Man darf doch wohl noch Fantasie produzieren... Also stell sich einer den Sedertisch vor. Am Kopfende hockt der adrett gekleidete Familienvater, an dessen rechter Seite sein liebendes Eheweib, auf den weiteren Plätzen die in ihren Sitzen fixierten Kleinkinder, desweiteren ein befreundetes Ehepaar mit weiteren Bekannten, zu Gast in Bayern, summa sumarum 8 Personen mit gemischtem religiösen Hintergrund...

Das Wasser zum Händewaschen wird gebracht, die Kinder brüllen abwechselnd, die Brachot hört man, aber auch das "Was ist so viel anders, heute Nacht als sonst... etc. " - da fällt das elektrische Licht aus, und im blassen Flackern der Kerzen wundern sich alle leicht amüsiert. Der Kühlschrank sollte nicht geöffnet werden, denn man weiß nicht, wie lange so etwas dauern könnte.

Keiner denkt daran, daß ausgerechnet zur Sedernacht die Welt untergehen könnte. Natürlich fängt dies mit einem Stromausfall an. Hier kommt die ernüchternde Erklärung: Durch das Abschmilzen der Polkappen kippt die Erde aus ihrem Gleichgewicht und gerät ins Trudeln. Das Meer läuft zwar nicht aus den Tiefen über die Landflächen, jedoch verliert der Erdball seine Bahn -"linie" um die Sonne und entfernt sich stärker als bisher von der gewohnten Elypse. Sich der Sonne allzusehr annähern bedeutet starke Störungen in den Stromnetzen, aber auch heftiges Erwärmen und alsbaldiges Verdunsten .... den Rest kennt man.

Schon hätten wir die Antwort auf die Frage, was denn an dieser Nacht so sehr anders wäre als in all den vorherigen Nächten. Aber so kommt es wohl kaum. Elijahu der Prophet kommt sturzbetrunken vorbei, wie sonst auch, kippt seinen Becher Rotwein herunter und torkelt zur nächsten, frömmelnden Familie. Ein Kind entzieht dem Vater den Afikoman unter dem Sitzkissen - dieser lässt es geschehen. Der Auszug aus Ägypten wird vorgelesen, die vier Söhne bekommen in einer Erzählung ihr Fett weg, das vierte Glas Rotwein wird geleert und die Welt irrt weiter, völlig regulär um die Sonne, bis letztere endlich kalt ist, was noch gute 50 Millionen Jahre dauern soll.

Bis dahin werden die Menschen mit dem Weltuntergang zu leben gelernt, andere Planeten besiedeln und die Geschichten aus der Torah den neuen Gegebenheiten angepasst haben. So lernt man nebenbei, daß es immer völlig anders kommt, und sich daran jedoch so schnell nichts ändern wird. Womit wir wieder bei der Frage sind: Was ist diese Nacht anders als in all den anderen Nächten...