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Können Juden Antisemiten sein? Wohl kaum. Aber sie können sich antisemitisch äußern. Anmerkungen über Selbsthass, Tabubrüche und die Freude der Mehrheitsgesellschaft...

Von Sergey Lagodinsky
Jüdische Allgemeine v. 26.04.2007


Zu meiner gelungenen Integration als „Russe“ in Deutschland gehört der Umstand, dass ich weiß, wer Maxim Biller ist. Und welch ein Glück, dass ich „integriert“ bin. Denn hätte ich über den Schriftsteller nichts gewusst, wäre mein empörter Brief an den Chefredakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schon unterwegs. Vor einigen Wochen platzierte das Wochenblatt eine Kurzgeschichte über einen reichen Juden, der nur unter sichtlichen Schmerzen und weil es nicht mehr zu vermeiden war, eine viertel Million Euro für Darfur spendet, gleichzeitig von seiner Frau Sima für ein neues Kleid und eine wiederholte Brustvergrößerung ausgenommen wird und anschließend irritiert feststellt: „Nächstes Mal geb’ ich lieber wieder nach Israel Geld, da sind dann zumindest die eigenen Leute undankbar.“

Der Text protzte geradezu mit klassischen antisemitischen Anspielungen und verdiente eine ordentliche Protestkampagne durch Honestly Concerned, eine Medienbeobachtungsstelle gegen Antisemitismus, wäre der Autor dieses Textes, Maxim Biller, nicht selber Jude.

Wenn der Frankfurter Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik in der Berliner tageszeitung fragt, ob es denn Antisemitismus unter Juden gebe und dabei feststellt, dass dies „eine empirische, keine grundsätzliche Frage“ sei, will man ihm (ausnahmsweise) widersprechen. Die Frage kann nicht damit abgetan werden, dass, so wie es „frauenfeindliche Frauen oder schwulen- feindliche Homosexuelle“, es auch jüdische Antisemiten gebe. Wer den Begriff des Antisemitismus, seine komplexe Geschichte und seine besondere Natur ernst nimmt, sollte sich hüten, Juden als Antisemiten zu bezeichnen. Dies bedeutet nicht, dass sie keine antisemitischen Äußerungen von sich geben können. Empirisch kann man solche sehr wohl nachweisen.

Doch kann man auch sagen, dass Juden damit selbst zu Antisemiten werden? Will man den giftigen Sarkasmus Henryk Broders oder die bittere Satire Maxim Billers weiterhin unbeschwert lesen und unter Umständen gar genießen können, so müsste man anerkennen, dass die Frage des „jüdischen Antisemitismus“ keine empirische, sondern eine strukturelle ist: Juden können antisemitische Klischees aussprechen oder gar erfinden. Antisemiten sind aber meist die anderen, die diese Klischees gegen sie wenden.

Zwei Gründe sprechen für die strukturelle Unmöglichkeit des jüdischen Antisemitismus. Der erste Grund ist soziologisch, der zweite ist psychologisch. Das Gruppensoziologische erklärt die Schärfe der jüdischen Selbstkritik, das Psychologische die Bitterkeit des jüdischen Selbsthasses. Aus gruppensoziologischen Gesichtspunkten muss man erkennen, dass in einer Gemeinschaft, die durch gemeinsame Erlebnisse oder eine gemeinsame Identität zusammengehalten wird, durchaus eine andere Sprache Verwendung findet, als die, die man von Außenstehenden erwartet.

In einer Gemeinschaft toleriert man gegenseitige Umgangsformen, die die kollektive Selbstkritik bis an die Grenzen des Erträglichen treiben. Die gemeinsame Zugehörigkeit wirkt enthemmend, sie fordert zur schonungslosen Reflexion auf, die oft an Selbstmarterung und Selbstzerfleischung grenzt. Nicht umsonst stammen die meisten Witze über Juden von Juden selbst, wurzeln sie doch in ihrer scharfen, häufig verzweifelten Selbstironie.

Erst wenn eine jüdische Anekdote den Bereich des Gemeinschaftlichen verlässt und von Nichtjuden angeeignet wird, hört sie auf, ein jüdischer Witz zu sein und wird zu einem Judenwitz. Der Witz verkehrt sich in seiner Funktion von einem gemeinschaftskritischen Blick in eine gemeinschaftsfeindliche Waffe. Es ist also falsch, sich in bemühter Objektivität zu üben und die Äußerungen von Juden an den Maßstäben zu messen, mit denen man Äußerungen von Nichtjuden bemisst. Die Perspektive eines Juden ist eine erkennbar andere, auch wenn der Inhalt seiner Äußerungen antisemitisch klingen mag.

Der zweite Grund, warum es falsch ist, von jüdischen Antisemiten zu sprechen, ist ein psychologischer. Es gibt nämlich klare Unterschiede in der psychologischen Funktionsweise zwischen dem nichtjüdischen Antisemitismus und dem jüdischen Selbsthass. Letzterer ist alles andere als ein neues Phänomen. Schon Walther Rathenau, der spätere Außenminister der Weimarer Republik, hat ihn 1897 in seinem Artikel „Höre Israel“ auf plakative Art und Weise praktiziert, als er Juden zur Anpassung an das „Germanentum“ aufforderte. Rathenau war nicht der erste Jude, der mit seinem Jüdischsein ein Problem hatte. Er blieb auch nicht der Letzte. Theodor Lessing hat die Geschichte einiger in seinem 1930 veröffentlichten Band "Der jüdische Selbsthass" zusammengestellt. Es gibt einige Forscher, die vermuten, diesem Selbsthass liege der Wunsch zugrunde, sich aus der Opferrolle und dem Ziel antijüdischer Aggressionen zu befreien. Andere sprechen vom Drang, die eigene gruppeninterne Marginalisierung zu verarbeiten.

Ob bewusst oder unbewusst, die Zugehörigkeit dieser Menschen zum Kollektiv der Juden ist stets der Ausgangspunkt ihres komplexen Verhältnisses zum eigenen Jude sein. Dies unterscheidet den jüdischen Selbsthass, der durchaus antisemitische Züge annehmen kann, vom klassischen Antisemitismus. Juden können also antisemitische Klischees reproduzieren oder bedienen, jedoch keine Antisemiten sein. Dies hat weitreichende Konsequenzen. Denn damit verschiebt sich die Diskussion, weg von den problematisch redenden Juden hin zur problematisch denkenden nichtjüdischen Mehrheit. Allzu häufig instrumentalisiert die Mehrheitsgesellschaft die umstrittenen Äußerungen von Juden für ihre eigenen Zwecke.

Vor diesem Hintergrund ist die heftig diskutierte, vom American Jewish Committee veröffentlichte Kritik von Alvin Rosenfeld, Professor für Jüdische Studien in den USA, an den sogenannten progressiven Juden richtig und falsch zugleich. Richtig ist Rosenfelds Analyse, die ein Phänomen ausmacht, das sich kaum leugnen lässt: Es gibt eine Reihe jüdischer Stimmen, die scharf israelkritische, antizionistische, ja antisemitische Inhalte (re)-produzieren. Falsch ist es aber, diese Menschen als das eigentliche Problem auszumachen, statt den instrumentellen Umgang mit ihren Äußerungen durch die Mehrheitsgesellschaft zu thematisieren. Diese Instrumentalisierung in Zeiten der „Tabuisierung“ erfüllt eine Funktion: Eine öffentliche Debatte wird zu einer Polemik in Stellvertretung.

Es ist schwer zu übersehen, dass die öffentlich geltenden Grenzen des guten Geschmacks manch einem Bürger als zu eng erscheinen. Bestimmte Äußerungen sind im deutschen Nachkriegsdiskurs mehr oder weniger marginalen Gestalten wie Rupert Neudeck und Ministern a.D. wie Norbert Blüm oder Andreas von Bülow vorbehalten. Doch sogar aktive Politikerinnen und Mainstream-Prominenz à la Bischof Mixa, der vor kurzem von einer „ghettoartigen Situation“ in den besetzten Palästinensergebieten sprach, die „fast schon Rassismus“ bedeute, lassen sich gerne zu grenzwertigen Positionen hinreißen. Auch wenn solche Äußerungen für die Karriere oft folgenlos bleiben, bereiten sie doch beim formulieren Mühe, weil man sich auf dem dünnen Grenzstreifen zwischen Israelkritik und Antisemitismus orientieren und mit öffentlichen Gegenreaktionen auseinandersetzen muss, die nicht immer angenehm, aber immer zeitraubend sind.

Um Unannehmlichkeiten zu reduzieren, bedient man sich daher schon bei der Äußerung problematischer Positionen jüdischer Stimmen. Mit solcher Polemik in Stellvertretung schleust man Inhalte in die öffentliche Diskussion hinein, die man selbst nicht zu äußern wagte. Mehr noch, durch deren jüdische Urheberschaft werden solche Äußerungen zusätzlich legitimiert und enttabuisiert. So dient die Herkunft der jüdischen Stimmen von Alfred Grosser über Uri Avneri bis Noam Chomsky der Mehrheitsgesellschaft unausgesprochen als Versicherungspolice gegen Vorwürfe der Unausgewogenheit oder gar des Antisemitismus.

Um eines klarzustellen: Wie alle anderen müssen auch jüdische Israelkritiker in den Medien zu Wort kommen. Für dieses ihr Recht trete ich entschlossen ein. Doch ist ihre vermehrte mediale Präsenz immer dann suspekt, wenn die jüdische Herkunft zu deren einziger medialer Existenzberechtigung wird. Nicht alles, was sie sagen, ist antisemitisch. Doch machen wir uns keine Illusionen: Vieles davon klänge, wenn von einem Nichtjuden ausgesprochen, weder originell noch tolerabel. Man fragt sich daher, was sich respektable Medien aus solchen Auftritten versprechen – so zuletzt die Frankfurter Rundschau und die „Internationale Politik“, die den Publizisten Alfred Grosser mit seiner eher langweiligen und wenig reflektierten Israelpolemik prominent platzierten.

Nein, Juden können keine Antisemiten sein. Sie können sich aber, wie alle anderen, unreflektiert bis antisemitisch äußern. Es gehört zu den Aufgaben einer aufgeklärten Öffentlichkeit, auch in kritischen Äußerungen von Juden sinnvolle Gedanken von substanzloser Polemik zu unterscheiden, statt „Tabubrüche im Auftrag“ zu inszenieren. Gelingt uns als Gesellschaft eine solche Differenzierung nicht, so drohen die „jüdischen Stimmen“ zu einer bequemen Geräuschkulisse für die Ressentiments der Mehrheit zu verkommen.

Sergey Lagodinsky ist Publizist und Rechtswissenschaftler in Berlin.

Category: General
Posted 06/19/07 by: admin



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Comments

wrote:
Natürlich gibt es Juden, die sich de facto antisemitisch äußern und deren Stimmen von Nichtjuden allzu gerne als Feigenblatt für den eigenen Antisemitismus verwendet werden. Das Problem sind aber nicht die jüdischen Stimmen, sondern deren bereitwillige Instrumentalisierung nichtjüdischerseits.
06/19/07 21:46:26

wrote:
Vielleicht wären Sie ohne einen "" giftigen Sarkasmus "" eines Henryk M. Broder nicht mehr aufgewacht, Herr Sergey Lagodinsky.
06/20/07 08:30:10

wrote:
Durch diese "Instrumentalisierung nichtjüdischerseits" laufen Juden Gefahr ihre eigenen dringenden Auseinandersetzungen um Verbesserung des eigenen Lebens zu vernachlässigen. Die Lebendigkeit bleibt dabei auf der Strecke, das Leben wird zunehmend kontrollierter, zwanghafter, unerträglicher, zumindest im "jüdischen Kontext".
Als Ausweichmöglichkeit bliebe dann nur noch die Abkehr von der jüdischen Gemeinschaft.
06/20/07 11:37:27

wrote:
Soviel ich weiss wurde Lagodinsky bereits in Wien als Schande Israels angeprangert.
Hut ab, wer sich bei solchen Methoden noch getraut ein mutiges Wort einzuwenden.
06/20/07 16:10:38

wrote:
„Nächstes Mal geb’ ich lieber wieder nach Israel Geld, da sind dann zumindest die eigenen Leute undankbar.
Den tieferen Sinn dieses Satzes möchte ich nicht kommentieren, jedoch auf Begrifflichkeiten Bezug nehmen.
Israel darf erwarten, von in der Diaspora lebenden Juden unterstützt zu werden. Dankbar muß hier niemand sein. Es gehört(nach meiner Meinung) zu den Pflichten eines jeden Juden sein Bestes für Israel zu geben !
....... mit Allem, was du hast und was du bist.
06/23/07 11:41:46

wrote:
Lagodinsky war nicht Schande Israels, sondern erschien kurz auf der Webseite des beknackten Samuel Laster in der Rubrik "Jewish Hall of Shame" und zwar aus für mich und für viele anderen unerfindlichen Gründen...
06/24/07 22:24:30

wrote:
Ich kenne mich nicht wirklich aus bin vielleicht unreflektiert und ich weiß nichts über Lagodinsky und seine Positionen - bis auf diesen Artikel. Er ist spannend, ich fühle mich zum Nachdenken provoziert und verunsichert - das ist erstmal gut.
Die Äußerung des Bischof Mixa (den ich auch nicht weiter kenne) wird als grenzwertig beschrieben. Meine Frage dazu wäre: Mag sein, dass Juden_Jüdinnen nicht antisemitisch sein können. Der Artikel scheint mir einleuchtend... und hat meine Frage, ob denn der Herr Kreisky antisemtisch war vielleicht beantwortet.
Aber können Juden_Jüdinnen denn Rassisten sein? Dem Bischof Mixa scheint das zumindest nicht ausgeschlossen. Aber verneint Herr Lagodinsky das ebenfalls - undzwar mal unabhängig hinsichtlich der Lage in den Palästinensergebieten? Und sind Ausführungen von Eugen Drewermann (verdeckt)antisemitisch:"Die Religion Israels, von der das Christentum wesentlich geprägt ist, besaß zur Natur von vornherein ein außerordentlich heikles Verhältnis." Das Zitat steht im Zshg. mit der Kritik an (religiösen) Weltbildern (auch Christentum, Römer) wie sie in der Antike waren, in deren Naturentfremdung er die geistigen Grundlagen heutiger Naturzerstörung sieht (vgl. Der tödliche Fortschritt. Von der Zerstörung der Erde und des Menschen im Erbe des Christentums.Freiburg 1991, 3.Aufl.,S.72)
06/27/07 10:25:13

GSchulz wrote:
Shlomo wrote:

"...Lagodinsky war nicht Schande Israels, sondern erschien kurz auf der Webseite des beknackten Samuel Laster in der Rubrik "Jewish Hall of Shame"..."

Ein weiterer Beweis fuer den zweifelhaften "Ruhm" dieses Lagodinsky.
06/27/07 21:02:20

wrote:
Eher ein Beweis für die zweifelhaften Methoden des Herrn Laster.
Wo ist deine inhaltliche Kritik an Lagodinsky? Schon zweimal hast du gepöbelt. Also was jetzt?
06/28/07 01:12:03

GSchulz wrote:
@ Danuba

"Wo ist deine inhaltliche Kritik an Lagodinsky?"

Stimmt. Schwache Leistung von mir.

Gib mir bitte ein Beispiel fuer "zweifelhafte Methoden" oder was Du dafuer haeltst.
Wenn Du einen entsprechenden Link Zur HAnd haettest, waere es noch noch besser.
Danke.
06/28/07 05:42:53

wrote:
@ Danuba
&
@ SHLOMO

Lagodinsky dient sich den Herrschenden in Deutschland an, versucht
zumindest blauäugig sich der Sozialdemokratie anzudienen, deren
Altkanzler gerade in Damaskus Ehrendoktor wurde.
Lagodinsky redet absichtlich jüdischen Antisemitismus klein und fand
sich deshalb, durchaus begründet, in der "HALL OF SHAME" wieder (Die mittlerweile geleert wurde).
@ SHLOMO

Hat die Kritik
an Samuel Laster Wirkung gezeigt? Warum bezeichnest Du ihn als "durchgeknallt"?

Sicher ist es nur Danubas Aufmerksamkeit entgangen Dir zu antworten:
"Bitte begründe es anstatt einfach zu beleidigen".

Nebenbei bemerkt rechne ich es Samuel Laster hoch an, den folgenden Artikel ins Netz gestellt zu haben.
Von haGalil haette ich zwei, drei Saetze
ueber diese E H R U N G Schroeders in Damaskus erwartet.

Schröders arabische Freunde

http://www.juedische.at/
Von Hans-Peter Raddatz 

In der vergangenen Woche hat die Universität Damaskus dem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) die Ehrendoktorwürde verliehen. In der Begründung hieß es, mit der Auszeichnung wolle man einen Mann würdigen, der sich betont für die "arabische Sache" und den Dialog zwischen den Kulturen eingesetzt habe. 

In seiner Dankesrede hob Schröder hervor, dass die Völkergemeinschaft dem "Friedensprozess im Nahen Osten oberste Priorität" einräumen und dafür sorgen sollte, dass die USA sich aus dem Irak und Israel von den syrischen Golanhöhen zurückziehen.
06/29/07 05:13:39

wrote:
(Fortsezung)
Auf den ersten Blick könnte man angesichts der Flut von Preisen und Würden, mit denen sich die Eliten untereinander weltweit auszeichnen, und die Abgegriffenheit der dabei ausgetauschten Wortmünzen zur Tagesordnung übergehen.

Bei näherem Hinsehen erinnert der vorliegende Fall allerdings von der Sache und vom Zeitpunkt her an einige Besonderheiten des Nahost-Konflikts, die ihn beispielhaft aus der Routine der elitären Selbstbespiegelung herausheben.

Zunächst sind zwei Zielvorstellungen ins Gedächtnis zu rufen, deren Untrennbarkeit leicht vergessen wird: Der "Friedensprozess und die "arabische Sache" sind zwei Seiten desselben Problems, das die "Völkergemeinschaft" seit vielen Jahren vor sich herschiebt. Als oberstes Motiv lässt dieses Geschehen weniger den Willen zum Friedensgewinn, sondern zum Zeitgewinn erkennen, denn immerhin ist die Vernichtung Israels oberste Priorität der "arabischen Sache".

Unter stetigem Hinweis auf eine gesicherte Ölversorgung spielt sowohl in der Uno als auch in der EU die "arabische Sache" eine maßgebliche Rolle. Ohne Zustimmung der Araber-Lobby am East River ist die Uno handlungsunfähig, insbesondere wenn es um die Teilnehmer-Nationen der "Friedenstruppen" im Nahen Osten geht. Insofern erschien es natürlich, dass die Unifil-Truppe von Anbeginn (1978) mit der PLO, später mit der Hamas kooperierte.

Indem sie beide finanziell unterstützte, schwenkte die EU in diesen Trend ein, wobei die Regierungen Chirac/Schröder eine wichtige, proislamische Doppelstrategie betrieben. Mit der "Islamic Conference" verstärkten sie den pro-arabischen Dialog, der die EU-Mehrheit zum Irak-Kriegsverweigerer und den Islam - laut European-Arab-Dialogue (EAD) - zum "Miteigner Europas" machte. Parallel dazu lief mit den Teheraner Mullahs der proiranische Dialog, der im Atomstreit auf Zeit spielte und dem Präsidenten Ahmadinedschad die Muße gab, über ein "Ausradieren Israels" nachzudenken.

Während sich Israel selbst in diesem "Strukturwandel" logischerweise zum "Terrorstaat" mauserte, erhielten die Araber durch die "iranische Sache" Konkurrenz. Als deren Sachwalter trat wiederum Syrien auf den Plan. Das Land versteht sich spätestens seit 1982 als "Ordnungsmacht" im Libanon und dessen Subversion durch die Hisbollah. Seither wurde Syrien zum Multiplayer des Orients: zum "Paten" der iranischen Schutzmacht, über die Golan-Höhen zum Dauerspieler im "Friedensprozess" und mit Damaskus zum Zentrum der Hamas. Wenngleich - oder weil - ebenso in die Atom- und Drogenmafia integriert, blieb es von der US-Klassifikation zum "Schurkenstaat" verschont.

Unter Berücksichtigung dieses Hintergrunds, den Deutschland entscheidend mitgestaltet hat, würdigt der Damaszener Ehrendoktor den Fürsprecher einer historisch gewachsenen, eben der arabisch-iranischen Sache. Hinzu kommt die Vorstandsfunktion des Geehrten beim russischen Energiekonzern Gazprom. Da Syriens ohnehin bescheidene Ölreserven bis 2013 erschöpft und die iranische Loyalität keineswegs garantiert sind, kann es nicht schaden, den Kreis der Optionen rechtzeitig zu erweitern.

Als bisher einzige Größe, auf die man sich - zumindest bisher - verlassen konnte, erschien die Unfähigkeit des "Friedensprozesses", Frieden zu schaffen. So wird zunächst auch offen bleiben müssen, welche Rolle die Bundesmarine als Kontrollorgan für die Waffenlieferungen vom Meer her spielen kann. Dass hier bereits mehrere, "unprofessionelle Pannen" passiert sind, stößt bei der Hisbollah und ihrer syrischen Schutzmacht kaum auf Kritik.

Wie der Ehrendoktor darüber denkt, wissen wir nicht. Doch wurde ihm die Würde ausdrücklich als Anwalt der "arabischen Sache" verliehen, die ein Zweistaaten-Konzept und damit das Existenzrecht Israels ausschließt. In der deutschen Öffentlichkeit blieb der Vorgang weitgehend unbemerkt. Das Wort von der "Islamophobie" - eine Erfindung des Ajatollah Khomeini - geht somit offenbar ins Leere. Insofern dürfen wir auf die nächste Preisverleihung gespannt sein, von der wir besser lernen können, wie wir die Verantwortung gegenüber den Juden und den Arabern abzuwägen haben.

"die jüdische" 27.06.2007 19:32
06/29/07 05:14:33

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