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15/03: "Geschichte der Juden" -- mit einigen Schönheitsfehlern!

Das Interesse an Jüdischem ist in deutschen Landen, in bestimmten Bevölkerungskreisen, erfreulich groß. Ist es doch so, dass man etwas, das man kennt, nicht verteufelt und ihm Dämonisches zuschreibt oder aber es total verkennt und als Ungeziefer bezeichnet und sich die Freiheit nimmt, es wie Ungeziefer zu vernichten. Ist man dagegen mit Geschichte und Bräuchen einer bestimmten Menschengruppe vertraut, verliert sie das Geheimnisvolle, das u.U. Bedrohliche...

von Miriam Magall

Deshalb ist jede Initiative zu begrüßen, die es sich zum Ziel setzt, die Geschichte des jüdischen Volkes nachzuzeichnen, wie es jetzt in der 5- bzw. 6-teiligen Doku-Serie, von arte an zwei Abenden, von der ARD an sechs Abenden ausgestrahlt, geschieht. Es ist ein lobenswertes Unterfangen, bei dem versucht wird, die Geschichte des jüdischen Volkes von Moses im Jahr 1440 v.d.Z. bis in die Neuzeit, also beinahe 3600 Jahre Geschichte, darzustellen.

Dabei wäre allerdings anzumerken, dass Juden selbst ihre Geschichte im Allgemeinen auf Abraham zurückzuführen pflegen, der gegen 1883 v.d.Z. in Kanaan eintrifft. Denn dieser Stammvater der Juden wird von Nichtjuden bei der Darstellung jüdischer Geschichte gerne vergessen. Zwar stimmt es, dass die Geschichte der drei Erzväter der Juden, Abraham, Isaak und Jakob, in noch dunklerem Dunkel liegt als die der Kinder Israel in Ägpyten und ihr Auszug aus Ägypten und anhand historischer Belege oder archäologischer Ausgrabungen kaum zu belegen ist. Außerdem handelt es sich noch um eine reine Familiengeschichte, nicht um ein Volk. Aber zumindest aus jüdischer Sicht kommt mit Stammvater Abraham der Monotheismus, d.h. der Glaube an den einzigen und alleinigen G-tt, dessen Name so heilig ist, dass er von gewöhnlichen Sterblichen nicht einmal in den Mund genommen werden darf, in die Welt. Stammvater Abraham ist sein Erfinder, Moses sein Vollstrecker. Das sind jedoch Dinge, die für Nichtjuden bei der Darstellung der Geschichte des jüdischen Volkes generell keine Rolle spielen. Für sie beginnt die Geschichte des jüdischen Volkes mit Moses und dem Auszug aus Ägypten. Sei’s drum.

Beginnen wir beim Anfang, beim Auszug aus Ägypten. Zur Erinnerung an dieses Ereignis begeht das jüdische Volk bis zum heutigen Tag, gleichgültig, in welcher Gegend der Erdkugel es auch leben mag, das Pessach-Fest. Eröffnet wird es am Vorabend mit dem Seder-Abend, einer Feier mit Festmahlzeit am Abend davor, wie jedes jüdische Fest und wie jeder Schabbath.

Teil I - Die Speisen, so ist in der Doku-Reihe zu erfahren, erinnern an ägyptisches Leben. Eigentlich nicht, wage ich einzuwerfen. Sie symbolisieren das Sklavendasein der Israeliten in Ägypten. Das gilt für die Bitterkräuter genauso wie für das Salzwasser, in das die hartgekochten Eier getunkt werden, und auch für das besondere Brot, das Juden 7 bzw. 8 Tage lang essen, das übrigens passend als Lechem Oni, „Brot der Armut“, definiert wird. Von ägyptischem Leben also keine Spur, wohl aber, s.o., vom elenden Leben der Israeliten als Sklaven in Ägpyten. Ein kleiner, aber feiner Unterschied!

Im dritten Monat, ist im Film zu erfahren, treffen die Israeliten am Berg Sinai ein. Ich bin zwar nicht gut im Rechnen, wenn ich mich jedoch nicht sehr täusche, liegen zwischen dem Pessach-Fest und dem Wochenfest, an dem der Empfang der Thora durch die Israeliten traditionell stattfand, insgesamt 7 Wochen bzw. 50 Tage, d.h. die Israeliten trafen im zweiten Monat beim Berg Sinai ein.

Wann immer es um Bibelarchäologie geht, wird seit Kurzem gerne und oft der israelische Archäologe Israel Finkelstein zitiert -- vor allem im Spiegel und bei arte. So auch in dieser Doku-Serie. Dort wiederholt er seine, mir nur allzu gut bekannten Thesen (die Gründe dafür s.u.), wonach es weder einen Auszug noch eine Landnahme gegeben habe, wonach David nichts als ein Unruhestifter und ein armseliger Straßenräuber gewesen sei und wonach die Stadt Jerusalem ein ebenso armseliges Dorf gewesen sein muss. Schließlich habe man keinerlei Reste von dem prachtvollen Jerusalem aus Davids Zeit, geschweige denn Überreste von Salomos herrlichem Tempel gefunden. Dabei übersieht Finkelstein und mit ihm all jene, die ihn so gerne zitieren, dass sowohl die Stätte, an der der Tempel stand, als auch die Davidstadt seither ununterbrochen bewohnt bzw. mit Gebäuden bebaut war. Der Leser wird sich sicher noch an den Aufschrei in der arabischen Welt erinnern, als die Israelis vor knapp zwei Wochen versuchten, die Rampe zum Tempelberg zu reparieren, und vorher Archäologen dorthin schickten, die prüfen sollten, was sich darunter verbarg. Man stelle sich vor, was geschieht, falls die Israelis es je wagen sollten, direkt unter oder auf dem Tempelberg Ausgrabungen durchzuführen! Der Nahe Osten stünde in hellen Flammen!

Als Finkelstein zum dritten Mal zu Wort kommen darf, betont er noch einmal: Salomos Tempel sei äußerst bescheiden und Jerusalem nicht mehr als ein Dorf gewesen. Bis ins 8. Jh. v.d.Z. habe sich die Religion der Israeliten kaum von der der anderen Völker in der Umgebung unterschieden. Im Salomos Tempel in Jerusalem habe im Allerheiligsten ein Abbild des Stiergottes „El“ und neben ihm seine Gattin Aschera, einige sehen sie gar völlig nackt daneben, gestanden!

Diese seine Thesen und noch einige andere hat Finkelstein in einem 2002 bei einem namhaften deutschen Verlag erschienenen Buch mit dem Titel „Keine Posaunen vor Jericho“ propagiert. Als das Buch damals herauskam, hat kein Mensch ihm Beachtung geschenkt. Erst nachdem sowohl der Spiegel als auch arte es ein paar Jahre später entdeckten und sich auf der Stelle darin verliebten -- stärkt es doch ihre Sicht auf Juden, ihre Geschichte und ihre Vorurteile diesen gegenüber -- und immer wieder daraus zitierten, wurde es endlich im Jahr 2007 rezensiert und wird mittlerweile auch von anderen gerne zitiert. Ich als die deutsche Übersetzerin habe mit Finkelstein über den Verlag heftig gestritten und ihn daran erinnert, dass er nur zehn Jahre früher völlig andere Thesen vertrat. Damit schrieb er jedoch keinen Bestseller; mit einem Buch jedoch, dass die Entstehung der Bibel und des Volkes, die es erschuf, in Frage stellt -- klingt irgendwie bekannt, oder? --, dürfte sich sein Bankkonto kräftig aufgefüllt haben.

Natürlich wird die Thora bemüht. Wenn ich mich nicht sehr irre, besteht sie aus den fünf Büchern Moses. Der Tanach, die gesamte Hebräische Bibel, umfasst, zusammen mit der Thora, dagegen 24 Bücher. Was ihre Entstehung angeht, so behauptet die Doku-Serie gleich in ihrem ersten Teil, die Bibel sei nach Esras Ankunft in Jerusalem im Jahr 423 v.d.Z. niedergeschrieben worden. Selbst Finkelstein setzt für ihre schriftliche Version gnädigerweise ein um mindestens 200 Jahre früheres Datum an, andere hebräische Bibelforscher und Sprachwissenschaftler zumindest Teile davon auf noch einmal 200 bis 400 Jahre davor. Und, auch das ist ein wichtiger Punkt, widerspricht er doch den Behauptungen in der Doku-Serie: Als die Hebräische Bibel einschließlich Thora geschrieben wurde, war sie ausschließlich für die Israeliten bestimmt. Alle anderen Völker erfuhren von ihrer Existenz erst, nachdem sie unter Ptolemaios II. Philadelphos, 308--246 v.d.Z., von Juden ins Griechische übersetzt worden war und seither unter der Bezeichnung Septuaginta in die Geschichte eingegangen ist.

Einen ganz besonderen Stellenwert schreiben die Autoren dieses ersten Teils der Doku-Serie der Stadt Marissa zu. Dazu sei die folgende Erklärung gestattet. Dieser Ort ist aus der Hebräischen Bibel als Marescha bekannt. Ausgrabungen ergaben, dass Marescha zur Zeit der Könige von Juda sehr viel kleiner als Lachisch nahebei war. Marescha wurde von den Babyloniern erobert und zerstört, und als die Juden 538 v.d.Z. wieder zurück in ihre Heimat durften, wurde es, wie andere Orte im Negev und im südlichen Juda, eine edomitische Stadt. Später fiel es an die Phöniker. Diese meißelten sich durch die harte Oberfläche des Felsens hindurch, um an den weichen, kalkhaltigen Fels zu gelangen. Sie höhlten ihn aus und verwendeten ihn zum Bau ihres großen Hafens in Aschkelon. Es entstand ein Layrinth tiefer Höhlen mit gemeißelten Wänden und unzähligen Stufen. Zur byzantinischen Zeit wurden diese Höhlen Naturtempel für Einsiedler und Mönche, die Kreuze in die Wände ritzten und Altäre aus dem weichen Fels meißelten. Bald schon legte man auch Grabkammern in Nischen an, die Darstellungen aus der Tierwelt zierten. Eine dieser Höhlen enthält ein Kolumbarium. Juden bewohnten Marissa nach dem Babylonischen Exil nie wieder! Für die Geschichte der Juden spielt es also keine Rolle.

Zum Schluss des ersten Teils geht es auf einen Sprung nach Jerusalem. Erwähnt sei lediglich, dass es eine Reihe von Schönheitsmängeln bei der Beschreibung des Freiheitskampfes der Makkabäer gegen die Seleukiden gegeben hat. Gravierender ist jedoch, dass hier behauptet wird, der Cardo, die große „Einkaufsstraße“ mitten durch Jerusalem, verdanke seine Existenz Herodes dem Großen (36--4 v.d.Z.). Das entspricht nicht den Tatsachen. Vielmehr eroberten die Römer im so genannten Zweiten Jüdischen Krieg, auch Bar-Kochba-Aufstand genannt, die Stadt noch einmal und machten sie endgültig dem Erdboden gleich. An ihrer Stelle entstand die römische Garnisonsstadt Aelia Capitolina, die von zwei großen, sich kreuzenden Straßen durchzogen wurde; eine davon war der inzwischen von israelischen Archäologen wieder ausgegrabene und teilweise restaurierte Cardo. Davon erfährt der interessierte Zuschauer jedoch leider nichts.

Teil II der Doku-Serie beginnt mit der Belagerung Jerusalems im Jahr 70 d.Z. Die Überlebenden des Massakers an ihren Bewohnern flüchten auf die Festung Massada am Toten Meer. Erbaut wurde sie, nicht von Herodes wie der Film meint. Er hat sie nur ausgebaut. Vielmehr verdankt sie ihre Existenz schon den Hasmonäerkönigen davor. Wieder kommt ein israelischer Archäologe zu Wort: Guy Stiebel von der Hebräischen Universität in Jerusalem bezweifelt, ob sich alle Menschen gegenseitig töteten, um nicht den Römern lebend in die Hände zu fallen. Dazu wären zwei Dinge anzumerken. Genau wie die Überlebenden aus Jerusalem haben Juden zur Zeit der Kreuzzüge gehandelt, als sie vor die Wahl gestellt wurden, Taufe oder Tod. Die meisten sind lieber gestorben. Und auch das: Ein anderer israelischer Archäologe hat sich schon lange vor Stiebel eingehend mit Massada befasst und es weitgehend ausgegraben und wiederholt erforscht. Die Rede ist von Yigael Yadin, einem der Gründerväter der israelischen Archäologie. Da er nicht mehr lebt, konnte er natürlich nicht interviewt werden. Aber er und seine Funde auf Massada hätten zumindest erwähnt werden sollen.

Was dann Jehua ha-Nassi und seine Mischna angeht, sei lediglich richtig gestellt, dass er nicht etwa neue Gesetze erfunden hat, wie im Film behauptet, sondern dass er die großartige Tat vollbracht hat, die mündliche Lehre zu ordnen und schriftlich festzuhalten.

Soll man dem Film glauben, dürfen Juden das Fleisch von Tieren essen, die entweder Wiederkäuer sind oder gespaltene Hufe haben! Dieser Lesart zufolge dürften Juden Schweinefleisch essen, denn es ist zwar kein Wiederkäuer, hat aber gespaltene Hufe! Die Hebräische Bibel sagt dagegen ausdrücklich (3. Mose 11,3): Tiere, die Wiederkäuer sind, und gespaltene Hufe haben!

Teil III, der das Mittelalter behandelt, enthält, verglichen mit den beiden ersten Teilen, weitaus weniger Fehler und Mängel.

Zu kritisieren wäre allerdings die Schilderung des Besuchs einer Frau in der Mikve. Sie taucht nicht dreimal in ihr unter, bis die Haare nass sind, sondern nur zweimal, und zwar so tief, dass auch ihre Haare vom Wasser bedeckt werden. Sie „rezitiert dabei auch keinen Lobspruch“, sondern sagt einen Segen. Danach „darf sie nicht etwa wieder ins Bett ihres Mannes“, vielmehr lässt sie danach ihren Mann wieder zu sich. Ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Zu den festen Einrichtungen einer jeder jüdischen Gemeinde gehörte im Mittelalter ein im Volksmund so genanntes Tanzhaus, kein „Spielhaus“, wie im Film erwähnt. In solch einem Tanzhaus fanden die Feiern der Mitglieder wie Brith-Mila, Bar-Mitzva und Hochzeit, aber auch Feste der Gemeinde statt.

Die Autoren der Doku-Serie taufen die spanische Königin Isabel, wie so viele andere vor und vermutlich nach ihnen, auf den italienischen Namen „Isabella“. Spanier sind darüber nicht amüsiert.

In Teil IV erzählt die Doku-Serie das persönliche Schicksal der Doña Gracía Mendes, einer Marranin, die aus Portugal nach Antwerpen flüchtet und von dort weiter über Venedig nach Istanbul. Weder wird ihr Aufenthalt in Ferrara erwähnt, noch ihr Bemühen um den Wiederaufbau von Tiberias in der osmanischen Provinz.

Von Istanbul geht es nach Polen. Komisch nimmt sich das Bild der Richter aus, die am helllichten Tag im Freien bei der Gerichtssitzung einen Tallith über dem Kopf tragen! Und auch die Aussage des Films, Klesmerim spielten bei religiösen Festen auf, entspricht nicht ganz den Tatsachen. Sie spielten auf, durchaus, auf jüdischen Hochzeiten zum Beispiel, aber nicht an religiösen Festen.

Von Polen kommt der Film später nach Amsterdam. Dort gibt es ihm zufolge Synagogen mit Orgelmusik! Die gibt es in der ersten liberalen Synagoge erst im Jahr 1810 in Seesen am Harz! Bei der Trauung tauscht das Brautpaar keine Ringe aus, wie im Film behauptet. Der Bräutigam steckt seiner Braut lediglich einen großen Ehering an den Zeigefinger. Er selbst trägt keinen Ehering. Das ist nur bei Christen der Fall.

Teil V beginnt mit dem Anzünden der Schabbath-Kerzen durch die Hausfrau. Dabei bittet sie nicht um Frieden für ihre Familie, sondern sie sagt einen Segen über den Ewigen, der das Anzünden der Schabbath-Kerzen befohlen hat. Ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Was die Chassidim betrifft, so verdanken sie ihre Entstehung nicht frommen Juden in Russland, sondern in Polen. Der Baal Schem tow, Israel ben Elieser, wurde um 1700 in Okop, Podolien geboren und starb 1760 in Miedzyboz, Schlesien. Er ist der Begründer des Chassidismus. Bis heute besuchen seine Adepten dort sein Grab. Viele leben inzwischen in New York.

Insgesamt ist zu sagen, dass die Doku-Serie ein lobenswerter Versuch ist, jüdische Geschichte umfassend darzustellen. Spätestens seit dem 3. Teil, als sie anhand persönlicher Schicksale vorgeführt wird, wird sie greifbarer und verständlicher, die Schilderung richtiger, trotz der weiter oben erwähnten und weiterer, nicht erwähnter Mängel. Für Zuschauer, die sich für das Judentum interessieren, bietet sie eine erste Information. Da dieses Thema so wichtig ist, sind die offensichtlichen Mängel, die sich trotz der eindrucksvollen Liste von Beratern eingeschlichen haben, umso mehr zu bedauern. Man sollte halt wissen, an welche Berater man sich wendet.

„Die Juden -- Geschichte eines Volkes“. 5-teilige Doku-Serie, erstmals ausgestrahlt von arte am Dienstag, 6. März 2007, von 20.40 bis 23.05 Uhr, 3 Teile, und am Mittwoch, 7. März, von 20.40 bis 22.20, 3 Teile.
Ein zweites Mal wird diese Doku-Serie im Ersten in 6 Teilen, jeweils sonntags ausgestrahlt, beginnend am Sonntag, 11. März 2007, von 17.30 bis 18.00 Uhr.

Kommentare

Tragen Juden tatsächlich keinen Ehering? Das wäre mir neu.
18/03 15:22:47
Die Frau bekommt einen Ehering von ihrem Mann.
19/03 22:57:21
Schon mal auf die Karte gesehen, wie weit es von Goschen bis Sinai ist? Dafür 50 Tage? Vor der Haustür, genauer gesagt NACH WIE VOR im Herrschaftsgebiet des rachesüchtigen Pharao?
04/04 17:14:33
e bay
31/05 11:24:42

eigener Kommentar








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