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Wiedersehen zu Rosh HaShana

Ich bin angekommen. Spätestens seit gestern Abend weiß ich das. Ich lebe jetzt im Land meiner Väter – genau genommen im Land meiner Mutter und ihrer Familie – also auch im Land meiner Tanten und Onkel, Großonkel, Großtanten, Cousinen und deren Ehemänner, deren Kinder und auch Freunden ihrer Kindern. Das ist unüberhörbar. Auch wenn meine Verwandtschaft meint, dieses Jahr hätten wir doch wirklich ein schönes und ruhiges Rosh HaShana gefeiert....

Nirit Sommerfelds Geschichten aus dem Milch-und-Honig-Land

Stimmt. Gestritten wurde diesmal gar nicht, auch wenn mein europäisch geschultes Ohr den Lärmpegel nicht unbedingt als 'friedliches Beisammensein' dechiffrieren konnte. Nun, an der Kommunikationsfähigkeit hierzulande liegt ja ohnehin der Pudel begraben, oder wie sagt man? Egal...

Jedenfalls war die Wiedersehensfreude groß, alle waren gekommen, um uns Neueinwanderer zu begrüßen und mit uns den Beginn des Neuen Jahres 5768 zu feiern: Die Geschwister meiner Mutter mit Eheleuten, Kindern, Kindeskindern, Schwiegerkindern; kurzum, wir waren gezählte 25 Leute, allerdings eine gefühlte und gehörte Hundertschaft. Vier davon waren Kleinkinder, um deren Wohl sich pro Kind mindestens vier besorgte Großmütter oder – je nach Verwandtschaftsgrad – Großtanten oder Großcousinen lautstark kümmerten (von den jeweiligen vier Müttern mal abgesehen). Die Kleinen waren vor Beginn der Feier natürlich hungrig und mussten schon mal kosten. Das wiederum regte etwa sieben Opas und Onkel auf (schließlich haben die entweder Manieren oder wollen zumindest auch das Recht des Vorkosters in Anspruch nehmen), was die paar jungen Wilden auf die Barrikaden brachte, denn: Wenn alle vorkosten, dann wollen wir auch! Nebenbei wollten alle – gleichzeitig, versteht sich – wissen, ob wir gut angekommen seien, uns schon in den zwei Tagen an die Hitze gewöhnt, eine Wohnung und eine Schule für Stella gefunden hätten und ob wir immer noch optimistisch seien, was dieses Land betrifft.
- Ach ja?!
- Das wird Euch schon noch vergehen.

Der Familienälteste, mein Onkel Eli, an diesem Tag nach einem Herzinfarkt vom Krankenhaus entlassen, las wie immer die Segenssprüche. Ich erinnere mich gut an die Freitagabende Ende der Sechziger, als ich für einige Zeit bei meiner Groß- und Urgroßmutter in Tel Aviv wohnte; die Shabbat-Kerzen brannten, der Tisch war feierlich gedeckt, wir alle standen um ihn herum und lauschten dem Gebet und den Segenssprüchen aus Onkel Elis Mund. Dann tischte meine von allen verehrte Urgroßmutter, genannt Mamma, ihre unvergleichliche Hühnersuppe auf, gefolgt von anderen herrlich duftenden Köstlichkeiten, die sie nach alten überlieferten Rezepten ihrer marokkanischen Vorfahren meisterhaft zubereitete, streng kosher, versteht sich.

Diesmal drang Onkel Elis Stimme kaum durch das Vocalchaos durch. Hin und wieder war ein pssssst! zu vernehmen, zehn Sekunden später hatte der Lärm wieder seinen Pegel erreicht. Während die Rebe des Weinstockes gepriesen wurde, wollte die Frau meines Cousins wissen, wie viel wir für Übergepäck gezahlt hätten. Als der Herr gelobt wurde, weil er die Erdfrucht erschaffen hatte, stieß die Zweijährige gegen die 2-Liter-Colaflasche und rief die Hausfrauen auf den Plan.

Zu diesem Zeitpunkt bogen sich die Tische bereits. Tante Mika, unsere Gastgeberin und Frau meines Onkels Yossi, eine 'Polnische', hatte viele Jahre Gelegenheit gehabt, Mamma beim Kochen über die Schulter und in die Kochtöpfe zu gucken. Sie hatte eine Unzahl an herrlichen Gerichten für diesen Abend vorbereitet: Spinatklöße in Curcumasoße, gefüllte Artischockenböden, gebratene Lauchplätzchen, bunte Salate, Fisch in Koriandertunke, in grünen Oliven geschmortes Huhn, Rinderbraten, Rindergulasch, Kartoffeln in Aprikosenmarmelade, Kürbisgemüse mit Dörrpflaumen und vieles mehr. Zur Nachspeise gab es zu süßem Tee mit Na'ana – der hier wachsenden Pfefferminzart – Schokoladenkuchen, Karottenschnittchen und Baklawa.

Es ging auf Mitternacht zu, als Onkel Eli die symbolischen Bedeutungen der einzelnen Speisen zu erklären versuchte, doch da war die Hälfte der Tischgesellschaft bereits zum Rauchen aufs Hausdach gegangen. Mein Cousin und die Männer meiner Cousinen standen um meinen geliebten Mann herum und wollten endlich wissen, was ihn, ihn als Deutschen, denn nun wirklich dazu bewogen habe, diesen Schritt nach Israel zu wagen. Wie könne man freiwillig in dieses Land kommen und Europa verlassen – dieses saubere, ordentliche Europa, in dem alles geregelt sei, die Luft frisch und kühl, die Arbeitsbedingungen hervorragend, das Geld mehr wert, die Autos poliert.... Ob irgendwer ernsthaft eine Antwort erwartet hat, ist ungewiss. Aber es wurden lauthals die Vorteile des Westens erörtert, jeder wusste aus eigener Erfahrung so ziemlich alles über das Leben in 'Ausland' (der Allgemeinbegriff für jedes außerisraelische Land heißt hier 'Ausland'). Schließlich gelangte man einhellig (obwohl es nach größter Zwietracht klang) zu der Erkenntnis, dass es überall anders besser sei zu leben, aber auch dass es nirgendwo auf der Welt besser sei als in Israel.

Klingt wie ein Widerspruch?! Ist es auch. Derlei sollte ich in den kommenden Wochen noch öfter begegnen. Israel ist das Land der Widersprüche, nein, es ist ein Widerspruch in sich, praktisch in jeder Hinsicht: politisch, kulturell, ethnisch, ja sogar geografisch. Aber davon ein andermal mehr...

Der Abend neigte sich seinem Ende entgegen. Die Sicht auf dem Dach war gut, man konnte die Lichter entlang des Grenzzauns zu den Palästinensergebieten erkennen. Eine Diskussion zu diesem Thema wollte ich an diesem Abend nicht eröffnen. Denn es war tatsächlich etwas stiller geworden und ich wollte die Ruhe nicht stören, die alles so friedlich erscheinen ließ.

In der Küche wurden große Mengen von Essen in Plastikbehälter verstaut und den einzelnen Familien mitgegeben. Schlafende Kinder hingen über den Schultern ihrer Väter, es wurde geküsst und umarmt; wir sollten uns melden, wenn wir was bräuchten,... und es ist ja so schön, dass Ihr endlich hier seid, obwohl Ihr verrückt sein müsst, aber es sei mit Sicherheit die richtige Entscheidung gewesen.
- Wie bitte?!

Ach ja, willkommen in Israel!

So klingt das hier. Unüberhörbar.

Category: General
Posted 10/15/07 by: admin



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