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Den Hass durchleuchtet

Nach den pogromartigen Szenen von Mügeln scheuten sich viele, die Gruppe der rassistischen Angreifer als rechtsextrem zu kategorisieren. Für manche Beobachter existiert eine rechtsextreme Gesinnung nur in Zusammenhang mit NPD-Parteibuch oder Skinhead-Subkultur...

Von T. Lenk

Dass rechtsextreme Einstellungen aber auch ohne derlei auskommen können, zeigt uns der Autor Matthias Möller in seinem aus seiner Magisterarbeit entstandenem Buch "Ein recht direktes Völkchen?" In diesem geht es um die Darstellung und Interpretation der Ereignisse in Mannheim-Schönau durch die verschiedenen beteiligten Parteien.

Zur Erinnerung: Im Frühsommer 1992 hatten die Bewohner des Mannheimer Viertels Schönau ihren Stadtteil über eine Woche in den Ausnahmezustand versetzt, weil sie mehrfach versuchten, eine Flüchtlingsunterkunft und ihre Bewohner anzugreifen. Dabei waren organisierte Rechtsextreme aber kaum involviert. Vertreter der NPD wurden erst eine Woche nach Ausbruch der Gewalt vor Ort gesichtet.

Interessant ist auch, dass ein Teil der Angreifer einen migrantischen Hintergrund hatte. Von den Bewohnern des Viertels hatten laut Autor damals 17% keinen deutschen Pass. Auf der anderen Seite war Schönau damals auch eine relative REPs-Wählerhochburg. Dies erfährt man im ersten Teil des Buches, in dem der Autor die Ereignisse noch einmal chronologisch aufrollt und die Hintergründe beleuchtet. So geht Möller auch darauf ein, dass Mannheim-Schönau ein traditionelles Arbeiterviertel und ein sozial vernachlässigtes Viertel ist.

Anfangs scheint der Konflikt zum großen Teil eher einer zwischen Schönauer und den Flüchtlingen, bzw. zwischen Alteingesessenen und Auswärtigen, gewesen zu sein. Andererseits kam es schon früh zu xenophoben Parolen. Und der faktisch nicht begründbare Sozialneid und die Eifersucht scheinen durch alte rassistische Klischees und Stereotype über Flüchtlinge und Asylbewerber stark angeheizt worden zu sein. Die Einordnung der Flüchtlinge ganz unten in der Hackordnung der Viertel-Bewohner, Chauvinismus gegenüber den Neuankömmlingen, das Gerücht um eine angebliche Vergewaltigung von einer der "ihren" durch einen Flüchtling und die bierseelige Atmosphäre am Vatertag führten schließlich zum offenen Ausbruch des Hasses.

Bis zu 500 Schaulustige und Sympathisanten, darunter konfrontative und bewaffnete Angreifern, sammelten sich über eine Woche Tag für Tag vor der Flüchtlingsunterkunft. Durch das schnelle Handeln der Polizei konnte aber ein Eindringen in die Flüchtlingsunterkunft verhindert werden.
Mit etwas Verspätung reagierte die Linke und versuchten zu intervenieren. Dadurch wurde mehr Medienaufmerksamkeit erzwungen, aber der Focus verlagerte sich schnell auch von den eigentlichen Ereignissen zu den Demonstrationen und Kundgebungen der linken Flüchtlings-UnterstützerInnen. Unter den Linken kam es damals zu Verletzten sowohl durch die Polizei, als auch mehrmals durch den Schönauer Mob.

In dem Konflikt gab es sehr unterschiedliche Konfliktparteien und Interessensgruppen. Diese und deren Sicht auf den Konflikt stellt der Autor im Hauptteil kritisch dar.

Eine dieser Gruppen ist die Presse in Gestalt der lokalen Tageszeitung "Mannheimer Morgen", die im Mannheimer Stadtgebiet ein faktisches Monopol hat. Die Berichte im "Mannheimer Morgen" neigten nach Auswertung des Autors dazu das Geschehen entpolitisiert dazustellen. Schnell verlagerte sich auch der Focus auf "angereiste Gewalttäter" und mit deutlich antilinken Reflexen wurde die Forderung nach mehr Repressionen gegen die AntirassistInnen gestellt. Den Linken wurde im "Mannheimer Morgen" auch allgemein eine ernsthafte Sorge um das Schicksal der Flüchtlinge abgesprochen und ihr Engagement zugunsten der Heimbewohner wurde als politische Instrumentalisierung interpretiert.

Auch die Polizei neigte dazu, das Geschehen in Schönau selbst zu entpolitisieren und herunterzufahren. Möller zeigt auf, dass eine Bewaffnung der Schönauer bei der Polizei als normal, bei den Linken aber als außergewöhnlich angesehen wurde. Der Autor scheut sich nicht, auf exzessive Polizeigewalt gegen die antirassistischen Demonstranten aufmerksam zu machen. Die Flüchtlingsgegner hingegen wurden immer nur abgedrängt und kamen auffällig straflos davon, bis auf eine Person deren Verfahren gegen die Auflage von 60 Arbeitsstunden eingestellt wurde.

Danach schenkt der Autor der Mannheimer Stadtverwaltung in Person des Oberbürgermeisters seine kritische Aufmerksamkeit. Dieser, so das Fazit, übte sich zwar in Deeskalation, aber sein Verständnis stand auf Seiten der Schönauer und die Flüchtlinge wurden als Ursache des Problems angesehen.

Allgemein findet sich bei der Presse, Polizei und der Stadtverwaltung laut Autor eine Herunterspielung und Überbetonung. Auch auffällig ist eine Exterritorialisierung, die dazu führte, dass man auswärtige Linke und Rechte vor allem in der Verantwortung sah.

Die örtlichen Repräsentanten aus Schönau befragte der Autor ebenfalls nach ihrer Sicht der Dinge. Dabei verwiesen diese häufig auf die sozialen Probleme des Viertels als Ursache, aber nur selten auf die Flüchtlinge selbst. Eine Sicht ganz im Gegenteil zu der von Polizei, Stadtverwaltung und Presse. Doch die Schönauer Repräsentanten neigen auch dazu, den Konflikt zu exterritorialisieren und die Aktionen ihrer Mitbewohner als spontane Entwicklung darzustellen.

Im nächsten Abschnitt versucht der Autor auch die Sicht der Flüchtlinge einzubeziehen. Vermutlich um darauf aufmerksam zu machen, dass die Flüchtlinge nicht nur Opfer, sondern auch handelnde Subjekte waren. Leider gelingt es dem Autor, aus nachvollziehbaren Gründen nur wenige Betroffene zu interviewen. Aus den Interviews wird klar, dass die ohnehin traumatisierten Flüchtlinge durch die Angriffe psychische Schäden davontrugen und unzureichend über die Lage informiert waren.

Zuletzt wird die Position der Linken beleuchtet. Wobei hier auch zwischen verschiedenen Strömungen zu unterscheiden ist. Eher traditionelle Linke interpretierten die Ereignisse als fehlgeleiteten sozialen Unmut, während die autonome Linke der aufgebrachten Schönauer Menge teilweise generell völkische Motive unterstellte. Teilweise scheinen die vorher stattgefundenen Ereignisse von Hoyerswerda als Schablone für die in Mannheim-Schönau angelegt worden zu sein.

Die an einigen Stellen vom Autor bei den Schönauern geschilderte Aggression speziell gegen Schwarzafrikaner und Farbige ("Neger") lässt beim Leser die Vermutung wach werden, dass bei den Ereignissen eine bestimmte Spielart des Rassismus eine starke Rolle spielt. Wenn sich die geschilderten Hass-Explosionen gegen die Heim-Bewohner vor allem gegen dunkelhäutige Menschen gerichtet haben, dann ist dieser Hass auch für nicht-afrikanische MigrantInnen anschlussfähig und würde die Beteiligung dieser erklären.

Die in dem Buch zitierten Parolen gegen "Neger" können nämlich durchaus, wie der Autor auf Seite 56/57 nachweist, auch von eingewanderten Griechen, Italienern oder Türken geäußert werden. Bei den Vergewaltigungsvorwürfen gegen einen ghananesischen Flüchtling scheint das Bild vom schwarzen Mann mit sexueller Omnipotenz bzw. als lustbesessener Triebtäter durch. Ein spätestens seit Ende des ersten Weltkrieges in Deutschland tradiertes rassistisches Feindbild.
Wie sich bei der Beschäftigung mit Frauen und Mädchen und Rechtsextremismus herausgestellt hat, existiert dieses Feindbild, als ein besonderes weibliches Feindbild, nämlich das des fremden ausländischen Mannes und Vergewaltigers.

In diesem Zusammenhang wäre es auch wichtig gewesen die Frage nach der genauen Beteiligung von Frauen und Mädchen in der Auseinandersetzung, speziell auf Seiten der Angreifer zu klären. Zwar waren diese fast ausschließlich männliche Jugendliche, aber könnten sich Frauen und Mädchen durch Anfeuern und Anheizen der Menge beteiligt haben. Der Autor weist durch die Verwendung der Endung "Innen" oder das Weglassen zwar darauf hin, aber ein genauerer Blick, ja evtl. eine Analyse mit wissenschaftlich-feministischen Ansatz wäre überlegenswert. Aber das wäre vermutlich eine eigene Arbeit.

Insgesamt ist das Buch von Matthias Möller überaus lesenswert. Und wenn neue Fragen durch eine Buchlektüre entstehen, ist das eher ein Indiz für dessen Vielschichtigkeit. Am Ende stellt Möller die Frage ob die Ereignisse von 1992 in Mannheim unpolitische Randale, soziale Proteste oder ein Pogrom darstellen und kommt zu einer differenzierten Bewertung. Das ist es auch, was die Qualität des Buches ausmacht. Bei einer klaren Verurteilung der Angriffe auf die Flüchtlinge schaut der Autor doch auch nach den Ursachen und entlarvt daneben die Haltung von Polizei, Stadtverwaltung und Lokalpresse als eindeutig parteiisch.

Matthias Möller: "Ein recht direktes Völkchen"? Mannheim-Schönau und die Darstellung kollektiver Gewalt gegen Flüchtlinge, Trotzdem-Verlag, Grafenau / Frankfurt a. M. 2007, ISBN: 978-3-931786-41-0

Category: Bücher
Posted 12/11/07 by: admin



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