss man ihnen alles zugestehen.» Juden mussten sich aufgeben, um gleichberechtigte Staatsbürger zu werden. In den USA ist das nicht der Fall. Dort herrscht nun mal ein Pluralismus, der es den Menschen erlaubt, ethnisch und amerikanisch zu sein. Das ist dort kein Widerspruch.

Als Fazit schreiben Sie: «Zwar mag es in Europa wieder eine Präsenz jüdischer Menschen geben, aber eine jüdische Präsenz gibt es deshalb noch lange nicht.» Wird Judentum beziehungsweise Judenheit in Europa letztlich nur reine Folklore sein?

Wahrscheinlich weniger als das. Es wird nichts bleiben als ein grosser Friedhof. Die Nichtjuden werden jüdische Museen unterhalten, die mich zu oft an Naturkundemuseen erinnern. Es gibt wie gesagt jüdische Menschen in Europa, aber es gibt keine jüdischen Sprachen, kein jüdisches Selbstbewusstsein und keine eigenständige jüdische Politik.

Gibt es ein jüdisches Territorium? Und wenn ja, ist es Israel, die Diaspora oder letztlich schlicht und einfach Manhattan und nicht, wie einst, Berlin, Czernowitz, Wilna oder Prag?

Berlin, Czernowitz, Wilna oder Prag existieren als jüdische Orte nicht mehr. Israel ist ein jüdischer Ort, aber nicht der einzige. Die USA – das ist ein alternativer jüdischer Ort. In Israel und in den USA gibt es jüdische Gelehrsamkeit, jüdisches Kulturschaffen, jüdische Präsenz. Es geht auch um eine gewisse kritische Masse. In Europa leben auch einfach nicht genug Juden, um ihre Präsenz zu manifestieren. Osteuropa als jüdischer Ort existiert nicht mehr. Und Westeuropa kann dies nicht ersetzen.

Orte, gerade die fremden, haben das Judentum stets stark geprägt. Ist das letztlich der vollendete Kosmopolit, also Weltbürger, der überall und nirgendwo zu Hause, also dort definiert ist, wo er gerade lebt?

Nein, ich glaube nicht. Der «vollendete» Kosmopolit hat Wurzeln und Flügel und beides gleichzeitig. Die Schoah hat den jüdischen Weltbürger von Grund auf verändert. Es gibt da keinen Weg mehr zurück.

Mit der Schoah ist auch die jüdische Stimme aus Europa verbannt worden. Will sich Europa von dieser bis heute entledigen oder haben die Juden diese Stimme nicht mehr etablieren beziehungsweise finden können?

Es war wohl ein sich beidseitig bestärkender Prozess. Ich glaube nicht, dass man sich in Europa dieser Stimme bewusst entledigen will. Aber diese jüdische Stimme konnte sich einfach nicht mehr etablieren. Europa war Friedhof. Es war und ist Tod für Juden. Stimme bedeutet Öffentlichkeit. Stimme bedeutet Politik. Stimme bedeutet Repräsentation. In Europa können Juden oft nicht als Juden reden. Und wenn sie es tun, dann als Mahner, Gedenker, Stimmen, die man nicht hören will.

Hannah Arendt war eine Kosmopolitin. Wie sehr war bei ihr die jüdische Herkunft entscheidend?

Sie sah ihre Herkunft als entscheidend. Es war klar für sie, dass mit dem Aufstieg der Nazis und dem Versuch, Juden in Europa zu vernichten, die Welt nicht mehr universal verstanden werden konnte. Sie redete oft in verschiedenen Sprachen, betonte ihr Judentum, wenn sie mit Deutschen sprach und diskutierte, betonte ihr Weltbürgertum, wenn sie mit Juden verhandelte. Aber wir sollten immer im Auge behalten, dass Arendt von 1933 an 20 Jahre lang im Dienst des jüdischen Volkes arbeitete. Sie betrieb im wahrsten Sinne des Wortes jüdische Politik.

Wenn letztlich Judentum und Kosmopolitismus eng miteinander verbunden sind: Wie wird sich der Kosmopolitismus mit Blick auf eine jüdische Gesellschaft entwickeln?

In Israel und in den USA gibt es schon einen jüdischen Kosmopolitismus. In Israel leben die verschiedensten ethnischen Gruppen miteinander – nicht in einem multikulturellen Paradies, sondern in einer nationalen Gemeinschaft. Es gibt wohl keinen Staat, in dem eine solch ethnische Vielfalt herrscht wie unter den Juden in Israel. In den USA arbeiten Juden als Repräsentanten ihrer Gemeinschaft, ohne dass sie sich dafür schämen müssen. Das sind alles Modelle für praktizierten jüdischen Kosmopolitismus.

© tachles Jüdisches Wochenmagazin.

Natan Sznaider: Gedächtnisraum Europa. Die Visionen des europäischen Kosmopolitismus. Transcript Verlag, Bielefeld 2008.

Category: Bücher
Posted 09/28/08 by: admin



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