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Ausstellungstipp München: Bilder von Rudi Weissenstein

Mit einer spektakulären Fotoausstellung von Rudi Weissenstein in der Pasinger Fabrik setzt das 2005 von Prof. Dr. Emmanuel Heller ins Leben gerufene "Zentrum für Zeitgenössische Israelische Kunst" seine Aktivitäten in München fort, die in diesem Jahr ganz im Zeichen des 60.ten Jahrestag der Gründung des Staates Israel stehen...

Von Anna Zanco Prestel

"Irgendwo …hinter den Bergen und in weiter Ferne wuchs ein neuer Stamm von heldenhaften Juden heran: … kräftig, schweigsam und sachlich, ganz anders als die Diasporajuden…Jene Pioniere lebten jenseits unseres Horizonts in Galiläa, in der Sharon-Ebene, in den fruchtbaren Tälern… Vor mir – so Amos Oz in seinem Roman Eine Geschichte von Liebe und Finsternis weiter – sah ich … das Bild eines starken jungen Mannes in blauem Trägerhemd, braungebrannt und breitschultrig, ein Dichter-Arbeiter- Revolutionär, ein furchtloser Bursche… die Schirmmütze lässig-keck auf den Locken…völlig zu Hause in der Welt: Den ganzen Tag schuftete er beim Fliesenlegen oder Kiesschaufeln, am Abend spielte er Geige, nachts tanzte er mit jungen Frauen oder sang ihnen gefühlsvolle Lieder in den Dünen im Vollmondschein vor…"

So ein Mann, ein "Hallutz" - wie "Pionier" auf Hebräisch heißt - steht mit seinem strahlenden Lächeln großformatig im Mittelpunkt der Ausstellung "Israel – Ansichten und Portraits" des aus Mähren stammenden, israelischen Fotografen Rudi Weissenstein. Als Pendant dazu – in einem anderen breitformatigen Foto – das Portrait des Religionsphilosophen Martin Buber: Ein vom Licht erhelltes Antlitz, das Antlitz eines Erleuchteten, die weiße, gepflegte Hand auf einem offenen Buch liegend.

"Geist" ist man beinahe versucht, das Bild des alten Gelehrten zu nennen. Und "Tat", jenes des "Neuen Hebräers", der so selbstbewusst vor sich schaut. Zwischen beiden ins Auge stechenden Männerportraits ein anderes Foto voller Symbolik: Zwei Hände, die einen jungen Steckling in die bewegte Erde einpflanzen. "Arbeitende Hände" – so heißt der Titel des 1961 bei einem internationalen Wettbewerb in Moskau preisgekrönten Bildes -, die das zarte Gewächs zur Blüte verhelfen. Aus ihm soll ein Baum erwachsen, jung und vielleicht so alt wie die Geschichte des Landes, in dem ein neuer Staat entsteht: Erez Israel.

Das Neue soll aus der Kontinuität einer ungebrochenen Überlieferung seinen Lauf nehmen. Eine junge Pflanze, die für Fortsetzung und Neuanfang zugleich steht, wie der Baum, der im "Wald der Gerechten" in der Gedenkstätte Yad Vashem für Menschen aller Nationen eingepflanzt wird, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Vernichtung retteten.

In einem anderen Foto ein Akazienbaum, der inmitten der Wüste seine volle Pracht entfaltet: Er gehört zu den uralten Bäumen, die in der Bibel häufige Erwähnung finden. Er ist ein Sinnbild für Unsterblichkeit.

Unsterblich vielleicht wie – in anderen Aufnahmen - der "Löwenkopf" in der Wüste Negev, der von der israelischen Post als Motiv für eine Briefmarke hergenommen wurde oder wie das "Herodion" mit seinen noch unerforschten, kostbaren Schätzen.

Von der Arbeit auf dem Feld mit dem Pflug, mit Pferden oder Kamelen erzählen andere Bilder. Sie zeugen vom schweren Einsatz der Siedler, die eine in Theodor Herzls berühmten Buch "AltNeuland" enthaltene Vision in die Tat umsetzen: Nämlich die "Wüste in blühende Landschaften" zu "verwandeln". Und auch von der gemeinschaftlichen Erfahrung in den Kibbutzim. Groß war die Anziehungskraft, die aus jenem utopischen Modell einer sozialistischen Kollektivarbeit ausging, die sich mit der Zeit der Marktwirtschaft öffnete. Dies insbesondere für junge, fortschrittlich denkende Menschen aus den westlichen Industrienationen in den 60er und 70er Jahren, die dort nach Neuorientierung suchten.

Trotz der gewaltigen Errungenschaften in der Landwirtschaft war Israel aber nicht dazu prädestiniert, nur Agrarland zu bleiben. Das Kulturleben blühte bald in den größten Städten auf, als verstärkt ab den 30er Jahren Scharen von Emigranten aus Ost- und Westeuropa in den Vorstaat Palästina hinein strömten, wie das Foto des von mehreren Häfen abgelehnten Viehtransporters "Parita" mit seinen 850 illegalen Flüchtlingen an Bord eindrucksvoll zeigt, während diese versuchen, das Schiff vor Tel Aviv auf Strand zu setzen.

Bezeichnend für den Willen, das Kulturerbe in die neue Heimat hinüber zu retten, war die Gründung der Palestine Philarmonic Orchestra im Jahre 1936. 40 Jahre lang war Rudi Weissenstein dessen offizieller Fotograf, nachdem er den lichtscheuen Toscanini, der sie dirigierte, ohne Blitzlicht fotografierte. Das mit geflohenen jüdischen Musikern besetzte Ensemble, aus dem das berühmte Israel Philharmonic Orchestra hervorging, gastierte sogar in der Wüste. Das Bild eines Konzerts vor der Jewish Brigade unter britischem Kommando am Vorabend ihres Abmarsches zum italienischen Kriegsschauplatz hat dieses Ereignis festgehalten.
Nicht weniger bezeichnend dafür ist die Architektur Tel Avivs, die Rudi Weissenstein in unzähligen Aufnahmen verewigt hat. In der "Weißen Stadt" befindet sich die dichteste Anhäufung von Gebäuden im Bauhausstil, weshalb sie auch von der Unesco zum "Weltkulturerbe" der Menschheit erklärt wurde.

Rudi Weissensteins Bestreben war Zeit seines Lebens die Geschichte von Erez Israel zu dokumentieren. Sein vielfältiges, facettenreiches Gesicht zu zeigen. Die historischen und religiösen Stätte, die die Spuren der Vergangenheit in sich tragen, und das Neue im Werden: Die Klagemauer neben dem Morgengebet auf dem Masada-Gipfel, den ersten modernen Flughafen Tel Avivs, den elegante Rotschild Boulevard, Modeschauen in den Fünfziger Jahren, Theater, Straßen und Strände. Urbane Visionen neben atemberaubenden Naturlandschaften, die Welt der Arbeit in Fabriken und auf dem Ackerfeld. Und die vielen, vielen Menschen, die ihrer Beschäftigung nachgehen, aber auch das Leben in vollen Zügen genießen. Oder jenen sehr bewegenden, erschöpften alten Einwanderer, den Rudi Weissenstein "Juden auf Wanderschaft" zu nennen pflegte und dem seine ganze Vorliebe galt.

Schließlich die Portraits der Politiker, die das Schicksal des Landes in ihren Händen trugen: von Golda Meir bis zu Yizhak Rabin und Teddy Kollek. Vor allen anderen David Ben Gurion, aufgezeichnet in seiner Bibliothek und bei der Verkündung der Unabhängigkeit des Staates Israel: Das historische Foto, das Weissensteins Ruhm festigte.

Auf diese aneinanderprallenden, äußerst ergiebigen Kontraste setzt diese Werkschau, deren Idee und Konzept auf Rachel Heller zurückgeht. Ihr kam bei der schwierigen Auswahl nicht nur die Erfahrung als Malerin und die Kompetenz als Kunstphotographin zugute, sondern auch der Umstand, dass sie die Geschichte Israels persönlich miterlebt hat. Wie Rudi Weissenstein war sie sozusagen von der ersten Stunde an dabei.

Das mit einer Viertelmillion Negativfilmen bestücktes Archiv der Familie Weissenstein ist das visuelle Gedächtnis des jüdischen Staates. Es befindet sich im "PHOTOHAUS PRIOR" in der Allenby Street 30, im Herzen von Tel Aviv. Der Ort ist mit den Jahren zu einer Art Pilgerstätte für Forscher, Journalisten oder Filmemacher auf der Suche nach authentischen Zeugnissen einer schwierigen, aber immer noch äußerst faszinierenden Geschichte avanciert. In dem berühmten Fotoladen, das in Kürze abgerissen werden soll, ist immer noch die 94jährige Miriam, Rudi Weissensteins Witwe, anzutreffen. Mit ihrer außerordentlichen Persönlichkeit und Vitalität ist die gebürtige Pragerin eine unerschöpfliche Quelle nicht nur an Informationen, sondern auch an Anekdoten aus einem Tag für Tag erlebten Abenteuer an der Seite des bekanntesten Fotoreporters Israels.

Nachzulesen in dem Bilderbuch mit Texten in englischer Sprache "Rudi Weissenstein – Israels Early Photographs", das pünktlich zu dieser Ausstellung erschienen ist:
"Rudi Weissenstein - Israel Early Photographs, Written and edited by: Ori Dvir
Modan Publishing House 2008"

Die Ausstellung wird am 10.04.2008 um 18.00 Uhr im Lichthof der Pasinger Fabrik eröffnet. Begrüßung: Prof. Dr. Emmanuel Heller, ZZIK, Einführung: Dr. Anna Zanco Prestel, Pro Arte e.V.
Die Ausstellung ist von 11.04. – 04.05. tägl. zwischen 10.00 – 23.00 Uhr im Lichthof der Pasinger Fabrik, August-Exter-Str. 1, München, zu sehen. Eintritt frei.


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Fotos: © Prior PhotoHouse

Rudi Weissenstein:
Tsalmania in Tel Aviv
Das bekannteste Foto Weissensteins ist 54 Jahre alt und zeigt den Moment der Unabhängigkeitserklärung: Ben Gurion - unter dem Porträt von Theodor Herzl stehend - proklamiert den Staat Israel...

Category: Veranstaltungen
Posted 04/09/08 by: admin



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