-- Schwerpunkt: Von Ost nach Nahost
Judentum und Israel
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Heiraten auf israelisch

Nicht das ich etwas gegen den Bund fürs Leben gehabt hätte, doch ich war schlicht und ergreifend nicht auf die ganze Lebensphilosphie, die damit einherging, vorbereitet. In Deutschland war ich genau zweimal in meinem Leben bei einer Hochzeit gewesen. Meine Verwandtschaft war nicht besonders groß und die wenigen meiner Freunde, denen schon danach gewesen war, sich das Jawort zu geben, hatten ausgerechnet dann geheiratet, wenn ich mit meinen Finanzen am Ende war. So kannte ich vage die wohlsortierte, teutonische Ansammlung engster Verwandter und Freunde, die umstandslose Trauung im Rathaus, anschließendes Essen und Gesellschaftspiele...

Doch hier in Israel war alles anders. Eine Hochzeit war ein Großunternehmen, eine Art Kooperationsgenossenschaft, die versuchte die verschiedenen Interessen der Hauptteilnehmer zu koodinieren, eine Familienangelegenheit aber keine Familienfeier.

Israelische Hochzeitsvorbereitungen fingen schon lange vor der Hochzeit an, wobei das Hauptaugenmerk auf der Gästeliste und dem Brautkleid lag. Beim zweiteren konnte man eigentlich nicht viel falsch machen, da die ordentliche Braut in Weiß und in der Variante Cinderella zu heiraten hatte, doch drehten sich existenzielle Fragen um die Menge der Stickerei, die Knappheit des Mieders und die Weite des Rockes. So konnten sich die Gemüter der weiblichen Verwandtschaft schon mal ernsthaft an Stoffproben und Schneidervorlagen überhitzen.

Von viel größerer Tragweite jedoch war die Auswahl der Gäste, beziehungsweise konnte man von Auswahl in dem Sinne nicht sprechen. Es wurde einfach eingeladen was das Zeug hielt. Nicht nur Verwandtschaft und Freunde mussten dabeisein, wo es was zu feiern gab, sondern auch die Randerscheinungen im Leben sämtlicher Väter und Mütter. Vergangenheit und Gegenwart spielten dabei keine Rolle und hatten die Eltern oft genug Arbeitsplatz und Wohnort gewechselt, kam eine stattliche Anzahl derzeitiger und ehemaliger Berufskollegen und Nachbarn zusammen, die beim Feiern nicht fehlen durften. So fand sich das Hochzeitspaar in der absurden Situation wieder einen nicht abreissenden Strom fremder Hände zu schütteln und in Gesichter Danke zu sagen, die es überhaupt nicht kannte.

Und dann war da noch die Sache mit dem Einladen generell. In Israel ging man zwar auf jede Hochzeit, aber das nicht unbedarft. Im Gegenteil, so etwas überlegte man sich reiflich. Schließlich nahm man mit der Einladung gleichzeitig die Verpflichtung auf sich, den heutigen Gastgeber auf seiner Gästeliste von morgen zu berücksichtigen. In Anbetracht derart ausladender Erst- und Revanchiereinladungen erreichten Hochzeitsfeiern voluminöse Ausmaße von bis zu 500 Gästen und diese Riesenveranstaltung lief immer nach demselben Schema ab.

Der Ort der Feierlichkeiten war gewöhnlicherweise ein "Gan Eruim", auf Deutsch ein Veranstaltungsgarten oder -park. Ein sorgfältig dekoriertes Stück scheinbarer Natur mit angrenzender Festhalle, dass man hierzulande an allen möglichen und unmöglichen Plätzen finden konnte: Im Kibbuz und in der Stadt, in Naturparks, aber auch direkt neben der Autobahn konnte man den schönsten Tag seines Lebens feiern.

Die Gäste trafen nach und nach ein, wurden mit Apperitifs und Kurzgebratenem bei Laune gehalten, schlenderten im Garten umher und wenn die letzten Zeitverschieber und Uhrfremden endlich eingetroffen waren, konnte die eigentliche Trauung beginnen.

Mit dem Trauungsbaldachin, der Ringansteckung, den sieben Gebeten und dem Zerbrechen des Glases, hatte man schon den aufregendsten Teil des Abends hinter sich und vorzugsweise den mittelreifen, weiblichen Verwandten begann jetzt das Wasser in die Augen zu steigen. Dem Großteil der nur angefütterten Gästeschar dagegen blieb das Wasser auf dem Weg dahin im Munde hängen.

Nach der glücklich beendeten Trauung nahmen die Gäste an den ihnen zugewiesen Tischen Platz und der schönste Teil des Abends begann. Die Teller bogen sich unter der Last der verschiedenen Haupt- und Nebenspeisen und wo man sich der Illusion hingeben konnte, umsonst zu essen, langte man relationslos zu und ließ dann die Hälfte davon stehen.

Natürlich waren Essen und Feiern nicht wirklich umsonst. Schließlich hatte jeder Gast an der Rezeption seinen Scheck für das glückliche Brautpaar abgeben müssen. Und so war es vielleicht der Grimm über die Höhe der Schecks, der die Feiernden dazu brachte, die Teller vollzutürmen und sich die Bäuche verbissen nur mit der Hälfte davon vollzuschlagen.

Mit dem Wunsch nach Geldgaben, der unten an den Einladungstext dezent aber unübersehbar angefügt wurde, zeigte das Völkchen der Israelis einen unvergleichlichen Sinn fürs Praktische. Man schlug zwei Fliegen mit einer Klappe. Über die platzsparende Verstauung unschöner Geschenke im Haushalt musste sich das junge Paar garnicht erst den Kopf zerbrechen und gleichzeitig deckte man die immensen Ausgaben die eine solch opulente Hochzeitsfeier verschlang. So bezahlte jeder Gast seine Schmausereien letzten Endes selbst und es blieb noch etwas für die künftige Familienkasse übrig.

Spätestens nach dem Essen lichteten sich die Reihen der Hochzeitsgäste erheblich. Die meisten Anwesenden wares zu diesem Zeitpunkt einstimmig der Meinung, dass man mit der Anwesenheit bei der Trauungszeremonie den Gastgebern Genüge getan hätte und mit der beim Hochzeitsmahl seinem eigenen Geldbeutel. Ausgaben und Nutzen hielten sich somit wieder einigermaßen die Waage und man konnte beruhigt nach hause gehen.

Dabei ging die Feier noch weiter. Jetzt wurde getanzt und getrunken und man ließ Braut und Bräutigam hochleben. Für mich war das immer der Anlaß, mir eine Bleibe möglichst weit weg von der Tanzfläche zu suchen und darauf zu hoffen, dass niemand auf die Idee kam, ausgerechnet zu Mittelmeerschlagerklängen mit mir schunkeln zu wollen.

Hatten selbst die Hartnäckigsten genug von Wein, Weib und Gesang, wurden die Lichter ausgemacht und auch das Brautpaar konnte nach hause gehen.

Dort begann für die meisten Frischvermählten der eigentlich schönste Teil vom schönsten Tag ihres Lebens: die Öffnung und Auszählung der Scheckbriefe. Gewissenhaft saß man dann in tiefster Nacht vor dem Computer und rechnete mittels Excel die Geldsummen zusammen. Und bei der Gelegenheit erstellte man gleich noch eine Finanzliste für spätere Anlässe. So würde man immer genau wissen, was man von wem bekommen hatte und was man ihm an seiner Hochzeit schuldig war.

Category: General
Posted 06/26/07 by: admin



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Comments

wrote:
Kol hakavod, Lisa!

Originell.
Sehr unterhaltsam.
Authentisch.

Als waere man selbst dabei gewesen.

Gruesse!
06/27/07 05:07:53

wrote:
Dein Text hat mich echt beruhigt, dass Geldspenden andernorts ülich sind bei Hochzeiten.
Ich hab immer geglaubt, meine eigene Ehe hat nur knapp 3 Jahre gehalten, weil der verlangte Geldsegen bei der Hochzeitsfeier (für s Haus) (Idee vom Bräutigam) hatte Unglück gebracht. grins
-viele Liebe Grüsse, - schreib weiter so!
08/31/07 21:20:17

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