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Judentum und Israel
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Katin choser: Das Kleinkind kehrt heim

Im Alter von acht Jahren habe ich Israel offiziell verlassen. Damals zogen meine Eltern in einen Vorort von München und ließen unsere israelische, vor allem aber unsere jüdische Identität Vergangenheit sein...

Nirit Sommerfelds Geschichten aus dem Milch-und-Honig-Land

37 Jahre später kehre ich zurück und bekomme von der Einwanderungsbehörde den Status "Katin choser" zugewiesen: ich bin eine "rückkehrende Minderjährige".
Zugegeben, ich war in letzter Zeit schon einige Male zögernd am Regal der Anti-Aging-Nachtcremes vorbei gegangen; dass mein Wunsch nach lang anhaltender Jugend jedoch so schnell und radikal erfüllt werden sollte, damit hatte ich nicht gerechnet.

Nun bin ich also eine Minderjährige.... Moment mal, ich bin verheiratet! Meine älteste Tochter ist selbst schon nicht mehr minderjährig und meine 13-Jährige mausert sich deutlich in Richtung junge Frau! Wenn die mich als Minderjährige betrachten, dann bekomme ich womöglich einen Vormund und demnächst die Einberufung ins Militär!! Meine größte Sorge galt jedoch meinem geliebten Mann: Was würden sie mit ihm machen, wenn er an der Passkontrolle steht und sie mitbekommen, dass er – ein Deutscher, kein Jude und noch nicht einmal der leibliche Vater der 13-Jährigen – mit einer Minderjährigen einreisen will?!

Meine Befürchtungen waren natürlich alle umsonst. Von Angesicht zu Angesicht hatte keiner mehr den geringsten Zweifel, dass ich meine Jugend schon lange hinter mir gelassen hatte; das nächste Mal zögere ich nicht mehr bei den Anti-Aging-Cremes. Und die Ehe mit einer Minderjährigen kümmert hier auch keinen – es gibt sie nämlich gar nicht. In meinem nagelneuen israelischen Personalausweis steht nämlich, dass ich ledig und alleinerziehend bin.

Trotz zahlloser Abschriften unserer Eheschließung mit und ohne Beglaubigungen wird unsere Ehe hier in Israel nicht anerkannt. Jedenfalls noch nicht. Denn für die Anerkennung brauchen wir eine Apostile. Noch nie gehört? Ich bis vor kurzem auch nicht. Jetzt kann ich Geschichten drüber schreiben.

Eine Apostile ist so etwas wie ein Siegel, mit dem ein ziemlich hoher Beamter bestätigt, dass die Unterschrift eines nicht ganz so hohen Beamten auf einer Urkunde rechtens und richtig und überhaupt echt ist. Wir brauchen eine Apostile auf unserer internationalen Heiratsurkunde. Also habe ich von Israel aus den Standesbeamten angerufen, der uns in einer kleinen oberbayerischen Gemeinde – nennen wir sie Z. – vor anderthalb Jahren getraut hat. Der freundliche und äußerst hilfsbereite Herr S. erklärte mir, ich bräuchte nur im Landratsamt E. eine Vorbeglaubigung einholen, daraufhin würde ich umgehend die Apostile von der Regierung von Oberbayern erhalten. Von der Regierung persönlich! Ich war beeindruckt.

Ich rief im Landratsamt an. Ich habe etwas gegen E., das gebe ich zu. Aber daran kann es nicht gelegen haben. Die Frau in der Zentrale, jung und dumm, erklärte mir im breitesten Oberbayerisch (das ich selbst perfekt beherrsche), es gäbe keine Vorbeglaubigungsstelle, sie sei sich da ganz sicher. Das hat sie so nicht gesagt. Sie sagte: "Weenn's dees gaabad, no dat i des wissn." Nachdem ich sie dazu gebracht hatte, mich zu allen möglichen Nebenstellen zu verbinden (die Menschen an den Telefonen dort wussten auch nichts von Vorbeglaubigungen) und ich schließlich wieder bei ihr landete und ihren Vorgesetzten verlangte, meinte sie um kurz vor zwölf, jetzt seien alle schon zu Tisch. "Probiern'Sas hoid schbaader nommoi."

"Schbaader" konnte ich nicht, da war ich auf israelischen Behörden in Tel Aviv unterwegs – aber davon ein andermal. Tags drauf rief ich erst mal bei der Regierung von Oberbayern an. Die hat bei der Durchwahl für Apostilen einen sehr beflissenen Schwaben da sitzen, der sich richtig gut auskennt. Ich sollte bei besagtem Landratsamt nicht nach der Vorbeglaubigungs-, sondern nach der Standesamtsaufsichtsstelle (mein Schreibprogramm kennt dieses Wort, beeindruckend!) fragen. Das war das Zauberwort. Ich kam an der jungen Dummen vorbei und landete bei Frau P., für die das alles keine böhmischen Dörfer waren; sie instruierte mich professionell durch die verschiedenen Schritte hindurch, ich könne sogar alles postalisch erledigen. Nur: die vielen beglaubigten Kopien meiner Heiratsurkunde nützten mir gar nichts, ich bräuchte für die Apostile eine Abschrift, die nicht älter als sechs Monate sei, und die wiederum bekäme ich bei Herrn S. in Z.. Ich wähle also die Nummer von Herrn S., denke mir: die Klippe ist ja leicht zu nehmen, Herr S. hat mich getraut, kann sich gut an mich erinnern, hatte damals gesagt: "So a sauberne Braut!"... der macht das schnell und unbürokratisch für mich...

Hätte er auch gerne getan. Wenn nicht das Familienbuch mittlerweile in München gelandet wäre, uns hinterher gezogen vor einem Jahr. Allerdings könnte es schon wieder auf dem Weg nach Z. sein, da gerade ein neues Gesetz herausgekommen sei, das besagt, dass das Familienbuch da zu bleiben habe, wo geheiratet wurde. Wie komme ich jetzt an meine Abschrift?! Herr S. ist wirklich sehr nett. Er kümmert sich persönlich darum, wenn er in zwei Wochen aus seinem Urlaub wieder kommt. Bis dahin bleibe ich unverheiratet, minderjährig und alleinerziehend.

Category: General
Posted 09/24/07 by: admin



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Comments

wrote:
Phantastisch! Mich erinnert das an einige Absurditaeten als ich eingewandert bin.
Das Wort Apostille habe ich seither niemehr gehoert.
09/25/07 13:06:02

wrote:
Klasse, ihr Buchbinder Wanninger.
10/01/07 21:37:34

wrote:
Ist ja toll, aber die Geschichten aus der Slowakei, wo ich jetzt lebe, sind ja noch wahnsinniger!!!
10/03/07 14:06:52

Dimitrij wrote:
Na immerhin sind das nicht die israelischen Behörden, da würde alles noch schlimmer verlaufen und dann nichteinmal funktionieren. ;)
03/09/08 00:21:48

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